04.01.1947

Union ohne festen Sitz

In dem munteren Zonenschießen, das zur Zeit in Deutschland stattfindet, bewegen sieh zwischen München und Berlin die Geschosse mit dem eigenartigsten Knalleffekt. Manchmal sind es verfrühte Silvesterknallfrösche, wie im Fall der Donauföderation.
Schumacher, Högner und der Sozialist Julius Deutsch, der ein Oesterreicher ist, sollten in München Über die Bildung eines süddeutschen Staatenblocks verhandelt haben. Der Führer der österreichischen Sozialisten, Vizekanzler Dr. Schärf, sollte diese Begegnung zugegeben haben. Es ist derselbe Schärf, der Schumacher während dessen London-Besuch in punkto Grenzfrage mit aufsehenerregender Schärfe geantwortet hatte. Nach Ansicht des SED-Organs "Neues Deutschland" ist er einer der bekanntesten Verfechter großdeutscher Ideen.
Auch er war schon in London und der Generalsekretär der Labour-Party Morgan Phillipp war auch schon in Wien zu Besuch.
Der Staatenblock-Ballon ist dann gar bald geplatzt. Die Berliner Sozialdemokraten versicherten dem "Kurier", daß Julius Deutsch bereits des längeren tot sei. Sie waren voreilig, denn Julius Deutsch war nicht tot, sondern tatsächlich vor kurzem mit Högner zusammengetroffen. Aber nicht zu Staatsgesprächen, sondern zu einer privaten Fühlungnahme zwischen den beiden Parteien.
Und Schumachers Dementi, das wenige Stunden später aus Hannover eintraf, tat genau so gut seine Wirkung: er hatte Julius Deutsch zuletzt im Jahre 1932, Wilhelm Högner einmal in seinem Leben, und zwar im März 1946 gesehen.
Ihren Ausgang genommen hatte die Donaubund-Legende in Eichstätt auf der Landesversammlung der CSU. Der Abgeordnete Dr. Gerhard Groll stellte die Frage, wie das eigentlich mit der Donau-Föderation stehe, die auf Ansuchen Bayerns unter späterer Beteiligung Ungarns zustande kommen solle.
Der Münchener M-r.-Korrespandent des Liberal-Demokratischen "Morgen" kabelte diese Frage nach Berlin, die Zeitung machte damit auf und gab der SED-Presse willkommenen Anlaß zu ihren Meditationen über bündlerische Gespräche österreichischer und bayerischer Sozialisten.
Dr. Groll aber erhielt auf seine Frage keine Antwort, da er sich, wie die CSU-Parteileitung mitteilt, auf die Notiz in einer Grazer Zeitung berief, die der Parteileitung nicht bekannt war.
Allerdings weiß man in München von Bestrebungen dieser Art, die von Alois Hundhammer und einem gewissen Herrn Meßmer gefördert werden, der eine führende Holle in der gar nicht erst zugelassenen bayerischen Königspartei gespielt hat. Die Parteileitung der CSU erklärt jedoch, sie wisse nicht, ob es sich bei dieser Alpinen-Union um eine feste Vereinigung mit einem festen Sitz handele.
Sozialistische Gespräche drehen sich nicht unbedingt um Staatenblocks. Labour-Generalsekretär Morgan Phillips (links) bei seinem Besuch in Wien mit Ministerpräsident Dr. Renner und Dr. Schärf (rechte)

DER SPIEGEL 1/1947
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