01.02.1947

Wässerige Gründe

Holland hat in London dem Sonderbevollmächtigten der vier Außenminister eine Denkschrift überreicht, in der es sieben deutsche Gebietsstreifen fordert. Sie umfassen die Grafschaft Bentheim, die Grenzvorsprünge von Vreden und Arholt, die Städte Cleve und Emmerich und Gebiete des alten Herzogtums Cleve, Grenzberichtigungen in der Nähe von Roermond und Sittard, in der Umgebung von Herzogenrath und Aachen und schließlich im Ems-Delta.
Zur Erhärtung der Forderung wird die Geschichte herangeholt; wo sie versagt, springt, die Geographie ein. Für alle Fälle hat der holländische Delegierte bei der Londoner Konferenz, van Vredenburgh, die Ansprüche seines Landes noch mit wasserwirtschaftlichen Gründen belegt. Die Wasserregulierung in Holland soll nämlich durch technische Fehler, die auf deutscher Seite begangen wurden, erheblich in Unordnung geraten sein. Im Interesse dieser Frage sei eine Grenzberichtigung für Holland von maßgeblicher Bedeutung.
Dr. Hirschfeld, der Kommissar für deutsche Angelegenheiten, der die Einzelheiten erläuterte, erklärte, Deutschland müsse in das allgemeine europäische Wirtschaftssystem eingegliedert werden, Holland wünsche, daß bei Festlegung der Reparationen ein durchschnittlicher Lebensstandard für Deutschland gewährleistet bleibe. Dieser Lebensstandard dürfe allerdings nicht über den der übrigen europäischen Länder hinausgehen. Grundlage dafür sei eine laufende deutsche Friedensindustrie,
Die holländischen Vorschläge zielen darauf hin, Deutschland als Handelspartner. beizubehalten, nachdem vor einiger Zeit noch ein anderer Kurs festzustellen war Rolland macht sich Sorgen um den Absatz seiner landwirtschaftlichen Produkte, für die Deutschland als Abnehmer unentbehrlich ist. Bislang waren die Niederlande wegen ihres allgemeinen Wohlstandes bekannt. Diese Prosperität beruhte auf dem ostindischen Kolonialreich mit seinen Ueberschüssen an Kolonialprodukten und auf dem Handel mit Deutschland. Durch den Export von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und den Umschlag überseeischer Güter hatte sich Holland eine Monopolstellung für das westdeutsche Gebiet aufgebaut.
Die beiden Grundpfeiler eines gesicherten Wohlstandes sind jetzt erschüttert. Holland ist an einem wirtschaftlich gesunden Deutschland interessiert, ein politisch starkes Deutschland empfindet es als Drohung. Van Vredenburgh erklärte, wenn Deutschland in der Zukunft politisch stark sein würde, so müsse es wirtschaftlich schwach gehalten werden, wenn es aber wirtschaftlich stark sein würde, so müsse es politisch schwach sein.
Die zweite Säule, Insulinde, ist als Quelle des Wohlstandes versiegt und hat statt dessen nur Sorgen bereitet. Die holländischen Frauen hören mit Schrecken, daß sie sich von ihren Ehemännern trennen sollen, da in absehbarer Zeit 20 000 Mann nach Indonesien eingeschifft werden. Die von der Regierung gezahlte Unterstützung ist, wie überall, nicht sehr beachtlich. Viele Soldatenfamilien leben, wie es heißt, in dürftigen Verhältnissen.
Auch in Holland ist die Auswanderungswelle zu beobachten. Fast zwei Millionen Menschen wollen auswandern, vor allem viele frühere Widerstandskämpfer, die sich nicht mehr an ein normales bürgerliches Leben gewöhnen können. Die Frage ist natürlich, wohin sie auswandern sollen. Genannt werden die USA, Südamerika oder Kanada. Das einst so beliebte Indonesien ist in Mißkredit geraten. Bereits 75 000 Evakuierte sind aus der glücklichen Südsee nach Holland zurückgekehrt. Man Weiß nicht recht, wo man sie unterbringen soll. Sie vermehren die Reihen der Unzufriedenen und wollen nach Australien auswandern.
Holland will im übrigen seine Stellung auf dem Kontinent ausbauen. Zur Rhein - und Ruhr-Frage erklärt es, daß dieses Gebiet unter internationale Verwaltung gestellt werden müsse, die Spitze solle darin Holland selbst repräsentieren. Auch für den kulturellen Wiederaufbau eines Teiles von Westdeutschland möchte Holland von dem Alliierten Kontrollrat einen Auftrag erhalten.

DER SPIEGEL 5/1947
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