01.02.1947

Spruchkammerspiele

Der 30. Januar ist für Hans. Fritzsche
nicht nur darum denkwürdig, weil sein Führer an diesem Tage die Macht ergriff. Am 30. Januar 1947 beantragte der Hauptankläger Bernhard Müller in Nürnberg gegen den "Betroffenen" (nicht Angeklagten) 10 Jahre Arbeitslager, Vermögenseinziehung und 20 Jahre Verbot, einen freien Beruf auszuüben.
Die Verhandlung gegen den Gleichzeitig betroffenen Franz von Papen wurde zwecks Herbeiholung eines Zeugen aus London auf Montag vertagt. Beide Verhandlungen sind so ungenügend vorbereitet, daß Kläger, Beisitzer und Verteidiger das Beweismaterial nur flüchtig studieren konnten. Aber die Prozesse laufen, und Alfred Loritz hat den Ruhm.
Grundverschieden sind die Angeklagten, die Richter wie auch die Kläger. Auch der Rahmen ist beidemal ein gänzlich anderer.
Fritzsche hat sein Theater. Wo am Abend in den Buchersälen das Kabarettprogramm - "Die Zeit in Hemd" unter einem glitzernd ausgestatteten Sternenhimmel läuft, findet tagsüber zwischen goldenen Kulissenvorhängen die Verhandlung statt. Kläger und Betroffener sitzen an nüchternen Holztischen.
Die Anklage bezeichnet ihn in ihrer Anklageschrift als Hauptschuldigen. Pg. seit 1933, NSKK-Standartenführer und Ministerialdirektor im Propagandaministerium. Dazu kommt noch seine Tätigkeit als Chefkommentator des Rundfunks und als Leiter der Abteilung Presse.
Der betroffene Fritzsche scheint keineswegs betroffen. Er erhebt sich zu einer
fast zweistündigen Verteidigungsrede. Sie ist ohne Zweifel eine rednerische Leistung, ausgewogen, bis ins letzte detailliert und auf Wirkung berechnet. Die gleißende Eitelkeit in seiner Stimme ist verschwunden, er spricht gedämpft. Er ist ein blendender Illusionist, so daß der Zuhörer bereit ist, zu glauben, daß Hans Fritzsche selbst von der Wahrheit seiner Worte überzeugt ist.
"Ich bin", ruft er aus, "von Verbrechern vom Schlage eines Hitler oder Goebbels getäuscht worden. Ich bin geistig genau so mißbraucht worden, wie viele andere körperlich." Nicht einmal das literarische Werk seines Führers, dessen Kampf, hat er gelesen, so versichert er.
Dem schlanken, lässig dastehenden Fritzsche und der beinah eleganten Erscheinung seines Verteidigers, Rechtsanwalt. Dr. Schilf, gegenüber erscheinen die fünf Spruchkammermitglieder ein wenig unsicher. Dieser Eindruck wird verstärkt wenn die Aussprüche des Vorsitzenden Konrad Renner ihren unverfälschten fränkischen Dialekt nicht verleugnen.
Fritzsche begann mit der Feststellung, daß er es sehr wohl verstehe, wenn die Strafe gegen ihn besonders hart sein müsse. Denn an dem Maß der ihm zudiktierten Sühne werde die Besatzungsmacht ersehen können, ob es den Deutschen ernst sei mit der Entnazifizierung.
Im gleichen Atemzug wies er aber der Spruchkammer mit bedauerndem Unterton in der Stimme präzise nach, daß er sich leider nicht in die Gruppe der "Hauptschuldigen" einreihen lassen könne, da keiner der für diese Gruppe vorgeschriebenen Belastungspunkte auf ihn zutreffe. Auch könne man ihn nicht in die nächste Gruppe, die der Aktivisten, einstufen, da er, laut Urteilsbegründung des Internationalen Militärgerichtshofes, nicht aktiv die skrupellosen Ziele der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft unterstützt oder gefördert habe.
