31.01.2005

RUSSLANDChristus von Sibirien

Ex-Polizist Wissarion baut einen Kirchenstaat in der Taiga. Sein Angebot an den „lieben Freund“ Putin: Er solle zusammen mit der auch in Deutschland aktiven Sekte die russische Nation einen.
In Russland wurde der liebe Gott das letzte Mal im Jahre 1927 gesehen. Er war ausländisch gekleidet, genoss seine Arbeitslosigkeit und wohnte im Moskauer Hotel Savoy für 20 Rubel die Nacht. Gelegentlich amüsierte er sich in Theatern, von deren Bühnen man ihn lästerte, verriet er dem Schriftsteller Joseph Roth, der gerade wenig amüsiert Stalins Reich bereiste - und die Begegnung im selben Jahr in der "Frankfurter Zeitung" beschrieb.
Später ging der alte Herr solchen Prüfungen aus dem Wege. Er ließ sich verleugnen und blieb, ganz Opium fürs Volk, hartnäckig im staatsfeindlichen Untergrund. Selbst dann noch, als die gottlose Sowjetmacht vor 13 Jahren ein Kreuz unter ihr Schicksal malte und orthodoxe Kirchen sich schlagartig wieder mit Weihrauch und Menschen zu füllen begannen.
Wer hätte da ahnen können, dass er ausgerechnet in der ostsibirischen Taiga des Krasnojarsker Gebietes Wohnung nehmen würde? Dort jedenfalls glaubt ihn Raissa, 46, aus dem Dörfchen Petropawlowka gefunden zu haben: "Wissarion", strahlt sie wie eine Sonnenblume in ihrem Garten, "Wissarion ist für uns der Gott." Das klingt zwar ein wenig exaltiert und zu hoch gegriffen für viele der anderen rund 4000 Gottessucher, die sich zwischen Tiberkul-See und dem Zusammenfluss der Flüsse Kasyr und Kisir angesiedelt haben. Aber als Gottes Sohn, Christus und Messias ist Ex-Polizist Sergej Anatoljewitsch Torop, 44, der sich den religiösen Künstlernamen Wissarion ("Der aus dem Walde kommt") zulegte, auch Raissas Glaubensbrüdern und -schwestern lieb und teuer.
Dabei war sich die russlanddeutsche Friseurin schon einmal sicher gewesen, endlich das gelobte Land gefunden zu haben - in Deutschland. Dorthin war sie in den neunziger Jahren mit Eltern, Geschwistern, Ehemann und zwei Töchtern aus dem nahen Barnaul übergesiedelt, hatte bei München "gut bezahlte" Arbeit gefunden und war "eigentlich ziemlich zufrieden" gewesen.
Bis sie auf einer Werbeveranstaltung vom sibirischen Christus und seinem angeblichen Taiga-Paradies hörte: Da spürte Raissa plötzlich eine "magnetische Kraft", trennte sich von ihrem Mann, verkaufte ihr Auto, löste die Sparguthaben der Kinder auf, schlug Warnungen von Mutter und Bruder in den Wind und folgte ihrem spirituellen Magneten in dessen vorindustrielle Welt von Plumpsklo, Ziehbrunnen und altväterlicher Frömmelei. Dort tauscht sie nun ihre Frisierkunst gegen Lebensmittel und männliche Dienstleistungen wie das Holzhacken: "Bin ganz glücklich", sagt sie, aber mit irgendwie traurigen Augen.
Herr Torop dagegen hat es weit gebracht im postkommunistischen Russland: Er kann seit dem Putsch-Jahr 1991, welches ihm Erleuchtung brachte, auf eine steile Karriere vom bloßen Verkünder göttlichen Willens zum lebendigen Christus zurückblicken.
Verehren lässt er sich in einem halben Dutzend hölzerner Kirchlein, aus denen der gekreuzigte Vorgänger verbannt und wo allein sein Konterfei ausgestellt ist.
Ihm gehört ein schwarzer Toyota Land Cruiser, der im Vorwerk Chlebnowa bereitsteht, wenn er von seinem Hausberg Suchaja herabsteigt, wo ihm Gläubige ein schmuckes Heim und eine Kirche errichtet haben - die "Himmlische Wohnstatt".
