01.02.1947

Arbeiter können helfen

Die Generale Lucius D. Clay und Sir Brian Robertson wählten zum Schauplatz ihres ersten gemeinsamen Auftretens nach der Zonenvereinigung die Zentrale der Norddeutschen Kohlenkontrolle in Essen. Sie liegt in der Villa Hügel, dem Familienschloß der Krupps im Ruhrtal.
Kurz nach der Ankunft hatten zwei amerikanische und ein deutscher Reporter die beiden Generale vor dem Gros ihrer Kollegen in der großen Empfangshalle auf Hügel gestellt, deren Wände mit, überdimensionalen Bildern von reitenden Krupps dekoriert sind. "Wir sind hierher gekommen, um uns im Gespräch mit Fachleuten über die Kohlenlage aufklären zu lassen und zu helfen, soweit es irgend möglich ist," erklärte General Clay. Sie seien nicht in politischer Mission da.
Am Anfang des zweitägigen Konferenzreigens stand bezeichnenderweise eine Besprechung der Generale mit den Arbeiterführern des Ruhrgebietes, die demonstrativ den Willen der Militärregierungen zeigt, mit den Arbeitern im guten Konnex zu bleiben. "Ueberall auf der Welt sind die Bergleute Garanten der Demokratie", sagte General Clay und dachte dabei wohl auch an amerikanische Beispiele.
Das Kohlenproblem ist ein Arbeiterproblem. Eine Steigerung der Förderung ist nur mit einer Verstärkung der Belegschaft zu erreichen. Der weißhaarige August Schmidt, der augenblickliche Führer der Bergarbeiter, wies aber auf die unbeschreiblichen Wohnverhältnisse vieler Bergleute hin. "Es ist einfach unmöglich, neue Arbeitskräfte unterzubringen", sagte er.
Der alte Bergveteran blieb auch vor diesem hohen Gremium sitzen und nahm die unzertrennliche ganz abgekaute Stummelpfeife kaum aus dem Mund. Mit scharfen Worten sprach er sich gegen jede Lösung des Arbeiterproblems durch Zwangsverpflichtung aus, und General Clay bestätigte ihm, daß die Militärregierung seine Abneigung teile.
"Wir glauben nicht, daß jemand uns mehr helfen kann, als die Arbeiter", sagte General Robertson, und der massige Hans Boeckler, der auf mancher Gewerkschaftssitzung in Nordrhein-Westfalen wie ein Fels in der Brandung der- Meinungen standgehalten hatte, erklärte die Bereitschaft aller Arbeiter zur positiven Mitarbeit am Wiederaufbau nicht nur Deutschlands.
"Sie, meine Herren, kommen mir mit zuviel "Wenns" und "Obs", entgegnete General Clay am nächsten Tage den versammelten Ministerpräsidenten und Arbeitsministern beider Zonen. "Wir haben mehr Zutrauen zu Ihnen und den Deutschen, als Sie selbst. Es gibt kein Unmöglich. Stellen Sie einmal alle lokalen Interessen hintenan und bedenken Sie, daß Sie die, Vertreter von 40 Millionen Deutschen sind."
Die deutschen Minister zeigten sich bei dieser Besprechung skeptisch, sie führten regionale Schwierigkeiten gegen die groß angelegte Planung der Militärregierung ins Feld. Die Arbeitsminister der Länder erklärten sich aber grundsätzlich zu einem Kompensationsgeschäft auf der Basis: Arbeiter gegen Kohle, bereit.
Sir Cecil Weir, der bestbezahlte Mann der Kontrollkommission, der sich stark für die Belieferung der Bergleute 'mit Speck verwandt hat, war erstaunt, als er sah, wie die Ernährungsminister der Länder aus dieser Tatsache für ihre Ressorts Kapital schlugen. Sowohl hannoversche als auch süddeutsche Vertreter wiesen darauf hin, daß eine Verstärkung
der Schweinehaltung erfolgen müsse und nicht eine Verschärfung der Abschlachtungen, wie es jetzt der Fall sei.
Die beiden Generale setzten große Hoffnungen auf die Einführung des neuen Punktsystems.
General Robertson schrieb das außerordentlich starke Ansteigen der Tagesförderung in den letzten Wochen der Einführung des Punktsystems zu und versprach; sich für eine baldige hundertprozentige Durchführung einzusetzen. Die Förderzahlen stiegen in der vergangenen Woche von 214 897 Tonnen am Montag auf 217 448 Tonnen am Dienstag und 221 421 Tonnen am Freitag.
Wirtschaftsminister Erik Nölting (Nordrhein-Westfalen), der gleichzeitig Leiter des Kohlenausschusses des Zweizonenamtes ist, wies aber stark darauf hin, da» eine warenmäßige Deckung des Punktsystems unter allen Umständen gesichert sein müsse, wenn es nicht zu einem unaufhaltsamen Sturz der Förderergebnisse kommen soll.
Im Augenblick droht jedoch eine wesentliche Verschlechterung einzutreten. Seit vier Wochen herrscht im Ruhrgebiet wieder einmal eine außerordentlichstarke Brotknappheit. Man kann frühestens nach 4-5stündigem Warten vor den Bäckereien ein halbes Brot bekommen. Dieser Zustand ist durch die Kälte völlig unhaltbar geworden. Brotwagen werden auf offener Straße angehalten, und einige Zechenbelegschaften sind in mehrstündigen Ausstand getreten, weil Frau und Kinder kein Brot bekommen können.
Zur Lösung, des Bergarbeiterproblems machte Wirtschaftsminister Prof. Nölting vor der Düsseldorfer" Stadtverordnetenversammlung einen listigen Tauschvorschlag: 45 000 deutsche Kriegsgefangene, die in französischen Bergwerken eingesetzt sind und dort täglich nur 10 000 to fördern, sollen nach Haus kommen. Minister Nölting will sich verpflichten, diese 10 000 to täglich an Frankreich zu liefern, wenn die Gefangenen sofort entlassen würden. "Sie werden bei uns zu Haus ganz anders arbeiten", meint der Professor.
Inzwischen hat die von der amerikanischen Armee herausgegebene "Neue Zeitung" in München berichtet: "Der Alliierte Kontrollrat hat schon jetzt verlauten lassen, daß auch im kommenden Winter wahrscheinlich keine Kohlen für Hausbrandzwecke zur Verfügung stehen werden."
Es lohnt sich, mit Arbeitern die Nase zusammenzustecken - General Clay
Speck gab ich für Kohle Sir Cecil Weir

DER SPIEGEL 5/1947
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