01.02.1947

„O yes, Marie, O yes!“

Die Kölner Narrenzunft ist wieder auf
dem Plan. Obwohl die Stadtverordneten am 28. Dezember einstimmig beschlossen, Karnevalsveranstaltungen nicht zuzulassen, obwohl der Hauptausschuß vierzehn Tage später von unvorstellbarer Not bei der hungernden und frierenden Bevölkerung sprach, wurden von zehn Karnevalsgesellschaften für die Zeit vom 15. Januar bis 17. Februar (Rosenmontag) 32 zwar geschlossene, aber große Veranstaltungen angemeldet.
Die Fräge ist berechtigt, ob Köln überhaupt noch einen Saal hat, wo eine solche Festivität mit der weltbekannten Kölner karnevalistischen Fieberhitze steigen kann. Die Hälfte aller Sitzungen finden im "Atlantik" in der Waisenhausgasse statt. Die anderen in zusammengeflickten Behelfsunterkünften.
Bacchus und Gambrinus sind stark ins Hintertreffen geraten. Als Patron des Kartoffel: und Roggenschnapses; der die Stunde regiert, hat der "Kölsche Kappesbauer" fröhliche Urständ gefeiert, der die Flasche für 150 bis 250 RM verkauft. Die Karnevalsdichter produzieren fleißig wie die Kaninchen. Ein halbes Hundert neuer Schlager, als Noten und als Postkarten gedruckt, warten auf das anonyme Urteil der Kölner: was wird zünden? "Kölle
bliev Kölle" "Schön sind de Mädcher he vun Kölle", "O yes, Marie, o yes" oder, oder?
Die Kölner, die ihre Stadt, die Colonia Agrippina, einst auf römischen Mauern errichteten, berufen sich seit altersher auf das turbulente Fest der römischen Saturnalien, bei dem drei Tage lang die Herren mit ihren Sklaven die Rollen tauschten. Auch die Kölner möchten ganz gerne mal drei Tage mit ihren Herren die Rollen tauschen. O yes, Marie, das möchten sie!

DER SPIEGEL 5/1947
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