04.01.1947

Lebensraum - rot lackiert

Deutschland muß zufrieden sein, wenn sich die Polen mit der Oder-Neiße-Grenze zufrieden geben", erklärte der Leiter des Volksbildungsamtes in Halle, SED-Stadtrat Schmidt, auf einer Veranstaltung. "Die slawischen Völker haben einmal ihre Wohnsitze sogar an der Saale gehabt und sind dort von deutschen Stämmen verdrängt worden."
Die polnische "Westagentur" in Breslau - die Polen nennen es Wroclaw - ist ebenfalls der Ansicht, daß "die historischen und moralischen Rechte des polnischen Volkes an der Oder-Neiße-Linie nicht haltmachen." Im Verein mit dem "Slawischen Komitee" in Breslau versucht die Agentur die Welt davon zu überzeugen, daß die Ostgrenzen Deutschlands mindestens bis zur Elbe zurückverlegt werden müssen. Die "historischen Rechte" gehen in diesem Fall bis auf das Jahr 1000 zurück.
Berlin, Magdeburg, Lübeck, Kiel und Hamburg sollen nach dem Plan eines Professors Stojanowski die wichtigsten Städte eines slawischen Elbstaates werden. Auch die Lausitz soll nach ihm einen selbständigen Staat bilden, während andere Leute der Einfachheit halber gleich eine Annexion durch. Polen vorschlagen.
Es stimme zwar, daß diese Gebiete einmal von Slawen besiedelt waren, meint der Berliner Abend". Erkenne man aber ein solches Argument grundsätzlich an, so erfordere die Logik, daß man noch weiter gehe. Diese slawischen Stämme seien im frühen Mittelalter in einen Raum eingesickert, der vorher von, Germanen besiedelt war. Diese Germanen aber hatten zeitweilig sogar die Ukraine und die Krim in Besitz. Darauf stützten einmal die Nazis ihre Ansprüche auf diese Gebiete.
Solche "historischen Forderungen", meint das Berliner Blatt, seien peinlich zu hören, ganz gleich, ob braun oder rot lackiert.
Auch General Anders, der Führer der polnischen Exil-Armee, erklärte der Züricher "Tat", der heutige Zustand sei keine Lösung. Polen sei nicht in der Lage, die deutschen Gebiete bis zur Oder zu verdauen.
Der General ist der Meinung, daß Polen auf Danzig und Oberschlesien nicht verzichten kann, aber im übrigen möchte er "das uns von den Russen aufgezwungene Danaergeschenk" baldmöglichst gegen die alten polnischen Gebiete eintauschen. "Wenn Polen seine Unabhängigkeit wieder erlangt hat."
Allerdings hält auch Anders die Ansprüche Polens auf Ostpreußen für "historisch gerechtfertigt". Was aber die Russen dort zu suchen hätten, sei ihm schleierhaft.
Anders sieht es anders
Der General negiert die Ostgrenzen

DER SPIEGEL 1/1947
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