24.01.2005

HOLOCAUSTOrt des Unfassbaren

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz - Hitlers monströse Todesfabrik. Wie konnte es zum systematischen Mord an fast sechs Millionen Juden, dem größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, kommen?
Der Ort der Gewalt, des Grauens, der grenzenlosen Mordorgien ist im Gefüge des Globus auf ewige Zeit fixiert - 19 Grad 12 Minuten östlicher Länge, 50 Grad 03 Minuten nördlicher Breite.
Hier, auf diesem Schnittpunkt, liegt im Süden Polens Oswiecim. Eine Kleinstadt, über 800 Jahre alt. Zu den seligen Zeiten der Habsburger Monarchie war sie ein Zentrum jüdischer Religion und jüdischer Intelligenz. "In einer großen Stadt zu leben ist recht", schrieb ein Chronist, "aber sterben muss der Jude in Oswiecim."
Ein Spruch, der schließlich auf schreckliche Weise erfüllt wurde. Oswiecim ist der polnische Name für - Auschwitz.
Auschwitz - das furchtbarste Wort, das deutsche Vergangenheit und deutsche Gegenwart kennen. Auschwitz - Synonym für "eine Revolution gegen die Menschheit schlechthin", wie der israelische Geschichtsforscher Yehuda Bauer jene düstere Zeit mitten im 20. Jahrhundert beschreibt.
Auschwitz - Symbol des Genozids. Des Völkermords, der sich innerhalb weniger Jahre zum staatlich angeordneten Jahrtausendverbrechen entwickelt hatte - aus Abneigung wurde Hass, aus Hass Ausgrenzung, aus Ausgrenzung Verfolgung und Terror. Dann Deportation. Und dann - industrielle Vernichtung.
Fast sechs Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern systematisch ermordet, von Todeskommandos erschossen, vergast, vergiftet und zu Tode geprügelt. Erst Männer, dann Frauen und über 1,5 Millionen Kinder.
Außerdem Hunderttausende Sinti und Roma.
Die Tatorte sind verbunden mit Namen, die ins kollektive Gedächtnis gehören: Belzec und Chelmno, Bergen-Belsen, Treblinka oder Sobibór, Majdanek, Riga, Babi Jar, die "Schlucht der alten Frauen" bei Kiew, Kowno, Mauthausen oder Stutthof.
Und Auschwitz, die Dunkelkammer der Geschichte. In der es um ideologisch-verquere "Lebensraumpläne" ging, um "rassische Überlegenheit", um die "Ausmerzung Minderwertiger". Auschwitz, der Zentralplatz des Unfassbaren, wo Anfang September 1941 erste "Probevergasungen" an sowjetischen Kriegsgefangenen mit dem Entlausungsmittel Zyklon B stattgefunden hatten - und wo ab Juni 1942 fabrikmäßig Menschen ermordet wurden, an manchen Tagen waren es 8000.
Am 27. Januar 1945 wurden Auschwitz und die Nebenlager von sowjetischen Truppen befreit, 60 Jahre ist es her, sechs kurze Jahrzehnte. An diesem Donnerstag wird der monströse Tatort nahe Krakau Stätte internationalen Gedenkens sein - mit 2000 früheren Häftlingen, mit Veteranen der Roten Armee, mit mehr als 20 Staats- und Regierungschefs: dem Israeli Mosche Kazaw, dem Polen Aleksander Kwasniewski, dem Russen Wladimir Putin.
Der Franzose Jacques Chirac wird kommen, der Brite Tony Blair, José Manuel Durão Barroso, der Vorsitzende der EU-Kommission, auch Dick Cheney, der amerikanische Vizepräsident. Als Vertreter des Vatikans reist der französische Kardinal Jean-Marie Lustiger an, dessen Mutter hier in Auschwitz ermordet wurde; aus Berlin Bundespräsident Horst Köhler.
Um 14.30 Uhr ertönt das Signal eines einfahrenden Zuges - in den Waggons der Reichsbahn waren die Opfer wie Vieh transportiert worden. Direkt bis an die Todesrampe.
Die Vereinten Nationen haben bereits für diesen Montag eine Sondersitzung anberaumt, als Generalversammlung mit den Delegierten aller 191 Uno-Staaten; so etwas hat es noch nie gegeben.
