05.02.2005

BERLINALEAuch wir sind Helden

Das US-Kino macht sich bei den in dieser Woche beginnenden Berliner Filmfestspielen eher rar, dafür treten viele europäische Filmemacher mit frischem Ehrgeiz an. In Leinwand-Epen feiern sie Widerstandsheroen und Staatslenker - und beschwören die Identität der neuen Alten Welt.
Der deutsche Tourist, der da mitten in Istanbul am Straßenrand steht, fuchtelt wild mit den Armen - und gerät sogleich an einen mitfühlenden türkischen Taxifahrer, der fließend Deutsch spricht, sogar mit schwäbischem Akzent. Atemlos erzählt der Tourist, er sei beraubt worden. Der Zuschauer weiß es besser: Der Kerl ist ein Versicherungsbetrüger.
Nach einer zermürbenden Befragung bei der Polizei verlässt der angeblich Beraubte mit dem netten Fahrer das Revier - da hält der schwäbische Türke ganz unverfroren die Hand auf: Er hat den Schwindel von Beginn an gerochen und will nun seinen Anteil.
Es gibt viele lustige, abenteuerliche, schreckliche Geschichten zu erzählen aus dem alten und neuen Europa - zumindest scheinen sich die Programm-Macher der am Donnerstag beginnenden Berlinale vorgenommen zu haben, das zu beweisen: Hannes Stöhrs Episodenfilm "One Day in Europe", der als deutscher Beitrag im Wettbewerb gezeigt wird, präsentiert zum Beispiel vier amüsante Storys, in denen Europäer in Nachbarländern tatsächlich oder vorgeblich Opfer von Diebstählen und Raubüberfällen werden. Und er feiert die
unterschiedlichen Lebenskulturen in prächtigen Städte- und Landschaftsbildern.
Ungewohnt selbstbewusst präsentiert sich das europäische Kino in diesem Berlinale-Jahr. Mit Régis Wargniers Film "Man to Man" wird erstmals seit Jahren wieder ein rein europäisches Werk das Festival eröffnen. Die britischen Stars Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas spielen darin zwei Anthropologen, die um das Jahr 1870 in Afrika auf einen Pygmäen-Stamm stoßen und zwei Eingeborene mit nach Schottland nehmen, um die Abstammung des Menschen vom Affen zu beweisen.
Zu den mutmaßlichen Höhepunkten des Wettbewerbsprogramms zählen das französische Liebesdrama "Les temps qui changent" mit Catherine Deneuve und Gérard Depardieu von Regisseur André Téchiné, das britische Melodram "Asylum" des Regisseurs David Mackenzie, das dänische Familiendrama "Anklaget" von Jakob Thuesen - und zwei Filmbiografien, die beweisen, dass das in Hollywood derzeit florierende Genre des großen biografischen Kinoporträts, im Fachjargon Biopic genannt (SPIEGEL 1/2005), keineswegs eine rein amerikanische Domäne ist: Auch wir Europäer haben Helden.
Der Franzose Robert Guédiguian beschreibt in "Le promeneur du Champs de Mars" die letzte Lebensphase des todkranken Präsidenten François Mitterrand; der Deutsche Marc Rothemund widmet sich in "Sophie Scholl - Die letzten Tage" dem Leben und Sterben der Münchner Widerstandskämpferin gegen die Nazis.
"Die augenblickliche weltweite Popularität des Biopics und der Starkult speisen sich aus der gleichen Quelle", glaubt Berlinale-Chef Dieter Kosslick. "Sie bedeuten die Reduktion eines komplexen Zusammenhangs auf eine einzige Person. Weil die Wirklichkeit immer komplizierter wird und unseren Horizont mehr und mehr zu übersteigen droht, klammern wir uns an einzelne Individuen - in der Hoffnung, sie könnten unsere Geschicke leiten."
"Sophie Scholl - Die letzten Tage" beschreibt eine junge Heldin, die glaubt, durch ihren individuellen Einsatz den Lauf der Dinge verändern zu können. Der Film, einer von drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen, erzählt die wahre Geschichte der Münchner Studentin, die im Februar 1943 nach einer Flugblattaktion gegen die Nationalsozialisten verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.
Penibel rekonstruieren der Regisseur Rothemund und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer, wie Sophie Scholl (Julia Jentsch) vom Gestapo-Beamten Robert Mohr (Alexander Held) verhört wird - und dem Vernehmungsprofi lange erfolgreich vorspielt, sie habe mit der Sache nichts zu tun. Es entwickelt sich ein Rededuell auf Leben und Tod, von Rothemund dezent als Kammerspiel inszeniert - ohne actiongeladene Zwischenschnitte wie beim "Untergang".