In dem Bestreben, der Spruchkammer überflüssige Gedankenarbeit abzunehmen, schlug er ihr vor, ihm vorläufig einige Jahre Bewährungsfrist zu geben und erst dann, den Urteilsspruch zu fällen. Eine Einstufung als Aktivist würde ein Verbot seiner publizistischen Tätigkeit nach sich ziehen. Er möchte aber wieder Schriftsteller werden. Man solle ihn nicht mundtot machen, argumentiert er, denn er sei wie kein zweiter dazu berufen, die noch nicht zur Demokratie bekehrten Deutschen zu belehren, er, der den Weg eines gläubigen Nationalsozialisten bis, zum Ende gegangen sei.
Ganz anders ist die Atmosphäre bei Franz von Papen. In einem ungeheizten Schulsaal wird verhandelt, es gibt keine Mikrophone, und bei Stromsperre müssen Angeklagter und Zuhörer, die sich in
Mengen einfinden und unter denen auch
Frau von Papen nebst Töchtern sitzt, zu Hause bleiben.
Der kleine Vorsitzende der Spruchkammer, Landgerichtspräsident Camille Sachs, der von dem großen Ohrensessel beinahe
verschluckt wird, leitet mit sicherer Hand
und betonter Höflichkeit dem Herrn Botschafter a.D. gegenüber die Diskussion. Er ist, wie er verbindlich feststellt, derselbe Jahrgang wie der Herr von Papen (1879).
Nicht die geringste Anziehungskraft üben die angekündigten Zeugen auf die herbeiströmenden Zuschauer aus, denn Männer wie Fritz Schäffer, Karl Severing, Theodor Düsterberg, Franz Seldte und Oskar von Hindenburg sind nicht immer so billig und bequem zu besichtigen, insbesondere wenn sie, wie der Sohn des ehemaligen Reichspräsidenten, eine erschütternde Unwissenheit über die Vorgänge bekunden, die sich einstmals dicht vor ihren Augen abspielten.
Der Vorsitzende wollte gerne wissen, ob sein Vater, der Feldmarschall, Hitler einen böhmischen Gefreiten genannt habe. "Ja, ja, jawohl, nein, Herr Präsident, kann leicht möglich sein, wird schon so sein, wenn der Herr es behauptet."
Von Zeit zu Zeit wird die Parade der Zeugen unterbrochen, dann fährt Papen in seiner eigenen Verteidigung fort. Er spricht überzeugt, mit Nachdruck, manchmal leidenschaftlich und wirft bei einer rhetorischen Pause einen Blick nach links, wo sein weltmännischer Verteidiger, Dr. Egon Kubuschok, von seinem Sohn, der auch Franz von Papen heißt und eigens aus der, Kriegsgefangenschaft Urlaub erhielt, assistiert wird.
Papen pariert mit altbewährtem diplomatischem Geschick die Angriffe des Anklägers, Amtsgerichtsrat Dr. Fiebig, und versteht so, sich stets rechtzeitig halbwegs elegant aus der Affäre zu ziehen. Er verteidigt sich gegen den Vorwurf, "Steigbügelhalter" gewesen zu sein.
Im übrigen beschränkt er sich darauf, eine gute Figur zu machen und sich durch ein abweisendes Gesicht von seiner Umgebung zu distanzieren.
Einem Reporter der "Frankfurter Neuen Presse" sagte von Papen: "Ich kenne in
der Geschichte nicht einen einzigen Fall, in dem die Taten eines Staatsmannes. Politikers oder militärischen Führers nicht vor einem Gremium abgeurteilt wurden, das berufsmäßig der zu verhandelnden Materie nahestand, es sei denn, es handelte sich um ein reines Revolutionstribunal."
Einiges haben Papen und Fritzsche doch gemeinsam. Sie sind beide sehr intelligent. Und beide sehen sich einer bayrischen Spruchkammer gegenüber. Und diese wiederum haben auch vieles gemeinsam.
Herrenreiter abgesessen - war er ein Steigbügelhalter?
Franz von Papen sieht in der Spruchkammer eine Art Revolutionstribunal

DER SPIEGEL 5/1947
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