Deutsche Schulen organisieren Veranstaltungen "gegen das Vergessen". Im Bundestag wird am Tag der Befreiung ein Auschwitz-Überlebender und Widerstandskämpfer Hauptredner sein: der Geschichtsschreiber Arno Lustiger, ein Cousin von Jean-Marie.
"Ich kann gut verstehen, warum man den 27. Januar, den Tag der Befreiung, als Gedenktag gewählt hat, denn in Auschwitz, da war alles drin, alles", erinnert sich die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 71).
Was damals geschah, trägt seit einiger Zeit zu Recht eine Begrifflichkeit, die nicht der deutschen Sprache entstammen konnte: "Holocaust", zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern "holos" ("vollständig") und "kautos" ("verbrannt"). Vor allem jüngere Wissenschaftler beschreiben den Globalmord an den Juden auch als "Schoah". Das hebräische Wort steht für Vernichtung, Verderben.
Kino- und Fernsehfilme hat es gegeben und wird es geben, weil die Erinnerung an die Schoah eine notwendige Zumutung sein muss, auch auf diese Weise. In Berlin ist die Diskussion über Sinn, Widersinn und Unsinn eines Holocaust-Denkmals selbst vor dessen baldiger Eröffnung längst nicht beendet. Die einschlägige Literatur - Bücher, Aufsätze, eindringliche Lebensberichte, akademische Schriften - umfasst grob gerechnet mehr als 20 000 Titel.
Aber es bleiben Fragen. Die wichtigste kann bis heute nicht wirklich beantwortet werden. Warum? Warum nur? Warum konnte es der Nazi-Führung gelingen, in so kurzer Zeit fast ein ganzes Volk zu radikalisieren - und seiner humanistischen Tradition zu entreißen? Wie konnte das Mitgefühl der Deutschen mit den öffentlich Geschundenen dermaßen vereisen?
Wieso von heute auf morgen diese "tiefgreifende moralische Verrohung", wie es der NS-Spezialist Ulrich Herbert formuliert? War nur die Diktatur eines Adolf Hitler mit ihrem scharf ausgeprägten Defizit an Menschenrechten schuld?
Die Zeitgeschichtler stellen immer noch und immer wieder Fragen, etwa der in London lehrende Peter Longerich. Fällte Hitler die Entscheidung zur "Endlösung", zur Ermordung der europäischen Juden, im Wahn der eigenen Omnipotenz, im Sommer 1941, als er im Krieg gegen die Sowjetunion seine bis dahin größten militärischen Erfolge erreichte?
Oder war die Entscheidung als Racheakt angelegt, als Vergeltung für das sich bereits abzeichnende Scheitern größenwahnsinniger Lebensraumpläne?
Dass bei der Rekonstruktion der "Endlösung" so viel "Raum für Imagination" bleibe, meint Longerich, sei "nur auf den ersten Blick erstaunlich". Im Land der Bürokratie, dem seinerzeit modernsten Europas, waren die wichtigsten Beschlüsse zur Vernichtung eines Volkes offenbar schriftlich nicht festgehalten - oder in einer auf Anhieb nicht deutbaren Tarnsprache formuliert worden.
Und was an Akten existierte, wurde bei Kriegsende weitgehend zerstört - wie auch die Gaskammern selbst. Sonderkommandos gruben verscharrte Leichen wieder aus und verbrannten sie auf Scheiterhaufen. Es sollten möglichst wenig Spuren hinterlassen werden.
Dennoch, eine Annäherung an Ursachen, Gründe und Motive ist durchaus möglich. Ein Kollege Longerichs, der Münchner Historiker Dieter Pohl, hat retrospektiv "fünf Ebenen" ausgemacht, die "chronologisch und sachlich aufeinander aufbauen". Dem Wissenschaftler gelten erst sie "zusammen als so ausreichend, dass sie zu dieser Katastrophe geführt haben" müssen.
Erstens: die langfristigen Voraussetzungen, die weit über das Dritte Reich hinausweisen - also eine weit zurückreichende antisemitische Tradition nicht nur in Deutschland.
