31.01.2005

SPRACHENPlausch von Berg zu Tal

Rund ein Dutzend Sprachen auf vier Erdteilen hat ein französischer Forscher untersucht. Nur eines haben sie gemein: Worte werden gepfiffen.
Mitten im südmexikanischen Hochland steht ein 13-jähriger Junge auf einem Hang beim Mazateken-Dorf Huautla de Jiménez und pfeift. Mit dem Zeigefinger an der Unterlippe erzeugt er drei kurze, hohe Töne.
Das Pfeifen klingt wie der Gesang eines Kanarienvogels, und es trägt weit. Am Fuß des Hanges spitzt der Vater des Teenagers die Lippen: ein langer Ton in der Mittellage, dann ein Schlenker nach unten.
In raschem Wechsel entspinnt sich ein Dialog über eine Entfernung von 200 Metern. Was sich wie Gezwitscher anhört, lässt sich in Wörter übersetzen. "Was machst du gerade?", fragt der Vater. "Nichts Besonderes", antwortet der Sohn. Darauf der Vater: "Wenn du willst, gehen wir ins Dorf."
Direkt hinein in die Pfiffe hält jemand ein Mikrofon: der französische Sprachforscher Julien Meyer vom Laboratoire Dynamique du Langage in Lyon. Der gelernte Bioakustikingenieur ist, zusammen mit der Toningenieurin Laure Dentel, auf einer besonderen Mission. Er reist in der ganzen Welt umher, um sogenannte Pfeifsprachen zu erforschen.
Über ein Jahr dauerte seine jüngste Expedition; in zehn Ländern auf vier Erdteilen hat er ein Dutzend Pfeifsprachen untersucht - unter anderem auf den Inseln Gomera (Spanien) und Euböa (Griechenland) und im osttürkischen Bergland. Rund 60 Pfeifsprachen, schätzt Meyer, gibt es weltweit - von Linguisten bisher wenig beachtet.
"Dabei handelt es sich um ein hochinteressantes Phänomen, an dem sich viel über die Natur von Sprache lernen lässt", sagt Meyer. Auf seinen Reisen hat der Franzose allein drei bisher unbekannte Pfeifcodes - im Amazonasgebiet, in Thailand und Laos - erstmals dokumentiert.
"Im Prinzip lässt sich jede gesprochene Sprache in Pfiffe übertragen", erklärt Meyer. Im griechischen, spanischen und türkischen Code etwa bilden die Pfeiftöne Zungenbewegungen ab: Das "i" klingt höher als das "a", weil die Zunge beim "i" höher in der Mundhöhle liegt. Konsonanten wiederum mutieren zu mehr oder minder langen, auf- oder absteigenden Glissandi. "So etwas zu verstehen ist immer schwieriger, als es zu produzieren", sagt der Forscher.
Zwar ist die Zahl unterschiedlicher Pfiffe meist geringer als die der Vokale und Konsonanten der gesprochenen Sprache, doch meist lässt sich nach dem Ausschlussprinzip rasch entscheiden, was gemeint ist. "Ein Teil der Bedeutung wird oft erst im Kontext klar", so Meyer.
Doch wie kamen Menschen überhaupt auf die Idee, sich anzupfeifen, statt schlicht miteinander zu reden? Die Mühsal der Anreise beantwortete die Frage: Um seine pfeifenden Informanten zu treffen, musste Meyer oft lange Wanderungen, Eselritte oder Fahrten über Holperpisten überstehen. Meist hatte er es dann mit Hirten, Bauern oder Jägern zu tun, die von ihren entlegenen Arbeitsplätzen Botschaften an Familie und Freunde sandten. Denn ein Pfiff reicht weit - bei idealer Topografie und Pfeiftechnik bis zu zehn Kilometer.
Nur im mexikanischen Huautla de Jiménez hatte Meyer es leichter. "Dort pfeifen die Leute überall im Ort: auf dem lauten Marktplatz, von Haus zu Haus, von Laden zu Laden." In Thailand wiederum begegnete der Wissenschaftler einer besonderen Variante des Liebesgeflüsters: Verliebte stehen dort unter den Fenstern der Angebeteten und machen ihr pfeifend Komplimente. Sie benutzen dabei ein Blatt: Das gilt als wohlklingender. Am Amazonas ging der Doktorand mit Indianern auf Affenjagd. "Siehst du einen?", pfiff ein Jäger dem anderen zu. "Da, an der Flussbiegung ist einer", lautete die Antwort.
Um die Leistungsfähigkeit der Codes zu prüfen, ließ Meyer immer wieder einzelne Kandidaten einen ihnen unbekannten Text pfeifen. Meist vermochten Zuhörende die Botschaft hinterher richtig wiederzugeben. "Anders als viele Wissenschaftler glauben, handelt es sich eben nicht um konventionelle Signalsysteme mit stereotypen, wiederkehrenden Sätzen", schlussfolgert Meyer. "Praktisch alles, was man sagen kann, lässt sich auch pfeifen."
Dass es sich um vollwertige Sprachen handelt, bestätigt auch eine Untersuchung im Kernspintomografen: Kürzlich verkündeten Forscher in der Zeitschrift "Nature", sie hätten die Hirnaktivität von Probanden aus Gomera gemessen, während diese einfache Sätze der Pfeifsprache "Silbo Gomero" hörten. Tatsächlich feuerten die Neuronen in eben jenen Arealen, die auch beim Wahrnehmen gesprochener Worte aktiv sind.
Kaum eine der Sprachen, die Meyer dokumentierte, beherrschen heute noch mehr als ein Dutzend Menschen. All diesen Idiomen droht der Tod durch Globalisierung und Verstädterung. Besondere Gefahr bedeuten Handys, denn auch sie taugen für den Plausch von Berg zu Tal.
Doch es gibt Hoffnung: Auf der Insel Gomera hat die kanarische Regierung an allen Schulen Silbo Gomero als Pflichtfach eingeführt. Auch Zensuren gibt es, und das Fach kann im Abitur belegt werden.
Eine besondere Beobachtung machte Meyer im mexikanischen Mazateken-Dorf Eloxochitlan. Traditionell wird dort nur das indianische Mazatekisch gepfiffen. Kürzlich jedoch machten sich ein paar pfiffige Jugendliche daran, die spanische Amtssprache in Pfeifsignale zu übersetzen - Meyer hatte die Geburt einer Sprache entdeckt. KATHARINA KRAMER
Von Katharina Kramer

DER SPIEGEL 5/2005
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