11.01.1947

MUSIKMusik aus Onkel Toms Hütte

Django Reinhardt, der beste und bestbezahlte Gitarrist der Welt, Zigeuner, französischer Staatsangehöriger, hat eine dreijährige Tournee mit Duke Ellington durch die Vereinigten Staaten angetreten. Vor seiner Abreise traf Django in Paris noch mit Paul Whiteman, dem Ring of Jazz der zwanziger Jahre, zusammen.
Mit seiner besonderen Art Gitarre zu spielen - er spielt mit den Fingerknöcheln auf den sechs Saiten -, zauberte er dem Kollegen eine Jazz-Musik vor, die dem fülligen, betont esleganten Paul aus dem Häuschen brachte.
Schon auf seinen Gastspielreisen vor dem Kriege hatte Django Reinhardt in den Staaten sich vor Beifall kaum retten können. Sein Empfang in New York war dementsprechend. Django sagte, es sei der "größte Schlager seines Lebens", mit Duke Ellington spielen zu dürfen.
In der Tat, der Jazz erlebt mit dieser Tournee selbst in Amerika eine Sensation. Und USA ist, was den Jazz angeht, einiges gewohnt. Hier ist der Jazz zu Hause, hier wurde er in den Südstaaten geboren.
Die Geschichte des Jazz beginnt mit der Ankunft des ersten Sklaventransportes in New Orleans, 1712. In ihren Liedern klagten die Neger um ihre verlorene afrikanische Heimat. Sie sangen bei der Arbeit unter der glühenden Sonne auf den Baumwollfeldern am Mississippi und in den Docks. Abends tönten die schwermütigen Chöre der spirituals aus ihren Hütten.
Mit der Zeit lernten die Negersklaven die Musik der weißen Herren kennen. Motive aus der "weißen Musik" vermischten sich mit den monotonen Rhythmen des Tom-Toms. Aber die Neger hielten sich nicht an die Melodiebetonung der Weißen. Sie lösten die Melodie in ihre einzelnen Bestandteile auf und gaben ihnen ihren eigenen Rhythmus. Es entstand die Synkope.
Der amerikanische Bürgerkrieg befreite die Neger aus der Sklaverei, die Harriett Beecher-Stowe in ihrem Roman "Onkel Toms Hütte" so beweglich geschildert hat. Mit dem schwarzen Musikerstand, der sich bildete, entstand auch ein neuer musikalischer Stil. Um 1890 fand er in dem Trompeter Buddy Bolden den Mann, der ihn zum Siege führen sollte.
Bolden, der bald King Bolden hieß und von Beruf Friseur war, fanatisierte mit seinen Melodien, durch die der heiße Atem von New Orleans, der südlichsten Großstadt der Staaten, wehte, die Neger. Wenn er abends auf dem Hügel vor der Stadt sein Kornett blies, strömten die Neger aus ihren Häusern am Congo -Square kilometerweit herbei. Tagsüber schnitt er ihnen die Haare. Abends war er ihr König.
New Orleans mit seinen unzähligen Bars, Kabaretts und Spielhöllen, den Maisons und den Straßen der schönsten Mädchen in Storyville war nicht nur die "lasterhafteste und korrupteste Stadt der Neuen Welt". Sie war auch ihre musikhungrigste.
King Bolden wurde vom Gipfel des höchsten Ruhms jäh hinabgerissen in die Tiefe der Vergessenheit. Schnaps und Frauen zerrütteten seine Gesundheit. Er starb geisteskrank 1930.
Die Neger, die Bolden zum ersten Male zu einer Band um sich gesammelt hatte, kannten keine Noten. Ihr Zusammenspiel war völlig frei improvisiert. Es ist bis heute das Charakteristikum des "Hot", des "heißen" Jazz der ursprünglichen Form, geblieben, daß die Musiker nicht nach einer festen Partitur spielen. Sie improvisieren gemeinsam über ein kurzes melodisches Thema von höchstens zwölf Takten.
Der Jazz wanderte auf den Flußbooten den Mississippi hinauf nach Chikago, das zur Capitale des "klassischen Jazz" wurde. "Bad Eye" Oliver, wie er seit einer Schlägerei, die ihm ein blaues Auge eintrug, hieß, wurde König der Trompeter in den Bars der Südseite der Windy City.