Zweitens: die mittelfristigen Veränderungen seit dem Ersten Weltkrieg, die die deutsche Entwicklung zunehmend von der in Westeuropa abkoppelten. Die Schmach der Niederlage, Reparationszahlungen, Weimarer Republik, das enervierende Gekämpfe zwischen Links und Rechts.
Drittens: die enorme Bedeutung der Politik und Struktur des antisemitischen Staates, der in keiner Weise gefestigt, sondern von Beginn an "zersetzt" (Pohl) war.
Viertens: der besondere Charakter des Zweiten Weltkriegs, der gerade in Osteuropa als nationalsozialistischer "Rassenkrieg" geführt wurde und enthemmend auf die Gewaltbereitschaft wirkte.
Und fünftens: die konkrete Situation von Strategie, Kriegslage und Besatzungsherrschaft, in der 1941/42 die "Endlösung" in Gang gesetzt wurde.
Bei der Legitimation der Verbrechen spielte der "Führerkult", dem fast alle in geradezu pseudoreligiöser Weise anhingen, eine gewichtige Rolle. Und dass Hitler, Zentralinstanz für die wichtigsten antisemitischen und rassistischen Entscheidungen, die Täter deckte, sei "für deren Bewusstsein von großer Bedeutung" gewesen, bilanziert Pohl - war ihnen doch klar, "dass sie gegen alles Recht verstießen".
Hunderttausende waren also willigst bereit, "dem Führer zuzuarbeiten", wie der britische Hitler-Biograf Ian Kershaw schreibt: seine Minister, allen voran Heinrich Himmler und der Kronprinz Hermann Göring, seine Diplomaten, SS-Leute, Verwaltungsbeamte, Bevölkerungsexperten, Ingenieure, Techniker, Soldaten oder Polizisten, eben "ganz normale Männer", lautet der Titel einer Studie Christopher Brownings über das marodierende Reserve-Polizeibataillon 101.
So konnten schließlich Krieg und Genozid eine Einheit bilden, eines hatte das andere bedingt, eines war aus dem anderen erwachsen. In seinem Tagebuch notierte Hitlers Chefpropagandist Joseph Goebbels am 27. März 1942, fast wie erlöst: "Gott sei Dank haben wir jetzt ... eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die uns im Frieden verwehrt wären."
Hitlers Partei, die NSDAP, war von Anfang an radikal antisemitisch, wie so viele völkische Organisationen jener Zeit. Das hing nicht zuletzt mit dem Wiedererwachen des Nationalismus zusammen. "Die meisten Menschen, die für Hitler stimmten oder in die Partei eintraten", erklärt Kershaw, hätten dies jedenfalls "nicht wegen des aggressiven Antisemitismus" getan.
Doch "die breite Skala der Motive" (Kershaw) jener, die sich dem "Führer" zu Füßen warfen, machte auch spielend einen Sondereffekt möglich: nämlich den Antisemitismus vom Rand ins Zentrum der politischen Bühne zu rücken.
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg hatte Hitler gegen die Juden gewettert: "Wir Deutsche wollen revolutionär sein gegen die fremde Rasse, die uns bedrückt und aussaugt, und wir werden nicht eher ruhen und rasten, als bis diese Sippe aus unserem Vaterlande draußen ist."
"Einzigartig" sei, konstatiert Kershaw, dass Hitler und seine "gewalttätig antisemitische Elite" ihren Hass auf die Juden geschickt hätten umwandeln können - zum Fundament einer Ideologie, die schließlich alle Bereiche des öffentlichen Lebens durchdrang und zum Bestandteil der offiziellen Politik des NS-Staates wurde.
Die schritt dann, was Diffamierung, Entrechtung und Verfolgung der Juden anging, rapide voran. SA-Trupps trieben schon bald nach dem 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübernahme, Juden in ganz Deutschland aus ihren Häusern und Geschäften und verprügelten sie auf offener Straße, etliche wurden willkürlich getötet. Beamte "nicht arischer Abstammung" wurden in den Ruhestand versetzt, und die sogenannte Arisierung, also die Enteignung jüdischer Firmen, lief allmählich an.