Ebenso wie die reale Sophie Scholl verlässt sich auch der Film auf die Kraft des Wortes: Scholls Mut zum Widerspruch - als alles verloren ist, bringt sie während des Schauprozesses sogar den zeternden Blutrichter Roland Freisler (André Hennicke) aus der Fassung - beeindruckt bis heute. Rothemund zeigt die Ereignisse konsequent aus der Perspektive der jungen Widerstandskämpferin, bis zum Schluss: der Hinrichtung auf dem Schafott.
Der Tod ist auch in Robert Guédiguians Film über François Mitterrand allgegenwärtig. Der Regisseur schildert das gespenstische Ende einer Herrschaft und eines Lebens. Mitterrand, der sozialistische Präsident, der Frankreich länger regierte (1981 bis 1995) als jeder andere Staatschef seit Napoleon III., trägt seinen letzten pathetischen Kampf aus - gegen den Krebs und die Erbarmungslosigkeit des Schicksals.
Ein junger leidenschaftlicher Journalist namens Antoine versucht, dem alten Mann Bekenntnisse, Gewissheiten und Lehren über Politik und Geschichte, Liebe, Frauen und Literatur zu entlocken. Aber der Sterbende, für den Vergangenheit, Gegenwart und die dahinrinnende Zukunft in Selbstzweifeln verschmelzen, führt nur einen Dialog mit dem Tod, bei dem Antoine als Mittler dient.
Der Schauspieler Michel Bouquet, 79, vor allem prominent geworden durch die Filme von Claude Chabrol, verkörpert diesen rätselhaften und abgründigen Mitterrand mit verblüffender Eindringlichkeit.
"Ich bin der letzte der großen Präsidenten", beschwört der ewig Undurchsichtige am Ende des Mysterienspiels im Elysée-Palast sein Andenken, "nach mir kommen keine anderen mehr. Wegen Europa, wegen der Globalisierung wird nichts so sein wie vorher. Es wird nur noch Finanziers und Buchhalter geben."
Ohne die Hilfe europäischer Finanziers wären, Ironie der Filmwirtschaft, selbst die Kinobiografien über die wenigen amerikanischen Helden, die auf der Berlinale zu sehen sein werden, nicht zustande gekommen: "Kinsey", der das Leben des berühmten Sexualforschers rekapituliert, wurde mit deutschem Geld finanziert; "Beyond the Sea", der die US-Poplegende Bobby Darin und seine Hits feiert, entstand sogar weitestgehend in Berlin und Brandenburg.
Auf die Idee, einen Film über das Leben des amerikanischen Sängers Darin zu drehen, der in den fünfziger und sechziger Jahren mit Hits wie "Splish Splash" die Jugend verzückte, kam Kevin Spacey durch seine Mutter. Die hatte den Musiker zu seinen Glanzzeiten vergöttert und lag ihrem Sohn jahrelang in den Ohren, dass Darins turbulente Karriere leinwandwürdig sei. Angesichts der katastrophalen Einspielergebnisse des Films in England und in
den USA stellt sich allerdings die Frage, ob man als erwachsener Mann noch auf seine Mutter hören sollte.
Hollywood stand dem Projekt von vornherein skeptisch gegenüber. "Dort lassen sich alle von idiotischen Moden und Trends terrorisieren", sagte ein sichtlich zerknirschter Spacey, bei "Beyond the Sea" zugleich Regisseur, Hauptdarsteller, Produzent und Drehbuchautor, nach dem England-Start. "Vor vier Jahren waren sich da alle einig, dass sich kein Mensch verfilmte Biografien anschauen mag." Finanziert haben Mutter Spaceys Traum am Ende Deutsche und Engländer - mit Hilfe einer Bürgschaft des Landes Brandenburg. Große Teile des Films entstanden im vorigen Winter in den Babelsberger Studios.
Spacey wird einer der wenigen Oscar-Preisträger sein, die während der diesjährigen Berlinale über den roten Teppich flanieren. Das große Hollywood-Kino, das die Filmfestspiele zuletzt dominierte, ist diesmal kaum vertreten. Neben "In Good Company", einer lustvoll-spöttischen Satire auf die amerikanische Arbeitswelt, ist der spektakulärste US-Film im Wettbewerb bezeichnenderweise eine Hommage an einen großen Europäer: Wes Andersons neues Werk "The Life Aquatic" ist vom Leben des französischen Tiefseeforschers Jacques-Yves Cousteau inspiriert.
Nicht ganz freiwillig verzichtet Festivalchef Dieter Kosslick, 56, diesmal weitgehend auf die großen US-Stars, die er seit seinem Einstand vor vier Jahren bisher erfolgreich nach Berlin gelockt hatte.
