31.01.2005

AUTORENFrau Rezas Gespür für Schmäh

In ihren Stücken „Kunst“ und „Drei Mal Leben“ ließ Yasmina Reza höchst amüsant Bildungsbürger über Geschmack und Eltern über Kindererziehung streiten - und wurde damit weltberühmt. Nun kommen ihr jüngstes Drama und ein Roman in Deutschland heraus: zwei gewitzte Jammertiraden.
Wie muss ein Mann beschaffen sein, damit Frauen ihn attraktiv finden? Er sollte nicht unterwürfig sein und bloß kein Sensibel-Heini, der bei Nacht kaum schlafen kann, weil er immerzu an die Geliebte denkt: Alle Frauen sehnten sich nach einem Kerl, sagt eine der Heldinnen in Yasmina Rezas neuem Stück, "der schläft, der nicht an uns denkt und der uns fertig macht".
Wie reagiert man stilvoll auf die Nachricht, dass die eigene Frau einen betrügt? Vielleicht wie dieser Bursche namens Sergio - der "ist mit einer Flasche Wodka auf die Straße runtergegangen, hat sich hingekniet und den Autos zugerufen, sie sollen ihn überfahren". Als das nicht klappte, hat sich der Unglückliche vor seinen Kindern den Bauch aufgeritzt. Ergebnis: "Er sitzt in einem Pflegeheim."
Und warum sollte man sich vor Müttern hüten, die beim kleinsten Malheur heulen? "Nichts ist schrecklicher als Leute, die keiner Fliege etwas zuleide tun könnten", so die Regel, denn: Gerade solche Menschen "tun einem oft die schlimmsten Dinge an".
Ja, das ist die hohe Kunst der Veredelung alltäglicher Banalitäten, aus Partyklatsch und Ratgebergeplauder, die Yasmina Reza zur erfolgreichsten Dramatikerin der Welt gemacht hat: Das Gerede über Männer und Mütter stammt aus dem neuen Reza-Werk "Ein spanisches Stück", das am Sonntag dieser Woche im Hamburger Schauspielhaus zum ersten Mal in deutscher Sprache aufgeführt wird - und es beweist erneut: Frau Reza hat ein untrügliches Gespür für Schmäh.
In ihrem Männerdrama "Kunst", das vor mehr als zehn Jahren in Paris uraufgeführt wurde und seither rund um die Welt belacht und bejubelt wird, ließ Reza, 45, drei Freunde über den Wert eines absolut weißen, allerdings horizontal gerillten und sehr teuren Bildes in einen hochkomischen Streit geraten. In "Drei Mal Leben" arrangierte sie im Jahr 2000 zwei Ehepaare bei einem leicht chaotischen Abendessen und bei absurden Zwistigkeiten über Kindererziehung, Karriere und Beziehungsfrust
und ließ den bösen Spaß in drei verschiedenen Versionen abschnurren.
Diese beiden Stücke machten Reza, die als Tochter eines in Moskau geborenen usbekischen Juden und einer ungarischen Musikerin in Paris aufwuchs, zur meistgespielten Theaterautorin weltweit. Aber so richtig zufrieden machte der Erfolg sie nicht: Erstens, weil ihr die Theater- und Literaturkritik, vor allem die französische, die Anerkennung als wirklich bedeutende Autorin (und nicht nur als große Unterhaltungskünstlerin) versagte. Zweitens lässt Reza in ihrem neuen Stück dozieren: "Die Zufriedenheit des Autors ist das Billigste, was es gibt, um nicht zu sagen: das Abstoßendste."
Dank solcher Erkenntnisse ist Reza, mit einem Filmregisseur verheiratet und Mutter zweier Kinder, eine unermüdliche Schreiberin: Insgesamt sieben Stücke und zwei Romane hat sie bis heute verfasst, und ihre neuesten Werke zeigen, dass sie jetzt wirklich ernst machen will mit den allerhöchsten Ansprüchen.
