04.01.1947

Insel auf eigenen Beinen

Der italienische Ministerpräsident de Gasperi hat sich nach Washington auf die Reise gemacht. Er will Verhandlungen über die Aufnahme normaler Handelsbeziehungen zwischen Amerika und Italien führen.
Der italienische Außenminister Nenni wird am 20. Januar nach London gehen. Bevin hat ihn eingeladen. Nenni hat die Absicht, eine Revision des italienischen Friedensvertrages zu suchen und die Zukunft der italienischen Kolonien zu besprechen.
Die Reparationen, die Triestfrage, die Kolonien und der daniederliegende Außenhandel sind Hypotheken, unter deren Last sich das italienische Volk, das zusehends der extremen Linken oder der äußersten Rechten zustrebt, nur schwer regieren läßt.
Besonders im Süden sind die Schwierigkeiten für die Regierung de Gasperi groß. Bei den großenteils noch monarchistisch denkenden Süditalienern ist die junge Republik nur schwer populär zu machen.
In Sizilien halten die Separatisten ihre Stunde für gekommen. Rom verkennt keineswegs die außerordentliche Tragweite. dieses Problems, denn es kann nicht ohne Sizilien leben, aber Sizilien kann ohne Rom leben.
Der Führer der sizilianischen Autonomisten ist Salvatore Guiliano. Die Sizilianer nennen ihn den eifrigsten Kämpfer auf dem Wege zur Herstellung der Autonomie Siziliens. Reiche Sizilianer werden von seinen Leuten entführt und erst gegen horrende Lösegelder wieder freigelassen. Jedes Kind und jeder Polizist wissen, daß sein Hauptquartier in der Nähe des Monte Sagana ist, aber keiner wagt, gegen ihn oder seine Leute einzuschreiten.
Guilianos Leute hatten schon tagelang die Radiostation von Palermo besetzt und die Sendungen kontrolliert. Sie zogen sich erst vor größeren Truppenverbänden aus Rom zurück, "um weiteres Blutvergießen zu vermeiden".
"Sie müssen der Welt verkünden, daß wir keine Räuber und Banditen, sondern Freiheitskämpfer sind", sagte Guiliano einem Journalisten, der auf abenteuerlichen Wegen zu ihm gelangte, "wenn ein
Mann eine Milliarde verdient hat und wir verlangen 200 Millionen Lösegeld, so ist das ein angemessener Beitrag für den Kampf um unsere Unabhängigkeit." Alles abgenommene Geld wird auf vorgedruckten Formularen mit dem Vermerk "Beitrag zum Kampf um die sizilianische Autonomie" quittiert.
Die äußerst schwierigen wirtschaftlichen Probleme Siziliens tragen viel zu Guilianos Popularität bei; die Armen sehen in ihm eine Art Volksrichter, der einen Ausgleich zwischen arm und reich sucht. Die ganze Insel gehört ungefähr 50 Familien. Hunderttausende von Sizilianern arbeiten für diese Leute. Sie verdienen so wenig, daß sie ihre kinderreichen Familien kaum ernähren können. Die Reichen wohnen in komfortablen Häusern. In den Städten hausen die Menschen in sechs mal fünf Meter großen Kästen ohne Fenster, in denen die ganze Familie von der Großmutter bis zum Baby untergebracht ist. Auf dem Lande kommt noch das Kleinvieh bis zum Esel dazu.
Tausende von Italienern aus Tunis leben in fünf großen Lagern auf der Insel. Im Kriege setzten sie auf die Mussolini-Karte und riefen "Tunis an Italien!". Die Franzosen haben das übelgenommen und verweigern ihnen die Rückreise nach Afrika.
In den Straßen der großen Städte Siziliens, in Palermo, Messina, Katania und Syrakus, reiht sich Basar an Basar und Kaffeehaus an Kaffeehaus. Das Leben spielt sich auf der Straße ab. Morgens sind es schlecht angezogene Frauen und abends gut angezogene Männer, die das Straßenbild beherrschen, und immer zerlumpte Kinder, die alles verkaufen, was die Polizei verbietet: Zigaretten, Gold, Dollars und weißes Mehl. An allen Straßenecken stehen Menschenschlangen bei Wahrsagern, Kartenlegern, Sterndeutern und Hellsehern.
Der Kinderreichtum in Sizilien ist ein äußerst schwieriges Problem. Der Familienvater verdient häufig nicht genug und verkauft seine Kinder an alleinstehende, ältere Frauen. Er bekommt 500 bis 5000 Lire pro Monat oder eine einmalige Abfindung. Die Pflegemutter schickt diese Kinder dann zum Betteln, und abends muß ihr der Tageserlös abgeliefert werden.
Traum von Tunis, der weißen Stadt in Afrika, ging nicht in Erfüllung. Frankreich hat an italienischen Siedlern kein Interesse

DER SPIEGEL 1/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Insel auf eigenen Beinen

  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island