18.01.1947

Hochbetrieb im Fremdenverkehr

"Die Leute haben Geld", sagt Mr. Harry Paulsen, Präsident des amerikanischen Reiseunternehmerverbandes. Er erwartet, daß in dieser Wintersaison rund vier Millionen Amerikaner nach Florida reisen und dort eine Milliarde Dollar ausgeben werden. Die Hotelpaläste an den Küsten dieses sonnigen Landes sind gerüstet, den Fremdenstrom reibungslos zu schlucken.
Man schätzt, daß im vorigen Monat allein in New York täglich 7000 Personen nach Florida, abgereist sind. Alle Hotels in Florida sind von den militärischen Dienststellen, die sie während des Krieges besetzt hielten, wieder geräumt worden. Die Eigentümer haben Dollars rollen lassen und erneuert, was zu erneuern war. Es ist die erste Saison, in der keine behördlichen Einschränkungen mehr das Geschäft verderben.
Wenn vier Millionen Menschen zusammen eine Milliarde Dollar in die Brieftasche stecken, macht das 250 Dollar für jeden oder - nach alter Parität 1000 Mark. Dies als Durchschnittsausgabe für einen kleinen winterlichen Urlaub ist kein schlechter Gradmesser für den Lebensstandard jenseits des Atlantik. Man hat während des Krieges durch angespannte Arbeit viel Geld verdient. Man will es heute ausgeben.
Aber auch in Europa erholt sich der Fremdenverkehr. Die Winterkurorte an der südfranzösischen Küste, der eigentlichen Riviera, bemühen sich, die Spuren der Kämpfe, die gerade hier um die angloamerikanische Landung bei Hyeres entbrannt waren, zu verwischen. Auch hier räumen vor den großen Hotels die militärischen Posten den Platz, und goldbetreßte Portiers nehmen ihre Stelle wieder ein. Die großen Plätze, wie- Nizza oder Cannes, strengen sich gewaltig an, ihren alten Ruf zu erneuern, während manche kleinere Stadt, die von den Kämpfen weniger betroffen wurde, aus ihrer Lage Kapital zu schlagen versucht. Ein bescheidener Kurort wie Juan-les -Pins gibt allein 50 Millionen Francs aus, um zu Ostern 1947 mit allen Raffinessen des internationalen Reiseverkehrs aufwarten zu können, und erhielt noch 7 Millionen vom französischen Wiederaufbau-Ministerium dazu.
Die Reisebüros veranstalten Gesellschaftsreisen von England nach Frankreich, wobei freilich Paris immer wieder der Hauptanziehungspunkt ist. "Ihre Ferien in der französischen Hauptstadt", war eine Parole des Cook'schen Reisebüros, und vom Victoria-Bahnhof in London fuhren vor den Feiertagen täglich sechs Züge nach Doyer mit Anschluß nach dem Kontinent.
England will sich anstrengen, um in Zukunft erheblich mehr Fremde aus dem Ausland ins Land zu ziehen als früher. Man hofft vor allem auf den Besuch von Amerikanern. "Die 35 Millionen Pfund", sagte Lord Hacking im Oberhaus, "die wir jährlich für die Verzinsung und Rückzahlung der amerikanischen Dollaranleihe aufzubringen haben, werden dann von den Amerikanern selbst bezahlt werden."
Es wurde beschlossen, die noch beschlagnahmten Hotels beschleunigt den Eigentümern zurückzugeben. Man erwartet schon für 1947 etwa 250 000 Gäste aus Uebersee, deren Ausgaben in England auf 25 Millionen Pfund veranschlagt werden, aber man will durch umfangreiche Werbung und durch alle möglichen Bequemlichkeiten für die Fremden die jährlichen Gesamteinnahmen auf 100 Millionen Pfund steigern. "Und ein großer Teil davon werden Dollars sein", sagt Lord Hacking.
Die Holländer erwarten, daß die Amerikaner, einmal in Europa, um ihr Land keinen Bogen machen werden und daß von dem Dollarsegen auch für sie noch etwas abfällt. Sie haben von den rund 100 000 Hotelbetten, über die Holland verfügte, jetzt fast drei Viertel wieder hergerichtet und hoffen, daß die Schlachtfelder von Nymwegen und Arnheim fürs erste genug Anziehungskraft besitzen. Später soll auch Rotterdam, das man zur modernsten Handelsstadt Europas ausbauen will, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges werden.
Einen Fremdenzustrom sondergleichen erlebt zur Zeit die Schweiz. Die berühmten Wintersportplätze waren schon vor Weihnachten überfüllt, vor allem von Engländern und Amerikanern. Der Schweiz ist bei diesem Zustrom nicht ganz wohl. Man befürchtet, daß die Konjunktur nicht von Dauer sein könnte, und findet außerdem, daß die Fremden zu viel nützliche Dinge mit aus dem Lande nehmen, die man lieber behalten würde, Schuhe zum Beispiel.
Ein einstmals weltberühmter Kurort berichtete in diesen Tagen, daß es vielleicht in absehbarer Zeit möglich sein würde, 200 Fremdenbetten, die bisher für Lazarettzwecke benutzt wurden, wieder für Gäste verfügbar zu haben. Natürlich nur für Kranke mit ärztlichem Attest. Und natürlich nur, wenn die zuständigen Stellen einverstanden sind. Dieser Kurort liegt in Deutschland.
Hotelbetrieb in Deutschland. Wenig Komfort, dafür aber bombensicher.

DER SPIEGEL 3/1947
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