31.01.2005

FILMFESTSPIELE„Es gibt ein Leben neben Hollywood“

Berlinale-Chef Dieter Kosslick, 56, über Absagen aus den USA und das am 10. Februar beginnende Filmfestival
SPIEGEL: Herr Kosslick, wie kommt es, dass viele Oscar-nominierte Filme, die man eigentlich im Festivalprogramm erwartet hätte - wie "Aviator", "Ray" oder "Hautnah" -, bereits in den Kinos angelaufen sind? Früher galt die Berlinale als ideale Werbeplattform für solche Filme.
Kosslick: Mal halblang. Für den Oscar nominiert sind auch der Schauspieler Don Cheadle aus dem diesjährigen Berlinale-Film "Hotel Ruanda", der Berlinale-Special-Film "As It Is in Heaven" und eine Bärengewinnerin von 2004, die Hauptdarstellerin aus "Maria Full of Grace". Aber seit vorigem Jahr findet die Verleihung schon Ende Februar statt, einen Monat früher als sonst. Das kann sich auf die Berlinale auswirken. Viele Stars bleiben so kurz vor der Oscar-Feier lieber in Los Angeles.
SPIEGEL: Schon 2004 mussten Sie zum Berlinale-Auftakt fast allein über den roten Teppich laufen - ohne die Stars des Eröffnungsfilms, Nicole Kidman und Jude Law. Wird das diesmal anders sein?
Kosslick: Das kann ich Ihnen garantieren. Manche Leute glauben ja tatsächlich, die Stars kämen zur Berlinale, weil ich sie vorher angerufen habe. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft für mich. Aber letztlich geht es darum, was der Vermarktung eines Films am meisten nützt.
SPIEGEL: Sind den Hollywood-Studios lobende Kritiken und Jury-Preise angesichts ihrer gigantischen Marketingmaschinerie nicht ohnehin ziemlich egal?
Kosslick: Nein, alle großen US-Filmstudios werden auf dieser Berlinale vertreten sein. Aber vielleicht sollte die Berlinale schon im Januar stattfinden, unmittelbar nach dem amerikanischen Sundance-Festival. Außerdem: Es gibt auch ein Leben neben Hollywood. Man kann ein Festival nicht auf einen bloßen Star-Auftrieb reduzieren.
SPIEGEL: Sie selbst haben doch seit Ihrem Amtsantritt vor vier Jahren den Glamour-Faktor der Berlinale ganz bewusst erhöht.
Kosslick: Die guten Geister, die ich rief, will ich nicht mehr loswerden, solange ich hier Chef bin. Aber wir hatten schon die Idee, dass wir in diesem Jahr auf dem roten Teppich Flugblätter verteilen, auf denen steht: "Das ist ein taiwanischer Film." Oder: "Das ist eine Produktion aus Nordrhein-Westfalen." Wir müssen ankämpfen gegen dieses Bildungsdesaster: Die Leute sollen sich nicht nur für Hollywood-Filme interessieren, sondern auch für das andere Weltkino.

DER SPIEGEL 5/2005
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