Jetzt gab es, in der Sprache des Regimes, "Volljuden", "Halbjuden", "Vierteljuden", "Mischlinge", "Geltungsjuden" oder "Rassejuden". Jetzt gab es unter dem Oberbegriff "Nürnberger Gesetze" ein "Reichsbürgergesetz", das Juden zu Bürgern minderer Klasse degradierte. Es gab das "Blutschutzgesetz", das Eheschließungen und Liebesbeziehungen zwischen Juden und Staatsangehörigen "deutschen oder artverwandten Blutes" untersagte.
Über 2000 Gesetze, Verordnungen und Bestimmungen sorgten dafür, dass deutsche Juden mit formaljuristischen Begründungen nach Gutdünken geknechtet werden durften. Von August 1938 an mussten alle männlichen Juden "Israel", alle Frauen "Sara" als zweiten Vornamen tragen, sofern sie nicht schon einen erkennbar jüdischen Vornamen hatten. Dann folgte jene "Art Testfall, was der deutschen Bevölkerung zuzumuten war", wie es die Wiener Historikerin Brigitte Hamann formuliert: der von Agitator Joseph Goebbels initiierte Pogrom vom 9. und 10. November 1938, in die Geschichte eingegangen als "Reichskristallnacht".
Es war ein Kulminationspunkt des Terrors, viel schlimmer noch als 1933. Zum ersten Mal offenbarte sich die brutale Gewalt gegen Juden für jedermann sichtbar in allen Städten. Synagogen und Bethäuser brannten, Schlägertrupps zogen umher, Zehntausende Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt, offiziell 91, tatsächlich weit mehr, getötet.
Dem Pogrom folgte eine deutliche Zäsur. Die Jahre zwischen 1933 und 1939 hatten der Machteroberung, der Machtsicherung und schließlich der Durchsetzung des totalen Machtanspruchs gedient, und die "Entjudung", "im weiteren Sinne die Durchsetzung einer rassistischen Politik" (Longerich), war sichtbares Zeichen eines solchen Erfolgs.
Wohl deshalb auch vollzog das Regime die Abkehr vom "Radau-Antisemitismus", der auf der Straße ausgetragen worden war und sein Ziel, die Einschüchterung, fast gänzlich erreicht hatte.
Nun wurde die sogenannte Judenpolitik zunächst delegiert in die Stille staatlicher Institutionen; Experten verschiedenster Fachgebiete kümmerten sich darum. Diese "bürokratische Professionalisierung" (Aly) gilt dem Senior der Holocaust-Forschung, Raul Hilberg, als wichtige Voraussetzung für das Undenkbare - die Ermordung der europäischen Juden.
In einer Rede vor dem Reichstag am 30. Januar 1939 drohte Hitler ganz offen mit Völkermord. "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen", donnerte er, "dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."
Klare Worte, denen Zeitgeschichtler noch eine andere Bedeutung geben. Würden nämlich die Westmächte den Expansionsgelüsten Deutschlands entgegentreten, würde also ein begrenzter Krieg zum Weltkrieg führen, spekuliert Peter Longerich, dann "würde Hitler die europäischen Juden als Geiseln ansehen".
Tatsächlich plante die NS-Führung nach dem Überfall auf Polen im September 1939 ein gigantisches Programm zur Deportation aller im deutschen Herrschaftsbereich lebenden Juden in Reservate - erst sollten sie im östlichen Polen liegen, dann, nach dem Sieg über Frankreich 1940, auf der Südostafrika vorgelagerten Insel Madagaskar, später wurde ein Sumpfgebiet in Weißrussland oder die sibirische Eismeerregion erwogen.
Ob die Reservatsidee wirklich schon als Anfangsprojekt zur "Endlösung der Judenfrage" gelten kann, ist historisch umstritten. Die Jahre bis Mitte 1941, dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, bezeichnet Dieter Pohl - obgleich schon Hunderttausende umgekommen waren - als "Inkubationszeit für die Massenmorde". Was kommen würde, zeichnete sich ab und war nicht mehr aufzuhalten. Der expandierende Krieg bedeutete gleichzeitig eine Radikalisierung der Vernichtungspolitik.
Und dies wiederum bedeutete: Mord um jeden Preis.
