17.01.2005

ZEITGESCHICHTE„Ich bin nicht das Sprachrohr meiner Mutter“

Felix Ensslin, Sohn der RAF-Gründerin Gudrun Ensslin, über die Ausstellung zur medialen und künstlerischen Verarbeitung des Terrors der Roten Armee Fraktion
SPIEGEL: Herr Ensslin, warum sollte einen im Jahr 2005 die mediale und künstlerische Verarbeitung der Aktionen der Roten Armee Fraktion (RAF) im Westdeutschland der siebziger Jahre noch interessieren?
Ensslin: Ich bin sehr froh, dass die Ausstellung jetzt in den Berliner Kunst-Werken eröffnet wird, denn es hat noch nie eine Kunstausstellung gegeben, in der die erstaunlich vielen existierenden Arbeiten über die RAF zusammengeführt wurden. Der Kunst-Werke-Gründer Klaus Biesenbach, der die Ausstellung durch die erfolgreiche Künstleraktion ermöglicht hat, die Kuratorin Ellen Blumenstein und ich hatten festgestellt, dass es drei Generationen von Künstlern gibt, die Arbeiten zur RAF vorgelegt haben. Das geht von dem 1923 geborenen K. R. H. Sonderborg bis zu Michaela Meise, die Jahrgang 1976 ist.
SPIEGEL: Das ändert aber nichts daran, dass die RAF eine kleine, sektiererische, nicht mal in der Linken verankerte westdeutsche Terrorgruppe war.
Ensslin: Sicher war es eine kleine Randgruppe; Heinrich Böll sprach zu Recht vom Kampf der "sechs gegen sechzig Millionen". Dennoch konnte sich in der Bundesrepublik niemand den Medienbildern der RAF und ihrer Aktionen entziehen. Sie waren Ausdruck des gesellschaftlichen Klimas. Mittlerweile sind Dutzende Filme über die RAF gedreht und noch viel mehr Bücher über sie geschrieben worden. Und die Debatte um die Ausstellung vor anderthalb Jahren hat doch gezeigt, dass die RAF in Deutschland noch immer für große Erregung sorgt.
SPIEGEL: Ihnen wurde damals vorgeworfen, Sie wollten terroristische Mörder zu Pop-Ikonen, zu romantischen Outlaws à la Bonnie and Clyde verklären.
Ensslin: In der Pop-Kultur - in der deutschen, aber mehr noch in der angloamerikanischen - hat es Rückgriffe auf die RAF gegeben, um sich an ein rebellisches Lebensgefühl anzukoppeln. Eine RAF-Ausstellung in Deutschland trifft allerdings ganz zwangsläufig bei Einzelnen und der Gesellschaft eine erlebte und traumatische Ebene. Deshalb ist es hierzulande auch unmöglich, die Bilder aus ihrem Zusammenhang zu lösen und schlicht als Pop anzusehen.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich die Schärfe der Debatte erklärt?
Ensslin: Zunächst geriet ein frühes Konzeptpapier für die Ausstellung von uns nicht autorisiert in die Öffentlichkeit. Obwohl bereits monatelang bekannt war, dass wir die Ausstellung planen, hat eine "Bild"-Story mit dem Tenor, die Opfer der RAF würden mit Hilfe staatlicher Zuschüsse
in Höhe von 100 000 Euro verhöhnt, die Protestwelle losgetreten.
SPIEGEL: Die Debatte trug schon fast hysterische Züge.
Ensslin: Bei manchen Politikern ja. Dagegen fand ich es völlig nachvollziehbar und legitim, dass sich Angehörige von Opfern der RAF, etwa die Witwe von Alfred Herrhausen oder Hanns-Eberhard Schleyer, kritisch zur Ausstellung geäußert haben.
SPIEGEL: Sie kennen Hanns-Eberhard Schleyer, den Sohn des von der RAF im Oktober 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten persönlich?
Ensslin: Ich war ihm schon in einem anderen Zusammenhang begegnet. Klaus Biesenbach und ich haben uns dann mit ihm getroffen, um mit ihm über die Ausstellung zu diskutieren. Er hatte die Befürchtung geäußert, dass die Kunstausstellung die RAF glorifizieren würde. Ich glaube eher, dass die ausgestellten Arbeiten einfache Identifikationen brechen - im Gegensatz zu einigen Filmen.
SPIEGEL: Sind Sie bei der Vorbereitung der Ausstellung auch auf andere Angehörige von RAF-Opfern zugegangen?
Ensslin: Die Kunst-Werke haben die Angehörigen, die sich zu Wort gemeldet hatten, über die Ausstellung informiert und gefragt, ob sie ein Gespräch führen wollten - mit unterschiedlichen Ergebnissen. Aber am Ende haben wir gesagt: Wir machen und verantworten die Ausstellung.
SPIEGEL: Haben Sie aufgrund der Debatte Ihr Konzept revidiert?
Ensslin: Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch gar kein fertiges Konzept. Aber es wurde sehr deutlich, dass eine Kunstausstellung nicht die historische Aufarbeitung der Geschichte der RAF leisten kann. Wir entschieden deshalb, die Kunst in den Mittelpunkt zu stellen.
SPIEGEL: Kann man denn Kunst von ihrem Gegenstand lösen?
