01.02.1947

Wilhelminer

Am 22. Dezember 1946 wurde Kommerzienrat Wilhelm Rautenstrauch in Trier 84 Jahre alt. Im Januar 1947 vertrat er die Liberale Partei des Landes Rheinland-Pfalz bei einer Konferenz in Freiburg i. Br., die zur Bildung einer Arbeitsgemeinschaft der von ihm geführten Partei mit dem Sozialen Volksbund in der Pfalz, der Demokratischen Partei in Südbaden und der Demokratischen Volkspartei in Süd-Württemberg führte.
Rautenstrauch, pfälzischer Leder-Industrieller, saß als Liberaler von 1896 bis 1932 ununterbrochen im. Trierer Stadtparlament. Bei den Gemeinderatswahlen in der französischen Zone am 15. September 1946 reichte der jugendliche Greis den "Wahlvorschlag Rautenstrauch" ein, der zehn Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen konnte. Wenige Tage später, am 21. September, wurde sein "Wahlvorschlag" als Liberale Partei von dem französischen Oberkommandierenden, General König, zugelassen.
Rautenstrauchs politische Ambitionen gehen weiter. Wenn ihm auch bisher der Zusammenschluß mit der Liberaldemokratischen Partei in anderen Zonen nicht genehmigt wurde, so gilt er doch als zweiter Mann in der von Külz geführten Liberaldemokratischen Partei in der Ostzone.
Wie es seinem Jahrgang entspricht, ist Rautenstrauch heute dreifacher Alterspräsident: in der beratenden Landesversammlung von Rheinland-Pfalz, in der seine Partei zusammen mit- dem Sozialen Volksbund über sieben Sitze verfügt, im Kreistag von Trier-Stadt und -Land und im Trierer Stadtparlament.
Unter den amtierenden deutschen Parteiführern ist der pfälzische Kommerzienrat der Senior. Aber so sehr groß ist der Altersabstand doch nicht, der ihn über andere vielgenannte Parteichefs erhebt.
So scheinen gerade unter den Rautenstrauch eng verbundenen Liberalen und Demokraten die älteren Jahrgänge bevorzugt zu sein. Dr. Wilhelm Külz, Vorsitzender der Liberaldemokratischen Partei in der Ostzone, zählt 72 Jahre, Wilhelm Heile, Präsident der Freien Demokraten in der britischen Zone deren 66. während der erste Vorsitzende der FDP, Franz Blücher, erst auf fünfzig Lebensjahre zurückblicken kann.
Die Demokratische Volkspartei, vornehmlich in Württemberg-Baden zu Hause, hat in Dr. Theodor Heuß, vormals Kultusminister in Stuttgart, einen 63jährigen Vorsitzenden.
Gleichaltrig ist der bedachtsame Vorsitzende des Zentrums, Johannes Brockmann. Er gehört ebenfalls dem Jahrgang 1884 an.
Aehnlich wie bei den Liberalen und Demokraten ist die Alterszusammensetzung bei der CDU. Dr. Konrad Adenauer, der unerschütterliche Antisozialist, wurde eben am 5. Januar 71 Jahre alt. Sein Parteifreund Jakob Kaiser in Berlin ist mit 53 Jahren fast zwanzig Jahre jünger. In diesen Kreis gehört auch Münchens umstrittener CSU-Chef Dr. Josef Müller, der mit 49 Jahren noch den "mittleren" Jahresklassen zugerechnet werden mag.
Diesem "mittleren Lager" entstammen auch die Führer der SPD. Dr. Kurt Schumacher, erster Vorsitzender der Partei, ist 52 Jahre alt. Sein bayrischer Partner und Landesvorsitzender, Dr. Wilhelm Hoegner, hat schon sechs Jahrzehnte vollendet.
Steil in die Höhe geht die Kurve wieder, wenn der SED-Vorsitzende Wilhelm Pieck genannt wird. Zu seinem 70. Geburtstag, am 3. Januar des vorigen Jahres, ernannte ihn Berlin zum Ehrenbürger. In diesem Jahr zum Geburtstag schrieb ihm sein Kollege im Vorstand, Wilhelm Grotewohl, nur erst ein 53jähriger, einen Dank- und Grußartikel im "Neuen Deutschland".
Jüngeren Jahrgängen begegnet man erst wieder, wenn man sich parteipolitischen Sonderfällen zuwendet. Ganz so jung wie man vermuten möchte, ist Bayerns ungebärdiger neuer Entnazifizierungsminister und Vorsitzender der Wirtschaftlichen Aufbauvereinigung, Alfred Loritz, nun doch nicht mehr. Er zählt bereits 44 Jahre.
Der Benjamin unter den deutschen Parteiführern dürfte Heinrich Hellwege sein, der erste Vorsitzende des Direktoriums der Niedersächsischen Landespartei. Um so erstaunlicher, daß der 39jährige sich gern auf den 80jährigen Kampf der Alt-Hannoveraner beruft und in seinen Reden das tausendjährige Welfenhaus, diese "einmalige deutsche Dynastie", zu feiern liebt.
Zieht man das Mittel aus diesen Alterszahlen, so ergibt sich, daß der Deutsche im Durchschnitt erst 58 Jahre und acht Monate alt werden muß, um mit einiger Aussieht auf Erfolg Parteichef werden zu können.
Das ist aber die Generation der Männer und Frauen, deren Wiege noch im Wilhelminischen Zeitalter stand. Damit mag es auch zusammenhängen, daß viele dieser älteren/Politiker (Pieck, Külz, Heile, Rautenstrauch, Hoegner) den Vornamen Wilhelm tragen.
Parlamentarier seit 1896 Wilhelm Rautenstrauch

DER SPIEGEL 5/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung