24.01.2005

INDIENDie Suchenden von Car Nic

Eine Reise in den Süden der Andamanen und Nikobaren belegt: Die indische Regierung rechnet sich die Opferstatistik schön und lässt die eigene Bevölkerung im Stich. Von Klaus Brinkbäumer
Es gibt eine Menge seltsamer Sätze in Zeiten von Naturkatastrophen, aber selten einen wie diesen: "Niemand ist gestorben." Das sagt der Mann vom Justizministerium, ein schöner Mann mit braunen Augen und schwarzem Haar, ein Mann mit einem Schauspielergesicht. N. G. Ruccess heißt der Mann aus Neu-Delhi, "Rocky" wird er genannt.
Rocky sitzt im Büro des Deputy Commissioners der Nikobaren, die Erdbeben haben Risse in den Wänden hinterlassen. Rocky trinkt Tee. Er sagt, dass die Menschen von Car Nicobar "wie die Tiere" seien, sie "hören auf Instinkte, und als sie spürten, dass das Wasser kam, flohen sie". Rocky spricht Englisch, er mag seinen Satz: "That's why nobody died."
Er findet seinen Satz nicht seltsam, natürlich nicht. Der Satz hat System, der Satz ist Teil des Systems.
Der Premierminister, Manmohan Singh, hat in Kalkutta gesagt, dass Indien nicht von "falschem Stolz" getrieben sei und dass die Ablehnung internationaler Hilfe für die Katastrophengebiete der Andamanen und Nikobaren nichts mit Chauvinismus oder Isolationismus zu tun habe; Indien habe den "nationalen Willen und die Mittel", der Herausforderung selbst zu begegnen.
Und oben in den Verwaltungsgebäuden von Port Blair, der Hauptstadt dieser einstmals - vor dem 26. Dezember - 572 Inseln, hingen Listen mit vielen Zahlen aus. 600 Kilogramm Reis seien bisher an die Opfer verteilt worden, stand da. Vor allem aber: 1310 Tote. 4657 Vermisste.
"Es ist ein Witz." Das sagen die Menschen in den Flüchtlingslagern über diese Zahlen, nachfragen kann man bei der Verwaltung nicht. Wenn man gerade bei der Armee war und nun jemanden von der Regierung sprechen will, sagt Informationsdirektor Kuldeep Singh Gangwar: "Ein Interview genügt Ihnen." Dolmetscher, die ausländischen Journalisten helfen, brüllt Herr Gangwar an. Er werde ihnen ihr Leben schön schwer machen in Port Blair, brüllt er.
Worum geht es hier? Das Wort "Tsunami" steht für eine Katastrophe, die die ganze Welt betrifft, und zugleich für den Versuch aller, allen zu helfen; die Andamanen und Nikobaren aber waren ein schwarzes Loch in den Tagen der Katastrophe, weil es von dort keine Bilder gab, keine Informationen. Und heute, fast vier Wochen danach, sind die Menschen hier von Hilfe und Solidarität abgeschnitten, weil ihre Regierung es so will. "Niemand ist schuldig, niemand kann etwas für das Unglück", sagt Ali Liyakat, bis zum 26. Dezember Hafenaufseher auf Little Andaman, "warum also handelt Neu-Delhi so?"
Weil es um Stolz und Stärke geht. Um Scham. Es geht darum, dass auf Car Nicobar der östlichste Militärstützpunkt Indiens lag, von dort aus wurden Südostasien und vor allem die Straße von Malakka überwacht. Es geht immer auch um Geschichte: Indien wurde 1947 unabhängig von Großbritannien und ist heute manisch bemüht, keinem Land der Welt irgendeinen Einfluss zuzugestehen. Es geht um Überforderung und Vertuschung und deshalb um eine seltene Kälte: Die Urvölker auf den Andamanen und Nikobaren wählen nicht; die Inseln, 1500 Kilometer von Madras entfernt, sind Unionsterritorium, ohne Parlament, ohne Medien, ohne Lobby. Sie sind militärisch wichtig, aber politisch belanglos, die Einheimischen werden nicht gebraucht.
Wer wissen will, was auf diesen Inseln passiert ist und was hier heute passiert, muss in den Süden reisen, auf Schiffen wie der MV "Pilokunji", 30 Meter lang, verrostet, erstürmt von 300 Heimatlosen, die zehn Stunden lang unterwegs sind durch die Nacht nach Little Andaman.
Die Menschen rollen ihre Decken auf dem Boden aus, auch auf der mit zwei Vorhängeschlössern zugesperrten Kiste mit den Schwimmwesten. Sie alle erzählen ähnliche Geschichten. Wie das Erdbeben die Häuser einstürzen ließ, die Fundamente aus Beton und die Dächer aus Holz, wie zuerst die Kinder erschlagen wurden. Wie dann das Wasser kam, vier Wellen im Abstand von 20 Minuten. Wie im Osten Hut Bay, das größte Dorf, und ganz unten South Bay, Heimat der Stämme der Onge und der Nikobarer, verwüstet wurden. Wie sie, weil die Insel überspült und alle Quellen versalzen wurden, kein Wasser und keine Nahrung und keine Medikamente hatten und wochenlang warteten auf Hilfe, die nicht kam.
Little Andaman sieht aus wie nach einer Invasion, und es war ja auch eine. "Wenn die Natur alles aufbietet, was sie hat, kann sie Kriege führen, die alles vernichten, dann ist sie unbesiegbar", sagt Andrew Martin, Ortsvorsteher von South Bay. 2000 Menschen seien auf dieser Insel gestorben, sagen die Überlebenden auf Little Andaman, und allen hier geht es ähnlich: Sie haben Kinder verloren, Angehörige und Geliebte, sie haben ihr Haus und ihre Papiere verloren, sie haben verloren, was sie im Lauf ihres Lebens gesammelt hatten: den Fernseher, das Fahrrad, das Bett, den Motorroller, die Kücheneinrichtung, die Kleidung, und sie haben keine Sparbücher und keine Versicherung. Sie suchen immer noch Leichen.
Ein paar Meter neben der Hauptstraße sitzt eine Gruppe des Onge-Stamms vor einem Feuer, Männer in Lendenschurz grillen die letzte Ziege, sie sagen: "Wir werden nie wieder aufs Meer hinausfahren, das Meer hat gesagt, was es zu sagen hatte."
Es gibt sechs Stämme auf den Andamanen und Nikobaren. Die 100 kleinwüchsigen Onge, die etwa 250 Jarawa, die 70 Sentinelesen und die 25 Großen Andamanesen, alle eher im Norden beheimatet, zählen zu Negrito-Stämmen; die 32 000 Nikobarer und die etwa 200 Shompen sind mongoloid. Außerdem gibt es hier Nachkommen jener Gefangenen, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts vom Festland in die Strafkolonie Andamanen geschickt wurden. Und es gibt Inder aller Religionen, die sich in den siebziger und achtziger Jahren herlocken ließen, weil die Regierung ihnen Land schenkte, ein paar Hektar, ein Zuhause; es war ein Besiedlungsprojekt.
Es gab auf den 572 Inseln rund 360 000 Einwohner. Niemand ist gestorben? Oder doch 1310 Tote? Zynisch.
Am 31. Dezember kam aus Neu-Delhi per Fax der Befehl Nummer 281/27/2004-TS in Port Blair an, verfügt wurde die Zusammenarbeit von Zivilverwaltung und Armee, und seitdem ist Generalleutnant B. S. Thakur der Kommandeur der indischen Helfer. "Es war schwierig am Anfang", sagt Thakur, Offizier in Camouflage und Joggingschuhen, "weil sich das Profil der Inseln geändert hat. Alle Karten waren nutzlos, wir hatten neue Riffe, neue Küstenlinien. Aber jetzt ist alles unter Kontrolle, den Menschen wurde geholfen, die indische Nation steht zusammen."
Wer Glück hat, kann nach dem Gespräch mit dem Kommandeur mit einem Militärhubschrauber - leer bleibt der Frachtraum - nach Car Nicobar fliegen, auf jene Insel, auf welcher der Militärstützpunkt lag, der Befehlshaber wohnte in der ersten Reihe am Strand. Weil Journalisten und Helfer hier nicht erwünscht sind, erhalten sie Begleiter, aber man kann sich davonschleichen und die Insel erkunden.
Car Nicobar, "Car Nic" genannt, Umfang 45 Kilometer, war das Zentrum der Katastrophe auf den Andamanen und Nikobaren. Es standen früher 16 Dörfer hier, alle am Strand, heute sind 12 Dörfer zerstört und davon 5 spurlos verschwunden. Fernsehbilder oder Fotos bereiten niemanden auf das vor, was man zum Beispiel im Flecken Malacca sieht. Ganze Straßen sind verschoben worden, 300 Meter den Strand hinauf. Erdgeschosse sind fort, Dachgeschosse liegen auf dem Boden. Lastwagen, Fernseher, Kleidung, Steine, Bäume liegen herum, dazwischen ein weißer Ballettschuh und eine Puppe, der Friedhof wurde umgewälzt, die alten Toten mischten sich unter die neuen Toten, nur die Statue von Mahatma Gandhi, Vater der Nation, steht noch an ihrem Platz. 32 000 Menschen lebten offiziell auf Car Nicobar, außerdem etwa 7000 sogenannte Illegale, Rechtlose ohne Pässe.
Die Leute hier waren in Familien organisiert, zu einer Familie zählten 70 bis 100 Menschen, und die Familien schlossen sich zu Dörfern zusammen. Das Kommando führten die Kapitäne der Dörfer und ihre Priester. Von manchen Familien haben 3 Erwachsene überlebt, von manchen 30. Insgesamt sei auf Car Nic die Hälfte der Bevölkerung umgekommen, sagen die Kapitäne, die versucht haben, den 26. Dezember zu erfassen. Sind es insgesamt, auf allen Inseln, also 20 000 Tote? 30 000? Dass die Ärzte ohne Grenzen und Unicef ihnen helfen wollen, dass deren Leute in Port Blair hocken und immer noch warten, wissen die Menschen hier nicht - sie haben sich Lager aus Palmenholz gebaut, den Monsun überstehen sie darin nicht, das wissen sie. Der Monsun kommt im April.
Zwei Wirklichkeiten. Und eine Macht, die sagt, was wahr zu sein hat.
"Wo waren Sie? Haben Sie mit Einheimischen gesprochen?", schreit N. G. Ruccess, der Mann des Justizministeriums, am nächsten Morgen, er steht neben der Landebahn. Die Soldaten haben damit zu tun, ihren Stützpunkt wieder aufzubauen, ein wenig weiter im Landesinnern diesmal. Ihre Frauen und Kinder dürfen sie künftig nicht mehr hierher begleiten, das hat die Armee aus dem 26. Dezember gelernt.
Es gibt eine Menge seltsamer Dinge, die Soldaten in Katastrophenzeiten befohlen werden, aber eher selten gibt es Aufträge wie diesen. Es ist Mittwochmorgen, zehn Mann sind jetzt unterwegs; die "Vorbereitung der Klärung der Transportwege" ist ihre Aufgabe, und deshalb schreiten sie den Sportplatz von Car Nicobar ab. Messen ihn aus. Die Länge. Die Breite. "104, Sir", schreit ein Soldat, und der Offizier notiert. "50, Sir", schreit der nächste.
Auf den Feldwegen von Car Nicobar liegen Palmen und Mangroven, sie bleiben dort liegen; wer im Norden der Insel überlebt hat, kriegt kein Wasser, erfährt nichts von Spenden, muss sich selbst retten oder sterben. In Malacca wurden vorhin zwei Babys gefunden, im Gebüsch, man hielt sie für Plüschtiere, zunächst. Die Soldaten tun nichts, ihr Auftrag ist ausgeführt.
Sie fahren zurück zu ihren Zelten, Zeit für die Mittagsruhe.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 4/2005
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