Um diese Zeit, etwa 1920, wurden weiße Musiker vom "schwarzen" Jazz beeinflußt. Nick la Rocca z. B., der die Dixieland Jazz Band mit begründete; später die N. O. Rhythm Kings und die berühmten Wolverines, angeführt vom Trompeter Bix Beiderbecke. Nach diesem "weißen" Intermezzo wurde der Jazz wieder "schwarz".
Aus einer Flußbootkapelle kam 1923 Louis Armstrong nach Chikago, der sich zum größten aller lebenden Jazz-Musiker heraufarbeitete, Star vieler Filme und Revuen, unerreichter Meistertrompeter auf dem goldenen Instrument, das ihm seine fanatischen Verehrer widmeten.
Der echte Jazz-Musiker, der keine Noten vor sich hat, kann nur dann, so sagen die Kenner, große Leistungen hervorbringen, wenn er in einem tranceähnlichen Zustand ist. Nur so kann er den im Moment geborenen Melodien lauschen und sie auf seinem Instrument wiedergeben.
Leon Rapollo, der Klarinettist der New Orleans Rhythm Kings, erzeugte diese Trance künstlich durch Rauchen von Marijuana, einem indianischen Rauschgift. In diesem Zustand hat er Melodien hervorgebracht, die zu den schönsten gehören, was der Jazz zu geben hat.
Seine Freunde fanden ihn einmal angelehnt an einen Telegraphenmast am Lake Michigan, wie er mit seiner Klarinette gegen das Singen der Telephondrähte anspielte.
Auch sein Ruhm nahm ein jähes Ende. Leon Rapollo mußte geisteskrank in ein Sanatorium eingeliefert werden.
Der Jazz zog weiter von Chikago nach New York, das bis heute Hauptstadt des Jazz geblieben ist. Der neue Herrscher der regierenden Jazz-Dynastie war der "Duke", Edward Kennedy Ellington, nicht nur Pianist, sondern auch der erfolgreichste Jazzkomponist von Bandliedern.
Ellington hat eine ausgezeichnete musikalische Erziehung in verschiedenen Konservatorien erhalten. Doch spielt er mit Musikern, die keine Note lesen können.
Die schwere Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre zwang die Bands, sich dem Geschmack des breiten Publikums zu fügen. Es entstand der Commercial Jazz, dem es vor allem auf das Geschäft ankommt. Sein Adjektiv ist "sweet", im Gegensatz zu "hot".
Der Jazz, nach den dreißiger Jahren schon für tot erklärt, lebte weiter: Er wurde wiedergeboren im Swing, dessen Begründer Benny Goodman ist. Swing ist eigentlich nur eine Mechanisierung des Jazz. Er wird von großen Orchestern nach ausgearbeiteten Arrangements gespielt, nicht mehr improvisiert.
Paul Whiteman sieht im Jazz nur einen speziellen Aufführungsstil. Es war sein Plan, den sinfonischen Jazz erstehen zu lassen. Er schuf sich einen Orchesterkörper von höchster Qualität, der fast nur als brillanten Solisten große Jazzbands bestand. Er erlebte seinen ersten großen Erfolg mit einer Konzertaufführung von Gershwins "Rhapsody in Blue", die den Namen des Komponisten, aber auch den Paul Whitemans als King of Jazz in der ganzen Welt bekannt machte *).
Die Jazz-Solisten selbst sind auch heute noch begeisterte Anhänger des freiimprovisierenden "Hot". In ihren Engagements müssen sie ausgearbeitete Swingmusik spielen. Ihre Liebe zum reinen Jazz treibt sie nach der Nachtarbeit oft in die kleinen Klubs und Bars, in denen sich gleichgesinnte Kollegen zu "jamsessions" zusammenfinden und bis tief in den Morgen improvisieren.
*) Aber auch Ferde Grofé, der zuerst diese Komposition arrangierte und noch heute für Whiteman arbeitet. Eigene Komposition u.a. "Grand Canyon Suite".
Jazz ist Trance - man sieht es Muggsy Spanier an, wenn er sein Kornett bläst
Ohne Noten auch im Swing - populärster Klarinettist 1946: Woody Herman

DER SPIEGEL 2/1947
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