11.01.1947

Loritz räumt auf

Im bayerischen Sonderministerium gab es einige Ausfälle. Nach der Rundfunkrede des Ministers Loritz traten zwanzig leitende Beamte des Ministeriums zurück. Man wußte bislang gar nicht, daß es so viele leitende Beamte dort gab, und es tauchte die Frage auf, ob dies der Grund sei, daß die Entnazifizierung in falsche Bahnen geleitet worden war. Loritz' Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung scheint sich zunächst jedenfalls als Abbau-Vereinigung zu betätigen.
Unter die Zurücktretenden mischte sich auch ein gewisser Regierungsrat Risse, der sich darob empörte, daß die politisch Verfolgten durch Verleihung von Orden- und Ehrenzeichen von Loritz zu öffentlichen Schaustücken gemacht würden, und der auf Titel und Amt im Ministerium verzichten wollte.
Alfred Loritz erklärte auf die Vorwürfe gegen seine "Ordens-Politik", die zum Teil von der "Süddeutschen Zeitung" und dem Landesausschuß der politisch Verfolgten in Bayern übernommen wurden" er habe niemals an Orden für die Entlasteten gedacht, sondern lediglich an Steuererleichterungen, Stipendien und ähnliche Vergünstigungen.
Das Sonderministerium widmete Risse einen Nachruf, in dem ihm bescheinigt wurde, daß er sich selbst den Titel Regierungsrat zugelegt habe nie Dezernatsleiter gewesen sei und daß man gegen ihn ein Verfahren einleiten werde. Herr Risse sei nicht gegangen, sondern hinausgeworfen worden.
Auch auf den ehemaligen Entnazifizierungsminister Dr. Anton Pfeiffer, unter dessen Oberregie Risse monatelang arbeitete, fiel damit ein ungünstiges Schlaglicht, weil die hochstaplerischen Eigenschaften Risses damals schon sattsam bekannt waren. Pfeiffer hat überhaupt Pech. Der bisherige Ministerialrat Dr. Jürgen Ziebell wurde von Herrn Loritz ebenfalls fristlos entlassen.
Pfeiffer hatte ihn mit wahrer Nibelungentreue gegen die schwersten Angriffe von allen Seiten gedeckt, was Jürgen Ziebell nicht hinderte, seinen Protektor als "Schurken" zu bezeichnen.
Dr. Ziebell hatte vor der bayerischen Regierungsbildung von Dr. Joseph Müller bereits seine Ernennung zum Staatssekretär in der Tasche. Dr. Ziebell hatte Müller zugesagt, das Spruchkammerverfahren gegen ihn als Blitzverfahren unter seinem, Ziebells Vorsitz noch vor der Regierungsbildung durchzuführen. Beide waren nicht in der Lage, ihre Versprechungen einzulösen.
In die alte Fuggerstadt Augsburg berief Joseph Müller am 3. Januar den Landesausschuß der CSU zu einer Tagung ein. Er hatte die Absicht, durch seine Getreuen ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung Ehard zu erlangen, die durch seine eigene Partei in den Sattel gehoben war.
Aber Ehard und die CDU-Minister Hundhammer (Kultus) und Dr. Baumgartner (Landwirtschaftsministerium) waren selbst erschienen, so daß Müller bei zwei Resolutionen mit 48 zu 52 und 50 zu 51 Stimmen unterlag. Müller focht das nicht an. Er verlautbarte, daß er einen intensiven Nervenkrieg führen und den Landesausschuß so oft zusammenrufen werde, bis ihm zu guter Letzt dennoch ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung glücken werde.
Ob seinen Mannen jedoch das Reisen in fensterlosen Zügen nicht eines Tages zuviel wird, so daß sie mit kalten Füßen und ebensolchem Zorn Herrn Müller selbst kaltstellen werden, ist noch ungewiß.
Pfeiffer a.D. Jetzt Leiter der Staatskanzlei

DER SPIEGEL 2/1947
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