Hitlers Armeen auf dem Marsch nach Osten waren vier "Einsatzgruppen" der Sicherheitspolizei und des SD ("Sicherheitsdienst") der SS gefolgt, zusammen etwa 3000 Mann stark und kommandiert von hochrangigen, ideologisch gefestigten Mitarbeitern des Reichssicherheitshauptamts der SS: Ihnen zur Seite gestellt wurden Bataillone der Ordnungspolizei und Soldaten, die oftmals den Makel der "Frontuntauglichkeit" trugen.
Die Einsatzgruppen waren mobile Tötungseinheiten, die hinter der Front operierten - schnell, zweckgerichtet, grausam. Ihr Auftrag: sofortige Liquidierung des "jüdischen Bolschewismus", der Intelligenz. Dazu gehörten vor allem Juden "in Partei- und Staatsstellungen", aber auch alle "sonstigen radikalen Elemente" wie "Saboteure, Propagandeure, Heckenschützen, Attentäter, Hetzer usw.".
Tag für Tag wurden Hunderte, Tausende Menschen erschossen. Funktionsträger zuerst, jüdische Rotarmisten, Frauen, Kinder und Alte, zuletzt ganze jüdische Gemeinden auf einen Schlag. Die Zahl der Einsatzgruppen-Opfer wird auf über 500 000 geschätzt, allein in Babi Jar waren es 34 000 innerhalb von nur zwei Tagen.
Die "ganz normalen Männer", viele von ihnen liebende Familienväter, hätten die Möglichkeit gehabt, einfach den Befehl zu verweigern - niemand musste deshalb mit ernster Strafe rechnen. Kaum jemand machte freilich davon Gebrauch, auch dies eine Erkenntnis, die bestürzt.
Zwar ist kein schriftlicher Befehl Hitlers zur "Endlösung" überliefert, und offenbar gab es einen solchen auch nicht. Dass die Ausrottung der Juden aber von höchster Stelle angeordnet wurde, darauf deutet ein Aktenstück, datiert vom 31. Juli 1941.
An jenem Tag nämlich stattete Reichsmarschall Göring, Hitlers Kronprinz und formal verantwortlich für die Koordinierung der "Judenpolitik", einen 37-jährigen Mann mit einer Mord-Prokura aus - Reinhard Heydrich, groß, blond, arisch und Chef der Sicherheitspolizei. Görings Ermächtigungsgesetz für Heydrich lautete, "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa".
Vielen Deutern dieser Zeit gilt Görings Schreiben, das der Adressat offensichtlich selbst vorbereitet hatte, als ein Schlüsseldokument. Heydrich, der kühle Musikersohn, der sich im Mitarbeiterkreis gern als "Judenkommissar von Europa" titulieren ließ, war als skrupelloser Technokrat von einem besonders überzeugt - der "totalen Ohnmacht des Moralischen" (Joachim Fest). Für das Mordgeschäft schien er wie geboren; es bedurfte solcher Geister, weil das Regime plötzlich, ganz platt und prosaisch, ein Kapazitätsproblem hatte. Die Reservatspläne waren aus unterschiedlichen Gründen weitgehend aufgegeben, die Ghettos überfüllt. Der Krieg gegen die Sowjetunion, ursprünglich veranschlagt auf wenige Monate, dauerte an; 1941 waren 2,4 Millionen sowjetische Juden in deutscher Hand - und es sollten, das war unter NS-Imperialisten leicht auszurechnen, immer mehr werden.
Spätestens seit der Göring-Verfügung musste klar sein, dass es für die Juden im Zugriffsbereich der Nazis und ihrer Satrapen kaum eine Chance mehr gab. Die Vernichtung schien beschlossene Sache - ob nach dem Krieg, wenn er denn für den Diktator erfolgreich verlaufen wäre, oder währenddessen.
Für die "Implementierung des Holocaust" sei deshalb
die berüchtigtste Konferenz der Weltgeschichte, die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, nicht das "entscheidende Startsignal" gewesen, argumentiert der Historiker Hans Mommsen. Das nur 90-minütige Treffen in einer SS-Villa am Westufer des Berliner Wannsees hatte, bei Cognac und Schnittchen, ein anderes Thema: die Kooperation aller Ministerien unter Federführung Heydrichs sicherzustellen.
