01.02.1947

Zweimal „freies Deutschland“

Der SPD-freundliche Berliner "Telegraf" hat jetzt öffentlich ausgesprochen, was vielen Berlinern seit langem bekannt ist: Ihr Polizeipräsident ist Ritterkreuzträger.
Vor vier Jahren, am 10. Januar 1943 schrieb der "Völkische Beobachter" des kleinen Giftmischers: "Oberleutnant Paul Markgraf griff mit seiner Panzerjägerabteilung in den Kämpfen im Raum von Stalingrad aus eigenem Entschluß eine im Vorgehen befindliche feindliche Kavalleriebrigade an und vernichtete sie." Kurz darauf hat er dann als Belohnung das Ritterkreuz erhalten. Heute ist der 36jährige Paul Markgraf Oberst der Polizei und Berliner Polizeipräsident.
Er ist gebürtiger Berliner und Sohn eines Behördenangestellten. Er lernte bei einem Bäcker und wurde 1931 Berufssoldat in der Reichswehr. 1941 wurde er Leutnant und 1942 Oberleutnant. Bei Stalingrad fiel er in russische Gefangenschaft. Er trat dem "Nationalkomitee Freies Deutschland" bei, das unter seinem Präsidenten Erich Weinert und später unter General v. Seydlitz als Vizepräsidenten antifaschistische Deutsche in der Sowjetunion zusammenfaßte. Es entfaltete eine rege Flugblattpropaganda gegen Hitler*) und löste sich im Sommer 1945 auf. Nach dem Zusammenbruch war dann die Berliner Polizei unter der Aegide der damaligen KPD und mit Sozialdemokraten, die später teilweise SED-Anhänger wurden, neu aufgebaut worden. Polizeipräsident wurde Paul Markgraf, der selbst keiner Partei angehört, aber der KPD bzw. SED nahesteht.
"Wie ist es möglich, daß ein so ausgesprochener Militarist von politischen
Kreisen gestützt wird, die im allgemeinen so tun, als hätten sie den Kampf gegen den Militarismus in Erbpacht genommen?", wundert sich der "Telegraf". "Er muß schon ein begeisterter Hitler-Soldat gewesen sein, wenn er sich so auszeichnete."
Für Polizeipräsident Markgraf bricht das CDU-Blatt "Neue Zeit" eine Lanze: "Soll die Tatsache, daß ein Soldat das Ritterkreuz erhalten hat, ein für allemal ausschließen," daß er für bestimmte Posten in Frage kommt? Wenn überhaupt die Diffamierung mißliebiger Persönlichkeiten mit diesen Methoden Schule macht, dann werden sich in Zukunft wohl wenig Menschen finden, die bereit sind, sich in die politische Drecklinie zu begeben." Und die SED-freundliche "Berliner Zeitung" bezeichnet es als den "Gipfel des Pharisäertums", daß die SPD den "ehrlichen, politisch-konsequenten Berufssoldaten Markgraf" schmäht.
Der SPD-Führer Franz Neumann eröffnete kürzlich im Stadtparlament den Angriff. "Die Berliner Polizei ist eine eindeutig sedistische Angelegenheit", sagte er. Die SPD verlange eine Säuberung, nicht nur, weil sie am 20. Oktober als stärkste Partei aus den Wahlen hervorging, sondern auch sonstwegen. Viele Berliner, die Opfer eines Verbrechens würden, hätten nicht mehr den Mut zur Anzeige. Kürzlich verschwanden aus einem Polizeirevier in Wilmersdorf ein Dutzend schwere Kisten mit Süßstoff, die auf dem Schwarzen Markt beschlagnahmt worden waren. Vor dem Haus stand ein Posten, parterre saß der Wachhabende, im ersten Stock das Schnellkommando und im zweiten der diensthabende Inspektor.
Der SED - "Vorwärts" nimmt die Ehre der also angegriffenen Berliner Polizei in Schutz. Neumann mache sich nur zum
Sprachrohr einiger führender sozialdemokratischer Polizeioffiziere, die mit solchen Methoden ihre Kollegen verdrängen und in der Polizei und der Verwaltung größeren Einfluß gewinnen wollten. Der ""Vorwärts" nennt als solche Polizeioffiziere u.a. Dr. Johannes Stumm, der das neue "Dezernat zur Sicherung der Demokratie" übernahm, und den 49jährigen Kommandeur der Berliner Schutzpolizei, Oberst Hans Kanig, vor rund zwanzig Jahren einer der bekanntesten Berliner Schwimmer.
Der "Vorwärts" rechnet den Sozialdemokraten vor, daß an der Führung der Berliner Polizei in großem Maße SPD-Leute beteiligt seien. "Der Oberbürgermeister (Dr. Otto Ostrowski von der SPD) und der Magistrat haben die Pflicht, die Ehre unserer Polizei zu wahren, indem sie Neumann auffordern, seine Verleumdungen öffentlich. zurückzunehmen."
Die Berliner Polizei hat in den 19 Monaten ihres Bestehens 36 Todesopfer zu verzeichnen. Allein zwanzig, wurden im Kampf mit Verbrechern niedergeschossen. Von den rund 12 000 Berliner Schutzpolizisten hat nur jeder zweite eine Pistole und einen Mantel. Die mehrere tausend Schupos im russischen Sektor haben im ganzen zehn Taschenlampen, wie das Polizeipräsidium feststellt. 700 Mann haben nicht einmal einen Gummiknüppel.
Die Zahl der Morde in Berlin ist trotzdem nicht wesentlich höher als 1924. Im Jahre 1946 waren es 311 Fälle. 2573 Raubüberfälle wurden gemeldet. 3439 Personen verschwanden spurlos und wurden auf die Vermißtenliste gesetzt. 397 Tote wurden gefunden und konnten nicht identifiziert werden. Monatlich wurden etwa 9000 Diebstähle gemeldet. Bei Razzien gegen den Schwarzen Markt wurden durchschnittlich 1200 Menschen angezeigt.
Wer eine gefüllte Brieftasche hat, kann in Berlin ausgezeichnet markenfrei leben. In einer "Volksgaststätte" in der Lützowstraße kostete das Fleischgericht 35 Mark, ein Bückling 40 Mark, einen Puffer konnte man schon für 7.50 Mark haben. Dazu guten Bohnenkaffee zu 10 Mark die Tasse, und der Ober hatte auch immer eine Packung "Amis" in der Tasche. Monatseinnahmen dieser Kneipe: rund 20 000 Mark.
Die Polizei griff ein. Der Strafausschuß des Preisamtes Tiergarten verurteilte den Wirt zu 10 000 Mark Ordnungsstrafe und zur Abführung eines Mehrerlöses in Höhe von 10 000 Mark. Das Lokal bleibt weiter geöffnet. Der Besitzer lächelte, als er den Urteilsspruch hörte.
*) Auch der Stellvertretende Ministerpräsident von Brandenburg, Bernard Bechler (SED), war früher Major im "Führerhauptquartier". In russischer Kriegsgefangenschaft bekannte er sich dann zum "Nationalkomitee Freies Deutschland".

DER SPIEGEL 5/1947
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