Ensslin: Es gibt in der Ausstellung eine "mediale Zeitleiste", die 29 für die Geschichte der RAF wichtige Ereignisse durch Berichte der großen Zeitungen und Magazine, aber auch Fernsehbeiträge dokumentiert. Zudem erscheint ein zweibändiger, knapp tausend Seiten starker Katalog, der diese Zeitleiste wiedergibt, in dem aber auch zeitgeschichtliche, kunsthistorische und psychoanalytische Aspekte zur Sprache kommen.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Mutter an die RAF verloren. Sind Sie deshalb nicht der Falsche, um eine Ausstellung zur RAF zu machen?
Ensslin: Ich bin nicht das Sprachrohr meiner Mutter. Zum einen habe ich die Ausstellung nicht allein konzipiert. Zum anderen habe ich mich jahrelang mit diesen künstlerischen Arbeiten beschäftigt. In den Gesprächen mit Künstlern und Experten ging es um die Qualität der Arbeiten, nicht um meine persönliche Betroffenheit.
SPIEGEL: Aber warum machen Sie eine Ausstellung genau zu diesem Thema?
Ensslin: Ich bin nicht mit der RAF und Gudrun aufgewachsen, sondern bei meinen Pflegeeltern auf der Schwäbischen Alb, und mein Bild von der RAF und meiner Mutter wurde zunächst durch die Medien geformt. Ich habe außerdem neben der Beschäftigung mit der RAF auch vieles andere gemacht: in New York studiert, bei der Bundestagsfraktion der Grünen gearbeitet, zuletzt ein Theaterstück geschrieben und gerade inszeniert. Allerdings war für mich die Begegnung mit dem Bilder-Zyklus "18. Oktober 1977" von Gerhard Richter, den ich 1991 in New York sah, sehr wichtig, in gewissem Sinne traumatisch. Aber auch sehr produktiv. Kunst ist ein Weg, mit schwierigen Dingen auf eine offene Weise umzugehen.
SPIEGEL: Der Schriftsteller Klaus Theweleit hat den Künstlern, die zur RAF gearbeitet haben, vorgeworfen, sie wollten so ihren Bedeutungsverlust kompensieren. Außerdem scheinen manche Künstler die Radikalität, für die sie sich im eigenen Leben nicht entschieden haben, in ihrer Kunst nachholen zu wollen.
Ensslin: Das ist wohl richtig, greift aber zu kurz. Jedes künstlerische Tun ist natürlich auch ein Kampf gegen den Bedeutungsverlust.
SPIEGEL: Nach welchen Kriterien haben Sie die 70 Arbeiten von 50 Künstlern ausgewählt?
Ensslin: Wir haben nur bereits öffentliche Arbeiten zugelassen, und die Angebote vieler Künstler, die für die Ausstellung etwas Neues machen wollten, abgelehnt. Die ausgewählten Arbeiten zeichnet aus, dass sie eine Distanz zu den Bildern der Medienflut schaffen. "Atlas" von Gerhard Richter tut dies zum Beispiel in einer fast anonymen Geste der Zerstörung vorgefundener Medienbilder; Hans Niehus mit übergroßer Deutlichkeit und Ironie; Michaela Melián findet einen sehr persönlichen Bezug.
SPIEGEL: Gibt es etwas, was die Arbeiten in der Ausstellung verbindet?
Ensslin: Es zeigen sich höchstens generationenspezifische Gemeinsamkeiten. Für die Älteren der Generation von Gerhard Richter, Jörg Immendorff oder Marcel Odenbach sind die Protagonisten der RAF Menschen, denen sie real begegnet sein könnten; die ganz Jungen haben viel mehr Distanz zu dem Thema.
SPIEGEL: Was soll die Ausstellung leisten?
Ensslin: Für eine historische, politische Aufarbeitung der RAF ist es noch zu früh. Unsere Ausstellung ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der Macht der Bilder. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
SPIEGEL: Befürchten Sie eine neue Welle der Kritik?
Ensslin: Ich habe davor keine Angst, weil ich die Ausstellung für wichtig und gut halte. Und ich bin froh, dass nach der Phantomdebatte endlich über etwas diskutiert werden kann, was wirklich existiert und überprüfbar ist. INTERVIEW: MICHAEL SONTHEIMER
Zwei Jahre lang
arbeitete ein dreiköpfiges Team an dem Projekt "Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF". Die Ausstellung wird am 29. Januar in der Berliner Galerie Kunst-Werke eröffnet. Nach heftiger Kritik an der öffentlichen Förderung wurde sie fast ausschließlich mit Eigenmitteln realisiert. Zu dem Team gehört auch Felix Ensslin; seine Mutter Gudrun gehörte mit Andreas Baader zu den Gründern der Roten Armee Fraktion und beging im Oktober 1977 im Gefängnis Stuttgart-Stammheim Selbstmord; sein Vater, der Schriftsteller Bernward Vesper ("Die Reise"), hatte sich 1971 das Leben genommen. Ensslin, 37, arbeitete als Büroleiter des Fraktionsvorstands der grünen Bundestagsfraktion und ist mittlerweile als Dramaturg und Theaterautor tätig. Im Dezember inszenierte er am Weimarer Nationaltheater sein Stück "Durch einen Spiegel ein dunkles Bild".
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 3/2005
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