Standesgemäß beschäftigt er einen Evangelisten, der einst für die Popgruppe "Laskowy Mai" (Zärtlicher Mai) trommelte und nun jedes noch so triviale Wort seines Lehrers in dicken Büchern verzeichnet. Weiter zu Diensten sind Prediger und Zeremonienmeister, die an eigenen Fest- und Feiertagen in weiten Gewändern allerlei Wasser-, Feuer- und Erdkulte zelebrieren wie ein Popkonzert.
Torop-Wissarion ist Chef der "Kirche des letzten Testaments", Rezepteur eines synkretistischen Glaubensgebräus aus christlichen, buddhistischen, naturreligiösen und esoterischen Heilslehren und zugleich Pächter einiger hundert Hektar russischer Erde, auf denen die Keimzelle der neuen Welt entstehen soll: die "Sonnenstadt", auch ökologische Experimentalsiedlung Tiberkul genannt.
Neue Schäfchen streben noch immer in den unwegsamen Waldwinkel zwischen kasachischer Grenze und Baikalsee. Gern gesehen ist, wenn sie draußen mit irdischen Gütern gesegnet waren und der Geld als Satanswerk verachtenden Glaubenspyramide neue Mittel zuführen.
Nach Ansiedlung in einem der knapp 50 Dörfer der 30 000 Quadratkilometer großen Region, in denen sich die Letzttestamentler ausgebreitet haben, sollen sie sein wie die Kinder: Naivität, Gehorsam, streng vegane Ernährung ohne Fleisch, Fisch und Milchprodukte sowie Bereitschaft zu nimmermüder Handarbeit und Fruchtbarkeit gehören zu den Hauptforderungen.
Und natürlich hartnäckiges, per unermüdlichen Kirchgang demonstriertes Glauben: an einen absoluten Gott jenseits von Gut und Böse, der das Weltall geschaffen hat. An einen moralischen Vater-Gott, der einst zusammen mit Mutter Erde das Menschengeschlecht aus der Taufe hob, an Karma, Seelenwanderung, Ufos. Und an die göttliche Qualität ihres Lehrers Wissarion, der sich nicht weniger vorgenommen hat als die Rettung der Menschheit durch Vereinigung aller Religionen.
Sogar eine neue Zeitrechnung hat er seinem "einigen Volk" beschert, das nun im Jahr 45 der Morgendämmerung lebt, den Geburtstag des Meisters am 14. Januar als Neujahr feiert und das höchste religiöse Fest am 18. August - zur Erinnerung an den ersten öffentlichen Messias-Auftritt 1991 in der Provinzstadt Minussinsk.
Zum Gottes-Dankfest empfängt Herr Torop im Hinterzimmer des Bethauses von Petropawlowka. Angetan mit knöchellangem Schlabbergewand aus weinrotem Samt, wirkt der langhaarige Tempelherr wie zum Casting bestellt. Franco Zeffirelli hätte ihn vom Fleck weg engagiert für seinen Film "Jesus von Nazareth", wäre dieser Christus-Darsteller vor einem Vierteljahrhundert schon auf dem Markt gewesen.
"Mein Körper ist menschlich", räumt der fünffache Vater das Offenkundige mit leiser, wie vor Erschöpfung müder Stimme ein. Apostel Wadim an seinem Schreibpult hält das große Wort für die Nachwelt fest. Jedoch verfüge er "über andere Kräfte und Möglichkeiten", andere "Energien". Deshalb vermöge "der Gläubige mit Hilfe des Lehrers" - Wissarion liebt es, von sich in der dritten Person zu sprechen - "stets Sieger zu sein und alles zu überwinden".
Das ist eine Verheißung, die in zynischer Umwelt ein Fähnchen neuen Gutmenschentums hochzuhalten scheint, hinter dem sich ehemalige KP-Kader ebenso sammeln können wie verspätete Blumenkinder und introvertierte Zivilisationsflüchter.
Entsprechend bunt ist das Publikum: Auffällig viele Popsternchen und Musikanten scharen sich um den Guru und sorgen für süßliche Schlageratmosphäre der Gottesdienste. Den Oberpriester gibt ein Oberst a. D. der Raketentruppen. Zuhauf außerdem sinnsuchende russische Intelligenz, die wie so oft in den letzten 200 Jahren den Rückwärtsgang zur Natur eingelegt hat und sich bei Feldarbeit vom Fortschrittsglauben heilt.