Rezas Roman "Adam Haberberg", der in dieser Woche auf Deutsch erscheint (das französische Original kam 2003 heraus), will nicht nur den Figuren genau aufs Maul schauen, sondern ist zugleich ein Stück Literatur über Literatur: über das Versagen und Verzagen eines Schriftstellers und Familienvaters im Alter von 47 - ein Gedankenstrom, in dem das Schreiben und seine Probleme die Grundmelodie vorgeben**.
Noch weit komplizierter verhält es sich mit dem Drama "Ein spanisches Stück". Es spielt auf drei sorgfältig ineinander geschachtelten Handlungsebenen.
In der Rahmenhandlung machen sich Schauspieler lustige und schlaue Gedanken über ihren Beruf.
Im Zentrum spielen sie ein (spanisches) Stück, in dem eine ältere spanische Dame lustig mit ihren beiden Schauspielertöchtern hadert - die eine ist schön, gefeiert und beim Film, die andere verhärmt, missachtet und beim Theater.
Und in der dritten Handlung, dem Stück im Stück, spielt die hässliche der beiden Töchter eine verliebte Klavierlehrerin; diese mit schöner klassischer Musik untermalte Story unter den dreien ist allerdings nicht lustig, sondern tragisch.
Die gesamte Konstruktion ist ein klarer Fall von Riesenehrgeiz: Man wird den Verdacht nicht los, das Ganze wäre mindestens genauso amüsant, wenn die Autorin nicht ganz so kompliziert an ihrem Theater-im-Theater-Kunststück gebastelt hätte.
Aber Yasmina Reza hat es nun mal darauf angelegt, sich in die Liga des obersten Realitätsverwirrspielers Luigi Pirandello ("Sechs Personen suchen einen Autor") und des obersten Schauspielereiräsonierers Thomas Bernhard ("Der Ignorant und der Wahnsinnige") hinauf- und hinüberzuschwingen. Das ist ein bisschen anstrengend - und bietet trotzdem glänzendes Entertainment. Die Pariser Uraufführung ihres "Spanischen Stücks" in Luc Bondys Regie war denn auch vor einem Jahr ein Jubelereignis, die Übersetzung wird in den kommenden Monaten von vielen deutschen Bühnen nachgespielt werden.
Die Autorin selbst wollte ursprünglich Schauspielerin werden - nach eigener Auskunft hockte sie mit Anfang zwanzig stundenlang vor dem Telefon, weil sie auf ein Engagement hoffte. Über den Fluch des Darstellerberufs gibt sie im neuen Drama erschöpfend Auskunft: "Du willst begehrt werden, du willst gefallen", heißt es einmal und an anderer Stelle: "Seien Sie doch so freundlich, uns als egoistische Wesen anzusehen, unbeständig, willenlos, jeder die wandelnde Leere, ein Nichts."
Das schöne Nichts und die mal schillernden, mal trüben Nichtigkeiten des Lebens: Die Dramatikerin Reza schreibt über Liebesverzweiflung, die Schmerzen des Älterwerdens, das Versacken im Mittelmaß - und liefert damit den bekanntermaßen gefallsüchtigen Schauspielern den schönsten Stoff, um ihrem Publikum einen Spiegel der eigenen Sehnsüchte und Verkümmerungen vorzuhalten.
Nicht viel anders verhält es sich beim inneren Monolog des jüdischen Schriftstellers Adam Haberberg: Der Romanheld sitzt zu Beginn vor dem Straußengehege in einem Pariser Park, dem Jardin des Plantes, und betrachtet gedankenverloren das Treiben der Tiere. Sein neues Buch ist bei der Kritik nicht besonders gut angekommen, und es gefällt ihm eigentlich selbst nicht mehr - für seine Frau ist er ohnehin längst ein Mann ohne Fortune, auch als Vater der zwei gemeinsamen Kinder ein Versager.
