04.01.1947

Kandidat der letzten Stunde

In der kleinen Loge aus Tannengrün, von
der aus am Heiligen Abend General Joseph McNarney seine Weihnachtsansprache an das Volk von Frankfurt hielt, saß auch ein Mann mit ernsten, verschlossenen Zügen: der neue Ministerpräsdent von Hessen, Christian Stock*). Er ist ein Kandidat der letzten Stunde. Sein Name fiel ganz zum Schluß der Präsidentendebatte, aber im gleichen Augenblick war auch schon sicher, daß man ihn wählen würde.
Die SPD hatte sich plötzlich auf den Sohn des Zigarrenwicklers geeinigt, der es bis zum Präsidenten der Landesversicherungsanstalt gebracht hatte - auf dem mühsamen und schließlich gefahrvollen Umweg der politischen Karriere.
Als der jetzt 62jährige ein unbekannter junger Mensch von-26 Jahren war, wurde er Gewerkschaftssekretär in Darmstadt. Er diente sich in der Sozialdemokratie hoch, wurde 1919 Mitglied der Nationalversammlung in Weimar, 1922 Direktor der Ortskrankenkasse Heidelberg und zog zehn Jahre später in jenen gewaltigen, grauen Steinkasten am Main zu Frankfurt, der die dortige Ortskrankenkasse beherbergt.
Dieses Haus haßten die Nazis wie die Pest, kein Mensch wußte warum, aber es war klar, daß sie im März 1933 Christian Stock aus dem Amt warfen und ins Kz brachten, wo er acht Monate zubrachte.
1945 wurde er Präsident der Landesversicherungsanstalt Hessen. Er ist ein bedeutender Fachmann mit großen Plänen. Auf seinem Posten ist er unersetzlich, kein Mensch dachte daran, ihn zum Ministerpräsidenten zu machen, bis sein Name plötzlich neben denen des bis dahin ständig zitierten Darmstädter Regierungspräsidenten Prof. Bergsträßer und des Staatssekretärs Brill genannt wurde. Stock gilt im Lande der Bergstraße als der Kandidat Willi Knothes, und Knothe ist ein mächtiger Mann in der SPD.
Die Begleitumstände sind inzwischen bekannt geworden: Die SPD hatte erklären lassen, Bergsträßer habe auf seine Kandidatur verzichtet. Dies geschah, während Bergsträßer sich in Frankreich befand und sich mit dem früheren französischen Botschafter in Berlin, Francois-Poncet, unterhielt. Als er zurückkehrte, gab er der Presse eine grobkörnige Erklärung, er habe mit keinem Wort auf seine Kandidatur verzichtet. Die SPD schwieg, aber ihre Anhänger schwiegen nicht alle. Sicher ist, daß auf Prof. Geiler kein zweiter Professor als höchster Mann in der hessischen Regierung folgt.
Vielen erschien er als ein trefflicher Nachfolger Wilhelm Geilers. Er ist ein Mann in der Mitte der Sechziger, ein Grandseigneur. Er liebt helle Anzüge, eine Blume im Knopfloch, moderne Kunst und Gedichte von Goethe. Er spricht englisch wie ein Amerikaner und war lange Jahre im Ausland. Er erzählt mit Begeisterung von der Geburt des Expressionismus und kommt im nächsten Augenblick mit eisiger Klarheit auf die Härten der deutschen Wirklichkeit zurück.
Er hat als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter Hitler bis zur letzten Möglichkeit bekämpft Er war nie im Kz, aber das liegt an seinem Glück und an seiner Schläue. Er gehörte zum Kreise der Leute um Leuschner. Wenn er mit Leuschner in Berlin telephonierte, nannte er sich Dr. Pampel und in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg trat er in Paris und London bei seinen Gesprächen mit den Emigranten als schlichter Ludwig Weiland auf. Seine Verdienste um die hessische Verfassung sind groß. Die Studenten der Frankfurter Universität lieben seinen Witz.
Er ist offenbar Weltmann genug, um auch die. Ausschiffung hinter seinem Rücken, mit gelassener Würde zu tragen. Im neuen Landtag wird er eine der interessantesten Figuren sein.
*) In der Schlagzeile des Berliner "Morgen" figurierte er als Christoph Kopf, womit nach Niedersachsens Regierungshaupt der zweite Kopf Ministerpräsident geworden wäre.
Unter dem Ebertbild: Christian Stock

DER SPIEGEL 1/1947
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