17.01.2005

Dream-Team mit Makel

Deutsche Forscher sollen ein Tsunami-Warnsystem aufbauen - ein abwegiger Vorschlag, meinen Experten.
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt." Dies Einstein-Zitat prangt auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), und Forschungsministerin Edelgard Bulmahn hat es sich offenbar zu Herzen genommen: Deutsche Forscher, so verkündet die Ministerin, sollen ein Tsunami-Warnsystem im Indischen Ozean aufbauen. "Deutschland ist weltweit führend bei Echtzeitfrühwarnsystemen", heißt es im BMBF. Das allerdings sieht nicht jeder so: In der internationalen Fachwelt löste der Vorschlag bestenfalls Verwunderung aus.
Worum geht es genau? Auf Bulmahns Aufforderung hin stellten Forscher des Geoforschungszentrums in Potsdam (GFZ) am Donnerstag ihr Konzept im Kanzleramt vor. Binnen eines Jahres, so heißt es, ließe sich ein rudimentäres Warnsystem aus satellitengestützten Messbojen aufbauen, in drei Jahren könne ein feineres Netz aus 250 Sensoren geknüpft sein. Die Gesamtkosten lägen bei etwa 45 Millionen Euro, die von der Katastrophenhilfe abgezweigt werden könnten.
Das GFZ soll dabei mit anderen Institutionen zusammenarbeiten, darunter das Alfred-Wegener-Institut und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Nur einen kleinen Makel hat das Dream-Team: Ausgewiesene Tsunami-Forscher sind nicht mit von der Partie.
"Die deutsche Forschung ist in der Erdbebenvorhersage ganz weit vorn, aber bei Tsunamis?", wundert sich Hermann Fritz, ein gebürtiger Schweizer, der sich am Georgia Institute of Technology in den USA mit den Monsterwellen befasst.
Das Verhalten der Wellen zu verstehen sei bei der Vorhersage entscheidend, meint Fritz. Manche Riesenbeben führten nur zu sanftem Plätschern am Strand, während kaum messbare Unterwasser-Erdrutsche ganze Inseln verwüsten. Seit Jahren verfeinern Tsunami-Experten in Japan, Russland und den USA ihre Wellenmodelle. Ausgerechnet diese Modelle fehlen dem deutschen Team. Stattdessen orakelte Bulmahn, man könne Erdbebenwarnungen direkt aufs Handy von Urlaubern schicken. Derlei Phantastereien sind fahrlässig. Denn bei Tsunami-Warnungen zählt nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem Zuverlässigkeit.
Bis vor kurzem waren drei von vier Warnungen der Tsunami-Experten in Hawaii Fehlalarme. Die Öffentlichkeit stumpfte ab. Erst durch geduldige Forschung ging die Fehlalarmrate runter und das Vertrauen wieder rauf. Seither existiert im Pazifik ein taugliches Warnsystem, was sich durchaus auf den Indischen Ozean übertragen ließe.
"Aus der Entfernung scheinen Tsunamis simpel, aber je genauer wir sie erforschen, desto komplexer scheint ihr Verhalten", sagt Costas Synolakis von der University of Southern California, der derzeit die Schäden in Sri Lanka kartiert.
Angesichts dieser Erfahrungen ist ihm der deutsche Vorstoß fast so rätselhaft wie die Monsterwellen selbst: "Seit 20 Jahren besuche ich Tsunami-Konferenzen - einem deutschen Forscher bin ich dabei nicht begegnet."
Bulmahns Vorschlag dürfte auf der Katastrophenkonferenz der Uno in Kobe diese Woche schnell wieder vom Tisch sein. Als Teilmodul bei der Erdbebenvorhersage dagegen wäre ein deutscher Beitrag sicher willkommen. Doch dafür ist den Potsdamer Forschern zu empfehlen, lieber Abstand zu halten zum ministeriellen Größenwahn. Denn Aktionismus kostet langfristig mehr als nur 45 Millionen Euro - nämlich die Glaubwürdigkeit.
HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 3/2005
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