Aktueller Anlass für die gnadenlose Selbstbefragung ist die Angst um seine Augen: Hat er eine Thrombose, die zur Blindheit führen könnte? Die Andeutungen des Arztes wirbeln durch seinen Kopf, verknüpft mit der wiederkehrenden Frage, ob er sein Talent verschleudert und es sich mit der Literatur zu einfach gemacht hat. Und auch: ob es richtig war, sich vom Leben abzuwenden, den Familienalltag zu vernachlässigen?
"Im Übrigen hast du nie erzählen können", wirft sich Haberberg vor, "und erfinden noch weniger, nicht einmal für deine Kinder." Seit Peter Handkes Erzählung "Nachmittag eines Schriftstellers" (1987) ist kein so eindringliches und bündiges Porträt einer gefährdeten Autorenexistenz gelungen. Wie schon in ihrem ersten Roman "Eine Verzweiflung" (1999, deutsch 2001) schreibt Yasmina Reza konsequent und schlüssig aus der Perspektive eines
Mannes - was für sie, wie sie erläutert, eine nahezu selbstverständliche Erzählhaltung ist (siehe Interview).
Freilich ist sie viel zu sehr von der Bühne (und vom Film) geprägt, um ihren einsamen Helden einfach auf der Bank sitzen zu lassen. Eine ehemalige Klassenkameradin kommt des Wegs. Haberberg hat sie seit Jahrzehnten nicht gesehen und auch während der Schulzeit nie besonders beachtet: Marie-Thérèse Lyoc lädt ihn zu sich in ihre Wohnung in einem Pariser Vorort ein. Und wie die erfolgreiche Vertreterin für "Merchandiseprodukte" dann in ihrem schwarzen Geländewagen auf den seelisch und körperlich Angegriffenen einredet, ist schon wieder theaterreif.
Schnell bereut der Gast, der Einladung überhaupt nachgekommen zu sein. Gleichzeitig ist er irritiert und fasziniert angesichts des ungebrochenen Selbstbilds der geschiedenen Frau, die es sich in ihrer winzigen Wohnung und ihrem Leben eingerichtet hat. Nur kurz weht ihn Verlockung eines erotischen Abenteuers an, schnell ist er wieder bei seinen literarischen Träumen: "Mein Gott, denkt er, hilf mir, das Dasein in Literatur zu verwandeln ... Mehr wünsche ich mir nicht."
Das ist mit sparsamsten Mitteln als Prosastück inszeniert, mehr eine längere Erzählung als ein Roman. Die Autorin versteht es auch als Erzählerin, dem banalen Gespräch unauffällig Glanzlichter abzugewinnen und es mit feinen Widerhaken zu spicken. Als die Gastgeberin den Dichter ungefragt beurteilt ("Ich sehe sehr wohl, dass es dir schlecht geht"), erwacht er aus seiner Lethargie und lässt in Gedanken eine Schimpfrede auf sie los: "Ein Wesen, das in diesem Loch leben kann, ohne am Boden zerstört zu sein, das seine Fensterläden auf diese leere Landschaft öffnen kann, ohne in bittere Tränen auszubrechen, so ein Wesen kann nicht über meinen Zustand urteilen."
Aber es hilft ja alles nichts: Es bleibt Haberbergs Künstler-, Familien- und Lebenselend. In ihrem verschachtelten "Spanischen Stück" hat Yasmina Reza die Feststellung versteckt, ihre Arbeit handle "von der Einsamkeit und der Zeit, die vergeht - zwei unrettbar verknüpften Themen". VOLKER HAGE, WOLFGANG HÖBEL
* Oben: Jean Rochefort, Pierre Vaneck, Jean-Louis Trintignant in Paris 1997; unten: Sven-Eric Bechtolf, Andrea Clausen, Susanne Lothar, Ulrich Mühe in Berlin 2002. ** Yasmina Reza: "Adam Haberberg". Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Carl Hanser Verlag, München; 152 Seiten; 15,90 Euro.
Von Volker Hage und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 5/2005
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