18.02.1974

„Wir haben den Saft abgeschnitten“

Schon vorher hatten, wie Allensbach zu erfragen wußte, die meisten Deutschen (58 Prozent) "Verständnis, Sympathie- für die Lohnforderungen im öffentlichen Dienst bekundet. Als es dann Montag voriger Woche soweit war, ließ die deutsche, Mehrheit den Streik denn auch klaglos über sich ergehen.
Daß mal keine Pest zugestellt wurde, konnte Leute nicht erregen, die ohnehin kaum welche bekommen. Daß eine halbe Woche die Mülltonnen stehenblieben, machte wenig Ärger, wo sie eh nur alle Woche geleert werden, Und daß die Straßenbahn nicht fuhr, wollte eine Dame an der Haltestelle der Linie 10 am Schloßplatz in Stuttgart erst gar nicht wahrhaben: "Der Zehner, der isch emmer no komme, I wart." Wer nicht warten mochte, ging zu Fuß: Peter Zacharias, 17, aus Berlin schaffte die zwanzig Kilometer von seiner BerufsSchule in Wedding bis nach Haus in Marienfelde binnen vier Stunden.
Viele auch starteten ihr Weekendauto erstmals werktags. In Berlin zählte die Polizei 40000 Wagen mehr als sonst auf den Straßen, die Autovermietet hatten ausgebucht. In München wurden Fahrzeiten bis zu dreißig Minuten pro Kilometer
zur Regel, das bayrische Ministerium für Umweltschutz maß dicke Luft mit Kohlenmonoxyd siebenfach über normal. Weil andererseits Tram und Bus im Depot blieben, lief etwa in Hannover und Würzburg der Verkehr flüssig wie selten.
Mancherorts freilich war die Unbill groß. Die "Saarbrücker Zeitung" mußte wegen Stromstreiks bei Kerzenlicht redigiert werden und in einer Notausgabe auf Wirtschaft und Feuilleton verzichten, das Saarbrücker CDU-Kabinett bei seiner Sitzung ohne den gewohnten Kaffee debattieren. Kerzen blakten auch in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei zu Mainz: "Wir haben den Saft, also die Wärme und den Strom, abgeschnitten", bekannte ÖTV-Funktionär Karl Müller, denn die Landesregierung habe teil "an dem schlechten Angebot, was man uns gemacht hat". Und weil in Nürnberg die Meistersingerhall verschlossen blieb, froren draußen zweitausend nordbayrische Floristen, die einen Valentinsball feiern wollten, drinnen vertrockneten Blumenarrangements für 90000 Mark und kalte Platten für 30 000.
Wo jemand zu mogeln versuchte. reagierte die ÖTV geradezu unerbittlich, so in Heilbronn, wo die Verwaltung heimlich einen Stadtwerketrupp zu Reparaturen ins Hallenbad entsandte. Gleich erklärte die Gewerkschaft da auch den Stadtwerken den Streik und ließ im Rathaus die Heizung ausgehen.
In Würzburg mußte die Stadt einen privaten Omnibus-Notdienst einstellen, als die Gewerkschaft mit "Phase 3" drohte und Strom. Gas und Wasser zugleich abdrehen wollte. In Gersthofen bei Augsburg blockierte ÖTV die Müllkippe mit Planierraupen und Barrikaden, ais private Abfuhrdienste anrückten. In Köln ließen Streikposten sogar Hausfrauen nicht an die Halde: "Wenn wir den Leuten erlauben, ihren Müll selbst auf die Kippe zu bringen, dann brauchen wir ja gar nicht zu streiken."
Da machte, laut "Münchner Merkur", nicht nur "ein neuer Kinder-Reim die Runde":
Kluncker-Kluncker knäuschen,
wer klunckert an meinem Häuschen,
wer Sperrt den Gas- und Wasserhahn,
den Omnibus, die Straßenbahn?
Das ist, so scheint's,
der dicke Heinz!
Da kochte und fluchte es dann auch wirklich Mal. In Heilbronn lief der Graphiker Gerhard Binder mit einem Schild herum: "Wer die Falschen schlägt wie ihr, schifft sich selber in sein Bier." Die Telephonisten in der hannoverschen Streikzentrale hörten im Hörer "Schweine", "Lumpen", "Strolche", für den ÖTV-Chef Kluncker kam die Durchsage: "ÖTV und Kluncker gehören in den Bunker". In Augsburg erhielt ÖTV-Sekretär Erich Stepputat fern-mündlich Bescheid, man werde ihn "und notfalls die ganze Familie fertigmachen", das Münchner Gewerkschaftshaus und die Berliner ÖTV -Zentrale wurden mit Bomben und Mord bedroht, in Nienburg Polizisten alarmiert, ein Attentat auf die Streikkasse (15000 Mark) zu vereiteln.
Nichts Böses geschah. Ein Heidelberger Briefträger marschierte von Haus zu Haus, mitleidend, daß er nichts bringen werde. In Mönchengladbach fuhren Zusteller per Anhalter in ihre Bezirke.
In Berlin bezeichnete der Sozialdemokrat Hermann Kreutzer, Ministerialdirektor und Chef des Bundeshauses, die ÖTV-Spitze als den "dümmsten Gewerkschaftsvorstand in der mehr als hundertjährigen Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung- und beschloß in "heiligen Zorn" ("Die Welt"), nach 29 Jahre langer Mitgliedschaft die ÖTV zu verlassen.
In Hannover wurde der Verlust wettgemacht: Dort trafen tausend Neuanmeldungen ein.

DER SPIEGEL 8/1974
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