Lust auf Kollektiv-Experimente mit der Spezies Mensch scheint in Russland unversenkbar. Doch die von der Staatsmacht im Stich gelassenen und als "perspektivlos" abgeschriebenen Dörfer des Kreises Kuragino, in denen die Wissarion-Gefolgschaft siedelt, profitieren offenkundig auch von der Zuwanderung neuer Seelen.
Anders als in vergleichbaren russischen Siedlungen wird in Tscheremschanka, Guljajewka oder Petropawlowka von früh bis spät gesägt, gebohrt und gehämmert. Neue Holzkaten in allen Baustadien säumen inmitten großer Gemüsegärten die staubigen Straßen. Überall junges Volk mit städtischaufgeweckten Gesichtern. Es riecht nach Landkommune, Erweckungsbewegung, Reformhaus - und nur ganz selten, dort, wo Alteingesessene die Stellung halten, auch ein wenig nach Wodka und Tabak.
Die Grundstückspreise steigen. Schulen entstehen, Spielplätze, wo anderswo in ebenso tiefer Provinz der letzte Kinderschrei schon seit einem Jahrzehnt verklungen ist. Rollenspiele werden geübt, Sprachen gelehrt - und bis zum Abwinken die heute schon bibellange Botschaft des geschwätzigen Lehrers vom Berge.
Während der Staat öffentliche Fernsprecher vom Netz nimmt, unterhält die Sekte ein Funktelefon-System. Wo die Polizei sich nicht mehr blicken lässt, übernimmt Wissarions grober Sicherheitsdienst.
Der historische Jesus von Nazareth hat kleiner angefangen. Doch allein dieser Vergleich lässt Rechtgläubige unter dem Regiment des Moskauer Patriarchen schäumen: Die Einheitskirche des Bürgers Torop "entartet schnell", urteilt etwa Alexander Dworkin, Sektenspezialist der Russisch-Orthodoxen Kirche: Wissarion habe "inzwischen diktatorische Macht über seine Anhänger". Ein Befehl zum Massenselbstmord nach Vorbild des US-Sektierers Jim Jones und seiner "Volkstempel"-Bewegung im Jahre 1978 sei ihm zuzutrauen.
Auch Vater Alexander, orthodoxer Hirte in Kuragino an vorderster Glaubensfront, sieht einen "Lügen-Christus" samt "totalitärer Psycho-Sekte" am Werk: Ihr Führungspersonal plündere Mitglieder aus und gefährde durch das Verbot von medizinischer Behandlung deren Gesundheit.
Die Bereitschaft, jeden nach seiner Façon selig werden zu lassen, ist bei alten Dörflern inzwischen größer als bei ihrer kirchlichen Obrigkeit. "Wissarion predigt ja nichts Schlechtes", meint die greise Tatjana: "Nur dass er Christus sein soll, glauben wir nicht; da bleiben wir bei unserem."
Vorbei die Zeiten, da sie wunderlichen Zugereisten die Scheiben einwarfen und sie "Kohlraupen" schimpften. Auch die Barfüßer predigen nicht länger Abschaffung des Rindviehs; sie haben gelernt, einen Bogen um Kuhkacke zu machen.
Die von der Monopolkirche verbissen geführte Debatte, welche den Wissarion-Leuten alle Sünden dieser Welt zuschreibt, aber dies selten beweisen kann, verdrängt nicht nur, dass Aberglauben, religiöser Fanatismus und Gehirnwäsche auch in manchen orthodoxen Klöstern Russlands ein dumpfes Zuhause haben. Sie lenkt auch ab von Problemen, die der sensiblen Taiga-Region durch die Glaubenskolonisten tatsächlich erwachsen oder noch drohen.
Von ökologischem Engagement beispielsweise, dem Aushängeschild der Gemeinschaft, ist in der Wirklichkeit wenig zu spüren. Einheimische beklagen Raubernten von Pilzen und Beeren. Die "Sonnenstadt", an denkbar schlechtem Standort für eine Öko-Siedlung, kann nur dank unbezahlter Heloten-Arbeit unterer Gläubigen-Ränge funktionieren. Fürs kümmerliche Datschen-Konglomerat wurden ohne Not Zedern- und Fichtenbestände abgeholzt. Auch das Menschen-, vor allem aber das Frauenbild der Wissarion-Jünger steckt, freundlich beschrieben, im tiefen Mittelalter. Wer den Segen des Lehrers hat, lebt in "vereinigten" Dorffamilien. Entscheidungen trifft der "Rat der Männer" - und die sind es hochzufrieden: "Der Mann ist der Schöpfer", freut sich Schmied Wladlen Durow, 49, "und die Frau dient ihm." Mitunter nicht nur eine: Dreiecksverhältnisse haben den Segen des religiösen Bosses.
