04.01.1947

Paragraph 218

Es gab schon einmal eine Zeit, da begann der § 218 zu wanken. In der Weimarer Republik. Stillschweigend wurde das Gesetz sabotiert, und die Urteile der Richter waren von einer auffallenden Milde. Diese Handhabung wurde von vielen als gerecht empfunden, weil sie einer veränderten Rechtsauffassung der Allgemeinheit entgegenkam.
Die Voraussetzungen für eine gesetzliche Abänderung des Abtreibungsparagraphen waren also geschaffen. Diese Abänderung erfolgte dann auch durch Hitlers Gesetzgebung. Allerdings in der umgekehrten Richtung. Die Bestimmungen wurden verschärft, die Zuchthausstrafe eingeführt.
Die jetzige Nachkriegszeit ähnelt der nach 1918 auch darin, daß sie die Diskussion um die Abtreibung wieder entfachte.
Die Teilnehmer einer Sitzung des sozialpolitischen Ausschusses der Berliner SPD, der am 20. Dezember unter Anwesenheit der weiblichen Stadtverordneten tagte, forderten die gesetzliche Möglichkeit einer Schwangerschaftsunterbrechung im Falle sozialer Notlage. Die Versammlung sprach sich für ein Gesetz aus, das vorerst auf fünf Jahre befristet werden soll. Nach Ablauf dieser fünf Jahre wäre eine endgültige Entscheidung auf Grund der vorliegenden Erfahrungen eher möglich. Alle Sprecher der Versammlung betonten aber, daß ein Ausweg aus der jetzigen unerträglichen Lage besser durch Empfängnisverhütung als durch Schwangerschaftsunterbrechung gefunden werden könne.
Die Ansicht der Westzonen-CDU ist der Stellungnahme der Berliner SPD entgegengesetzt. Ganz abgesehen davon, daß man in Köln der Meinung ist, andere Probleme seien vordringlicher, wird Dr. Adenauer sich auf keinen Fall mit einer sofortigen Abänderung einverstanden erklären.
Die KPD forderte bei der zweiten Bezirks-Frauen-Konferenz in Hamburg eine Lockerung des § 218 und darüber hinaus den freien Verkauf von Verhütungsmitteln. Es heißt in der Entschließung: "Die ungeheure Not der Flüchtlinge und Ausgebombten und die schlechte Ernährungslage vieler Mütter macht es für viele Frauen unmöglich, gesunde Kinder auszutragen und sie nach der Geburt am Leben zu erhalten. Die Tatsache, daß in den- Flüchtlingslagern jeder fünfte Säugling stirbt, ist ein Beweis dafür. Auch aus bevölkerungspolitischen Gründen ist es besser, Frauen die so schon unter den schwersten Verhältnissen leben, jetzt zu schonen, damit sie später unter besseren Verhältnissen gesunde Kinder zur Welt bringen können."
"Grundsätzlich sind wir für die Aufrechterhaltung des § 218", sagte Vizepräsident Dr. Zetkin von der Zentralverwaltung für das Gesundheitswesen in der sowjetischen Besatzungszone. Unter folgenden drei Bedingungen allerdings will die Zentralverwaltung einer vorläufigen Aufhebung des § 218 zustimmen.
Ein medizinischer Eingriff darf nur auf Beschluß einer Kommission vorgenommen werden, die sich aus Aerzten und Laien, möglichst aus Frauen, zusammensetzt, er darf nur von fachlich besonders geeigneten und hierzu bestimmten Aerzten vorgenommen werden, und auch dann nur in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft.
Für die Schwangerschaftsunterbrechung schlechthin wird von keiner dieser Parteien plädiert. Frau von Kardorff von der LDP steht mit ihrer Forderung einer völligen Freizügigkeit allein auf weiter Flur. Sie erklärt: "Durch den § 218 steht die Frau mit dem einen Bein im Grabe und mit dem anderen im Zuchthaus. Schon deshalb ist er grundsätzlich abzulehnen, denn er stellt eine Freiheitsberaubung der Frau dar. Wir Liberalen wollen das Recht des Einzelnen, und in der Gegenwartskrise muß das Recht der Frau auf ihren Körper gestützt und verteidigt werden."
Die Diskussionen in den verschiedenen Zeitungen gehen um die "soziale Indikation" im Gegensatz zur "medizinischen Indikation". Die Unterbrechung der Schwangerschaft bei medizinischer Notwendigkeit ist erlaubt. Lebensgefahr für die Schwangere rechtfertigt den Eingriff.
Der Arzt und Schriftsteller Dr. Friedrich Wolf, der in seinem künstlerisch nicht sehr eindrucksvollen Drama "Zyankali" schon 1929 für die Beseitigung des § 218 eintrat, äußerte in der Zeitung "Neues Deutschland" zur sozialen Indikation, der soziale Notstand habe die Widerstandskraft in vielen Fällen bereits so geschwächt, daß bei Hinzutreten einer Schwangerschaft lebensgefährliche Krankheiten ausbrächen. Aber auch er vertritt die Meinung, daß Verhütung besser als Unterbrechung ist. "Der §. 218 sollte nicht abgeschafft, sondern überflüssig werden Geburtenregelung ist die beste Möglichkeit, die Abtreibung zu verhindern."
Gegen § 218, aber für Verhütung Arzt und Moralist Friedrich Wolf

DER SPIEGEL 1/1947
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