18.01.1947

Mr. Hynd war wieder da

John Hynd, dem die undankbare Aufgabe zufällt, die Entschlüsse der britischen Regierung hinsichtlich der Verwaltung der britischen Zone in die Tat umzusetzen, stattete der britischen Zone wieder einen seiner periodischen Besuche ab.
In Hannover konferierte er am Mittwoch mit dem - Oberbefehlshaber Sir Sholto Douglas, dessen Stellvertreter General Sir Brian Robertson und den vier Zivilgouverneuren für Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Niedersachsen. Die Reutermeldung, daß Hynds Besuch dazu dienen solle, Entnazifizierung, Entmilitarisierung und Demokratisierung der britischen Zone im Hinblick auf die Moskauer Konferenz der vier Außenminister zu überprüfen, wurde von ihm selbst in Braunschweig dementiert. "Ich weiß noch nicht, ob ich nach Moskau gehe", erklärte er dem "Spiegel" -Reporter Claus Brawandt nach Schluß der Konferenz. Das sonst ziemlich allgemein gehaltene Kommunique erwähnt ausdrücklich die von den Konferenzteilnehmern getroffene Feststellung, daß im letzten Vierteljahr mehr Wohnraum freigegeben als beschlagnahmt wurde. Man vermutet, daß der politische Druck in London Mr. Hynd dazu bewog, von den Militärs eine stärkere Freigabe von Wohnraum zu verlangen.
Der 44jährige Minister, der keinen Kabinettsrang hat und der lediglich den ministeriellen Titel "Kanzler des Herzogtums Lancaster" führt, ist dafür bekannt, daß er keinen großen Ehrgeiz hat, Interviews und Pressekonferenzen zu veranstalten. Um so erstaunter Waren die hannoverschen Reporter, als sie am Dienstag Gelegenheit erhielten, den Besuch zu sprechen. Einer von ihnen war schon in der Küche des niedersächsischen Zivilgouverneurs, General Sir Gordon McReady, bei dem Mr. Hynd abgestiegen war, angetroffen worden. Der Zivilgouverneur läßt sich von deutscher Polizei bewachen.
In seinem Arbeitszimmer im Stirling -House, dem ehemaligen hannoverschen Generalkommando, sitzt der Minister in einem dunklen, nicht mehr neuen Mantel am Schreibtisch und fordert die Journalisten mit einer ungezwungenen Handbewegung auf, neben dem Zivilgouverneur Platz zu nehmen. Der mittelkleine Minister, der sich vom Eisenbahngewerkschaftler schnell hochgearbeitet hat, macht einen zurückhaltender, keinesfalls jedoch einen schüchternen Eindruck. Er versteht Deutsch ziemlich gut, antwortet aber auf englisch und die zarte Dolmetscherin hat Mühe, alles zu übersetzen.
Der Chefreporter der "Hannoverschen Presse" (Schumachers Zeitung) A. A. Zell eröffnet die Fragen. Ob die Amerikaner den Sozialisierungsplänen der Engländer Schwierigkeiten bereiteten? Hynd verneint energisch.*)
Ebenso entschieden entgegnet er, als er nach einigen Umwegen eine Frage verstanden hat, die auf die Gefahr einer Rekapitalisierung der enteigneten Industriezweige durch kapitalistisch eingestellte Treuhänder Bezug hat. Die Frage, ob auch in der britischen Zone eine Amnestie für Mitläufer geplant sei, beantwortet Hynd mit einem einfachen, "Nein". Der neue Chefredakteur der kommunistischen "Hannoverschen Volksstimme" Werner Stertzenbach wünscht zu erfahren, welche Maßnahmen vorgesehen sind, um die nazistischen Saboteure in der Wirtschaft auszuschalten, die auch an der
Brennstoffkrise mitschuldig wären. Hynd entgegnet, die Kohlenindustrie sei mit Hilfe der Gewerkschaften entnazifiziert worden. Er fordert Namen und Beweise. Stertzenbach weiß keine zu nennen, und Hynd winkt ein wenig ärgerlich ab. "Die Krise war in erster Linie eine Transportkrise", sagt Mr. Hynd.
Der Minister stellt kategorisch in Abrede, daß er gesagt habe, die britische Zone müsse ein Holzausfuhrland werden. Er habe gesagt, die britische Zone, die nie ein Holzausfuhrland gewesen sei, sei nun ein Holzausfuhrland geworden.
Dann wird ein Thema berührt, unter dem Mr. Hynd seitens seiner Labour -Freunde im Unterhaus schon viel zu leiden hatte: Beschlagnahme deutschen Wohnraums. Für die Maßnahmen in diesem Sektor ist John Hynd, im Gegensatz zu vielen anderen Maßnahmen, die der Mitverantwortung des Außenamts unterliegen, voll verantwortlich.
Rudolf Augstein vom "Spiegel" fragt Hynd, ob er die Evakuierungen im Regierungsbezirk Arnsberg für unumgänglich notwendig und für mit dem Völkerrecht vereinbar halte. Der Minister entgegnet nach kurzem Ueberlegen, er kenne die Einzelheiten nicht, und er werde die Angelegenheit mit seinen Dienststellen besprechen.
Hier schaltet sich Zell noch einmal ein - die Hannoveraner kennen ihn unter "azel" - und fragt, ob ein Termin vorgesehen sei, an dem das Damoklesschwert der Beschlagnahme-Unsicherheit, von den Deutschen genommen werde. Hynd antwortet.
"Ich bewundere Ihre Geschicklichkeit, Fragen auszuweichen", sagt Zell, was Hynd mit Gleichmut entgegennimmt.
Inzwischen sind die Gerüchte, nach denen Hynd zurücktreten oder einen ständigen Vertreter in Deutschland erhalten soll, langsam im Verstummen. Seinerzeit waren der britische Hauptankläger in Nürnberg, Sir Hartley Shawcross, und Richard Stokes genannt Worden, der Hynd im Unterhaus ausdauernd und gründlichst mit Anfragen bedacht hat. Beide bezeigten keinerlei Lust, sich an der Verwaltung der britischen Zone zu beteiligen.
Doch beschäftigte sich das Kabinett neuerdings mit dem Plan, die politische Verantwortung für die Zone noch den schwerbelasteten Schultern des englischen Außenministers Ernest Bevin aufzubürden. Er ist Kabinettsmitglied und hätte genug Autorität, um nötigenfalls Sofortmaßnahmen zu ergreifen, und er könnte als Außenminister die außenpolitische Tragweite deutscher Probleme besser übersehen.
Unter seiner Oberaufsicht soll dann ein zweiter Beauftragter für ausländische Angelegenheiten mit dem Sitz in Deutschland, arbeiten. John Hynd oder sonst ein Mann, der den Mut hätte, mit einem reparationierten Trümmerhaufen fertig zu werden,
*) Einige Tage früher hatte der Militärgouverneur der Zone, Sir Sholto Douglas, dem "Daily-Mail-Beporter Brian Connell hinsichtlich, der Ernennung deutscher Treuhänder erklärt: "Wir halten die amerikanischen Behörden ständig auf dem laufenden, und wir wissen, daß sie mit unseren Vorschlägen nicht einverstanden waren."
Sir Sholto lächelt
"Die Amerikaner waren nicht einverstanden
Claus Leo Brawandt: "Are youo going to Moscow?" - John Hynd: "I don't know. Der Dolmetscher war überflüssig

DER SPIEGEL 3/1947
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