Schließlich hatte Heydrich - er wurde wenige Monate später von Widerständlern in Prag getötet - eine Vision, die alle Logistik übertraf, das menschliche Vorstellungsvermögen sowieso. Für die "kommende Endlösung" sollten nach dieser Teufelsarithmetik über elf Millionen europäische Juden "in Betracht kommen", auch jene aus neutralen Ländern wie der Schweiz oder Schweden.
Insofern enthüllt das Protokoll der Wannseekonferenz, niedergeschrieben von Heydrichs "Judenreferenten" Adolf Eichmann, einen gigantischen Mordplan. Dass dieser Plan nicht bis zum bitteren Ende realisiert werden konnte, lag in erster Linie am erfolgreichen Widerstand der Roten Armee, die Hitlers Truppen nicht erst seit der Niederlage von Stalingrad zurückwarf - und die Organisatoren des Holocaust zu schnellsten Maßnahmen zwang, die so nicht vorgesehen waren.
Um die Spuren der "Endlösung" zu beseitigen, wurde im März 1943 erst das Lager Belzec geschleift; hier starben etwa 600 000 Juden, nur sieben Menschen überlebten. Dann machten die Nazis auch Sobibór (bis zu 250 000 Ermordete) und Treblinka (900 000 Opfer) dem Erdboden gleich, Majdanek (235 000) wurde im Juli 1944 befreit. Im größten Lager, in Auschwitz-Birkenau, funktionierte die Todesmaschinerie noch.
Immer noch wurden Juden herangeschafft, zwischen Mai und Juli 1944 allein 438 000 aus Ungarn. Und immer noch galt: Wer nicht arbeiten konnte, war des Todes. An der Rampe standen SS-Ärzte und "selektierten" weiterhin Tausende Neuankömmlinge, oft in Stundenfrist. Die meisten wurden sofort vergast, was in der offiziellen Sprache "Sonderbehandlung" hieß oder "Desinfektion". Ansonsten entzieht sich das, was hier geschah, fast jedweder Beschreibung.
Am 17. Januar 1945, dem Tag des letzten Appells in Auschwitz, gab einer der Lagerärzte die Order, alle Krankenunterlagen auf große Scheiterhaufen zu werfen. "Weißt du, was wir jetzt verbrennen?", fragte ein Häftling seinen Nebenmann. Ohne die Antwort abzuwarten, sagte er: "Wir verbrennen das Dritte Reich."
"Plan A" trat in Kraft, die Evakuierung bei herannahendem Feind. Um 16 Uhr setzten sich die ersten Trecks Richtung Westen und Südwesten in Bewegung, "graue Menschenkolonnen in Zebraanzügen" (ein Augenzeuge). Für 15 000 Häftlinge, die das Lager überstanden hatten, wurde es der Marsch in den Tod.
Die Befreier von Auschwitz, wo zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet worden waren, kamen zehn Tage später, am 27. Januar. Zuerst "ein Mann mit Gewehr und einem roten Stern auf der Mütze", erinnerte sich der Häftling Jirl Steiner. Er schrie: "Die Russen, die Russen!" Die Überlebenden nahmen den Soldaten auf die Schultern und trugen ihn über die Lagerstraße - wie einen Triumphator.
In den folgenden Wochen und Monaten verbreiteten sich die Bilder von den Leichenbergen in den KZs über die ganze Welt. Doch was war schon vorher bekannt von dem systematischen Massenmord an den Juden Europas? Was wussten die Militärs, die Agenten, Diplomatie und Politik?
Den Alliierten lieferte vor allem die polnische Exilregierung valide Informationen.
Wie präzise deren Erkenntnisse waren, belegt ein Artikel aus dem Sommer 1942 über das Vernichtungslager Treblinka:
Eine Lokomotive schiebt die Waggons mit den Juden zum Bahnsteig. Die Ukrainer holen die Juden aus den Waggons und führen sie zur "Badedusche". Dieses Gebäude ist mit Stacheldraht umzäunt. Sie betreten es in Gruppen von 300 bis 500 Personen. Jede Gruppe wird darin sofort hermetisch abgeschlossen und vergast.