Schuld an der Glamourflaute geben die Berlinale-Macher dem Umstand, dass die Oscar-Verleihung nun schon zum zweiten Mal um einen Monat vorverlegt wurde und bereits am 27. Februar in Los Angeles stattfinden wird. Die Reiselust der Schauspieler und Regisseure sei deshalb gehemmt: Viele Hollywood-Stars bezirzen lieber in Kalifornien die Oscar-Juroren, statt im winterlichen Berlin auf dem roten Teppich zu frieren. Deshalb kam Leonardo DiCaprio schon Anfang Januar nach Berlin, um seinen neuen Film "Aviator" vorzustellen, und Dustin Hoffman (siehe Interview) besuchte sogar nur wenige Tage vor Beginn der Festspiele die Hauptstadt.
Die starke Präsenz Europas auf der Berlinale ist aber nicht allein der Abwesenheit Hollywoods zu verdanken. Viele europäische Märkte verzeichneten im vergangenen Jahr Umsatzzuwächse von bis zu zehn Prozent - vor allem dank eigener Produktionen. In Deutschland ließ "(T)Raumschiff Surprise" und in Frankreich "Die Kinder des Monsieur Mathieu" sogar die erfolgreichsten US-Filme an der Kasse hinter sich. Ein osteuropäischer Blockbuster erobert nun auch die Berlinale: Das russische Vampir- und Fantasy-Spektakel "Night Watch", das in seiner Heimat Kassenrekorde brach, ist in einer Spezialvorführung zu sehen.
Der deutsche Regisseur Christian Petzold ("Die innere Sicherheit") hat für seinen neuen Film "Gespenster" einen Märchenstoff der Gebrüder Grimm verarbeitet - und reklamiert damit ein Erfolgsrezept der Hollywood-Studiobosse für sich, die schon seit Jahren den Kanon der europäischen Mythen-, Sagen- und Märchengeschichte plündern wie einen Selbstbedienungsladen ohne Kasse.
Petzolds neues Werk variiert das eher wenig bekannte Grimm-Märchen "Das Totenhemdchen". Es handelt von einer Mutter, die den Verlust ihres früh verstorbenen Kindes nicht verkraftet.
Der Wettbewerbsbeitrag erzählt von der Freundschaft zweier Mädchen im heutigen Berlin. Toni (Sabine Timoteo), eine halbkriminelle Streunerin, und Nina (Julia Hummer), ein verschlossenes Heimkind, treffen an einem Sommertag im Berliner Tiergarten aufeinander. Während sich die beiden immer näher kommen, taucht plötzlich eine fremde Französin (Marianne Basler) auf, die behauptet, Nina sei ihre vor Jahren verschwundene Tochter.
In sanft gleitenden Kamerabewegungen folgt Petzold seinen großartigen jungen Darstellerinnen auf ihrer seltsamen Odyssee der Gefühle, die sie mitten durch das urbane Niemandsland des Potsdamer Platzes führt - des Festspielorts.
"Dieser Platz ist eine einzige Projektionsfläche", behauptet Petzold. "Als mein Film 'Wolfsburg' bei der vorletzten Berlinale Premiere hatte, bin ich ruhelos über den Platz und durch den Tiergarten gestreift und kam auf die Idee, hier einen Film spielen zu lassen: genau an dieser urbanen Nahtstelle, wo die futuristische Architektur auf die wildwuchernde Natur trifft. So etwas gibt es meines Wissens nach in keiner anderen Metropole dieser Welt."
Aus Ansichten der Berliner Mitte setzt Petzold ein eigenes urbanes Mosaik zusammen. "Wenn sich in einem amerikanischen Film jemand in einen Diner setzt, nimmt er mitten in seiner Kultur Platz", sagt Petzold. "Nach so etwas suche ich in 'Gespenster': nach typisch deutschen Ecken."
So besinnt sich das europäische Kino derzeit nicht nur auf die Traditionen des Kontinents und seine historischen Persönlichkeiten, sondern versucht auch, dem Lebensgefühl im heutigen Europa Ausdruck zu geben. Und das ist sehr verschieden. In "Lost and Found", einem von mehreren Episodenfilmen auf der diesjährigen Berlinale, ist eine junge Rumänin zu sehen, die den Arzt ihrer schwerkranken Mutter mit einem Truthahn bestechen will - eine sehr altertümliche Form der Praxisgebühr. LARS-OLAV BEIER, CHRISTOPH DALLACH,
ROMAIN LEICK, MARTIN WOLF
Von Lars-Olav Beier, Christoph Dallach, Romain Leick und Martin Wolf

DER SPIEGEL 6/2005
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