04.01.1947

Die armen Nazis

Alfred Loritz hat es geschafft. Er ist Minister geworden. Sonderminister sogar. Vierzehn Tage vor seiner Ernennung hatte er einen Autounfall erlitten, und man bot ihm zuerst das Verkehrsministerium an. (Jeder Minister müsse "vom Fach" sein, fordert die WAV.) Aber er ging aufs Ganze* und erhielt den schwierigsten und undankbarsten Posten im Kabinett, auf dem auch der redegewaltigste Politiker Aussicht hat, sich abzunutzen. Zudem ist dieses "enfant terrible" des bayerischen Landtags nun auf gute Weise abgelenkt, wenn auch nicht zum Schweigen gebracht.
Gleich nach seiner Ernennung stieß der neue Minister in die Eröffnungsfanfare und gab über Radio München eine proklamatische Erklärung ab, in der er alle Mitläufer als Opfer des Nazi-Terrors bezeichnete und den standhaften Volksgenossen, die nicht der Partei angehört haben, Belohnung und Auszeichnung verhieß. Einen Atemzug später erklärte er, "die Nazis werden jetzt nichts mehr zu lachen haben". Loritz' Chauffeur behauptet, daß sein Herr hohe Geschwindigkeit liebe.
Er ist der Schöpfer der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung, die bei den letzten Landtagswahlen 225 000 Stimmen erhielt (13 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen).
Ihre Hauptziele sind: nur Fachleute als Minister, wichtige Entschlüsse nur durch Volksentscheid wie in der Schweiz, und Entnazifizierung so, daß man die Großen hängt und die Kleinen laufen läßt. Die WAV bezeichnet diese Leute, die 1933 das Ermächtigungsgesetz unterschrieben haben, als die Hauptschuldigen.
Loritz' Gegnerschaft zur CSU datiert noch aus der Zeit vor 1933, wo er als Abgeordneter der Wirtschaftspartei Gegner der Bayrischen Volkspartei war. Wie Joseph Müller war er früher Rechtsanwalt, aber nicht so erfolgreich.
Ausländische Zeitungen vermerken mit leichtem Unbehagen seine Angewohnheit zu schreien und im Bürgerbräukeller zu sprechen, seinen durchdringenden Blick und seine Hitler-Tolle. Sie vermerken aber auch, daß er der Wirtschaftspartei den Rücken kehrte, weil sie ihm zu sehr nach rechts tendierte, daß er von den Nazis mehrere Male eingesperrt war und daß er als Verbindungsmann der deutschen Widerstandsbewegung in der Schweiz eine nicht ganz durchsichtige Rolle spielte.
Er selbst und seine Anhänger sind in diverse Prozesse mit Ministern und anderen Politikern verwickelt, die gegen ihn Strafantrag wegen Verleumdung und Beleidigung gestellt haben. Bis jetzt verlor er sie alle.
Nichts zu lachen Sonderminister Loritz (ohne Hitlertolle)

DER SPIEGEL 1/1947
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