Zu dieser Zeit etwa wurden für die westliche Welt die Konturen der Massenvernichtung allmählich sichtbar, die Presse wie auch der Londoner Rundfunksender BBC begannen mit detaillierter Berichterstattung. Anfang August, fünf Wochen nach den ersten systematischen Judenselektionen in Auschwitz, sandte der Jurist Gerhart Riegner eine Botschaft an den Präsidenten des Amerikanischen Jüdischen Kongresses, Rabbi Stephen Wise:
Erhielt alarmierende Nachrichten von Überlegungen ... alle der dreieinhalb bis vier Millionen Juden in den von Deutschland besetzten oder kontrollierten Ländern nach Deportation und Konzentration im Osten zur endgültigen Lösung der Judenfrage in Europa auf einen Schlag auszurotten.
Aktion für Herbst vorgesehen. Vernichtungsverfahren in Planung. Blausäureeinsatz erwogen. Übermittle Nachrichten mit aller nötigen Zurückhaltung.
Riegner war Repräsentant des Jüdischen Weltkongresses in der Schweiz und sein Informant hochrangig: ein Rüstungsmanager mit Zugang zum Führerhauptquartier.
Als Wise später dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt ein 20-Seiten-Memorandum über den "Plan der Ausrottung" überreichte, machte der dem Rabbi nur wenig Mut: "Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sehr fein. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um die persönlich Schuldigen festzustellen."
Spätestens im Mai 1943 waren auch der Vatikan und Papst Pius XII., die höchste moralische Instanz der westlichen Hemisphäre, im Bilde. "Juden. Fürchterliche Lage", hielt ein internes Papier fest. Es gebe "gezielte Todeslager", Transporte dorthin würden stattfinden "in Viehwaggons mit einem Boden aus ungelöschtem Kalk". Dann: "Man erzählt, dass sie zu Hunderten in Räumen eingesperrt sind, wo sie unter dem Einfluss von Gas enden" - Gas, Zyklon B.
Pius verzichtete auf öffentlichen Protest - vorgeblich um "größere Übel zu verhindern". Aber war denn die Unmenschlichkeit der NS-Diktatur noch zu überbieten?
Und die Deutschen selbst? Was haben sie gewusst vom Genozid, vom Völkermord in ihrem Namen?
Untersuchungen amerikanischer Nachrichtendienstler und Psychologen aus den letzten Kriegsmonaten in jenen deutschen Regionen, die bereits besetzt waren, ergeben ein eindeutiges Bild über "das Geheimnis, das keines geblieben ist", wie es in einer Arbeit des israelischen Historikers David Bankier heißt. "Fast jeder Deutsche", resümiert Bankier, habe "irgendwelche Kenntnis von den Greueltaten" gehabt, "in weiten Kreisen" sei über die Verwendung von Gas als Tötungsmittel geredet" worden.
Und, so berichtet Bankier, "viele Befragte" seien "froh" gewesen, "zum ersten Mal seit Jahren frei" darüber "sprechen zu können". Die Vernehmer hätten in ihren Berichten darauf hingewiesen, dass "ein merkwürdiges Schuldgefühl bezüglich der Juden im Vordergrund gestanden" habe, "eine unbehagliche Stimmung und häufig ein offenes Eingeständnis" - von einem "großen Unrecht".
Im Februar 1946 schrieb der Schriftsteller Erich Kästner: "Was in den Lagern geschah, ist so fürchterlich, dass man darüber nicht schweigen darf und nicht sprechen kann." Der 18-jährige Abe Kimmelmann sprach, knapp 15 Monate nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald, in das die Amerikaner am 11. April 1945 gekommen waren. Die Abschrift der Tonbänder seines Interviews mit einem Psychologen ist 128 Schreibmaschinenseiten stark.
Immer wieder stellte Abe seinen Befragern selbst eine Frage. Sie hatte ihn verfolgt, weil seine Gedanken nur noch kreisten um Ursachen, Gründe, Motive. Über das, was sich ereignet hatte mitten im 20. Jahrhundert, im modernsten Staat Europas, in der Nation der Dichter, Denker und Erfinder, die abgestürzt war aus der Zivilisation.
"Was eigentlich", fragte Abe, "was eigentlich ist ein Mensch?" GEORG BÖNISCH
* Auf dem Berghof am Obersalzberg 1944. * Sowjetische Filmaufnahmen. * In Bielefeld am 9. November 1938. * In Auschwitz-Birkenau 1944.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 4/2005
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