Schon dreimal prophezeiten Wissarions Jünger den Weltuntergang durch ökologische Katastrophen. Das letzte Mal sollte eine gewaltige Flutwelle die Welt verschlingen - bis auf ein Inselchen mit den Dörfern der Gläubigen. Jedes Mal trafen verängstigte Anhänger mit Sack und Pack aus allen Ecken des russischen Reiches in der Heilszone ein. Jedes Mal wurden Pläne geschmiedet für das Leben danach in Torops Arche. Und jedes Mal wies der unbelehrbare Lehrer später jede Verantwortung für die Hysterie weit von sich. Gleichwohl stehen Autarkie und Vorbereitung aufs Weltende weiter hoch im Kurs. Mit alttestamentarisch-folkloristischer Ideologie baut Wissarion seinen Staat im Staate - und wirbt weltweit dafür. Mit Vorrang in Deutschland, wohin er schon drei Reisen unternommen hat. Zielgruppen sind neben Vegetarierzirkeln und Öko-Landwirten vor allem Aussiedler.
Mit vier Tonnen Hausrat und dem Klavier, das die Eltern einst aus Karangada nach Deutschland retteten, treckten Natascha und Anatolij Eberle im vergangenen Jahr aus Nürnberg ins Dorf Guljajewka. Wissarion, sagt die 30-jährige ehemalige Pharmaziestudentin, "hat uns gezeigt, dass wir gesegnet sind, hier zu leben".
Ihre Siedler-Idylle am Waldrand ist frei von Fanatismus. Vegetarisch ernähren sie sich, jedoch nicht vegan. Damit es schneller geht mit den Bauarbeiten, musste eine Kettensäge her. Und Wissarion? Der sei "ein weiser Mann", sagt Anatolij bedächtig, aber er stehe "nicht auf einer Stufe mit Christus, Mohammed oder Buddha".
Anfangs wohnten die beiden Russlanddeutschen mit ihren vier Kindern im Zelt, später konnten sie ein halbverfallenes Haus kaufen und ausbauen. Die Rückkehrer kennen russisches Dorfleben, sprechen die Sprache. Dennoch sind auch für sie "die Lebensbedingungen hart", bekennt Natascha: "Richtige Reichsdeutsche" hätten da oft "ziemlich falsche Vorstellungen".
Die freilich werden zielstrebig genährt - beispielsweise von der Reichsdeutschen Birgitt Schlevogt aus Niederkassel. Die Lehrerin finanzierte mit Sektensegen eine Herberge (Volksmund: Deutsches Haus) in Petropawlowka. Im Internet wirbt sie für Schnupperbesuche im heiligen Land - für einen "Ort, wo man sich wohl fühlt" und der unterm "persönlichen Schutz" des sibirischen Messias stehe.
Den wird der Glaubenstourist demnächst vielleicht dringend brauchen. Denn seriöse Kritiker der "Kirche des letzten Testaments" verlangen, der Staat dürfe das von ihr eroberte Territorium nicht länger vernachlässigen. "Wer kümmert sich hier noch um Schulpflicht, Brandschutz oder Registrierung", schimpft der Forstbeamte Iwan Baikow aus Tscheremschanka: "Bei denen sterben und verschwinden Leute, ohne dass es jemand merkt oder meldet."
Von solchen Anwürfen lässt sich Wissarion nicht beeindrucken. Er akzeptiert nur Partner auf vermeintlicher Augenhöhe, den russisch-orthodoxen Präsidenten in Moskau zum Beispiel. Ihm hat Wissarion unlängst einen langen Brief ("Lieber Freund") geschrieben mit dem Vorschlag, gemeinsam die russische Nation zu einen und zum Retter der Welt zu machen. Doch aus dem Kreml kam keine Antwort. "Es gibt eine Methode", sagt der selbsternannte Christus von Sibirien, "aber die kann ich nur Wladimir Putin persönlich verraten." JÖRG R. METTKE
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 5/2005
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