01.02.1947

O la crisi, o la crisi ...

Italiens Politiker bemühen sich seit Wochen, die politischen Verhältnisse zu stabilisieren. Nenni, der wichtigere Sorgen zu haben schien, hatte seinen Posten zur Verfügung gestellt. De Gasperi enttäuscht über die Treulosigkeit seines Außenministers, ging ebenfalls. Dem Ruf Präsident Nicolas folgend, ist er inzwischen wiedergekommen. Bei einem Fehlschlagen seines Versuches zur Regierungsbildung wird damit gerechnet, daß der frühere Ministerpräsident. Francesco Nitti dazu bereit sein wird.
Auch, die Finanzwirtschaft hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Wert der Lira verliert im Ausland immer mehr. An der Schweizer Grenze konnte man von kurzem für 1000 Lire ganze 4,60 Schweizer Franken bekommen. Auf der anderen Seite, in der Schweiz, werden Lire überhaupt nicht mehr in Zahlung genommen. Die deutsche Mark dagegen scheint ausnahmsweise einmal schwarzsalonfähig geworden zu sein, nachdem sie noch bis vor kurzem Aschenbrödel war, glänzt sie jetzt wieder mit einem kurs von 10 bis 12 Liren.
Der Währungssturz wurde im übrigen durch die Furcht vor einem Notenumtausch hervorgerufen, der jedoch nicht vorgenommen werden konnte, weil die Klischees der neuen Noten gestohlen Worden waren.
Regierungskrisen und Parteikrachs machen den Italienern genau soviel Freude, wie kleine Sensationen am Rande. Da sind die Skandalgeschichtchen und Affären vom Schwarzen Markt. Neu Glücksspiele werden erfunden. Wildromantische Gestalten tauchen auf, wie Guiliano, der in Sizilien mit den seltsamsten Mitteln für Unabhängigkeit und Freiheit kämpft.
In Rom wurde die Polizei gegen die Schwarzhändler aufgeboten. Folgeerscheinung: die Preise stiegen. Denn das größere Risiko mußte mitbezahlt werden. Als die Läge immer schwieriger wurde, entschlosse sich die 20 000 römischen Schwarzmärktler zu einem entscheidenden Schritt. Sie schickten eine Abordnung zum römischen Quästor, die um "Waffenstillstand" bis Ende des Monats bat. Der Quästor hatte ein Einsehen, und sofort erschienen die Schwarzhändler wieder wie vorher auf allen Plätzen Roms. Nun üben sie ihr schwarzes Handwerk sozusagen mit behördlicher Genehmigung aus.
Es ist bezeichnend für die Lage, wie es zu dieser Entscheidung kam. Die Schwarzhändler hatten gesagt, daß sie wegen Arbeitslosigkeit sonst Hungers sterben müßten. Der römische Polizeichef mußte, zugeben, daß man den Schwarzen Markt nicht unterbinden könne. Bei der augenblicklichen Lebensmittelzuteilung ist jeder auf ihn angewiesen. Die einzige Möglichkeit dem Uebel abzuhelfen ist eine genügende Zuteilung. Also kapitulierte er.
Eine andere aufsehenerregende Sache ist das neue Glückspiel für Fußballinteressenten "Sisal". Es macht dem verbreiteten Lotto, dem Nationalglücksspiel, ernsthafte Konkurrenz. Die 24 bekanntesten und stärksten Fußballmannschaften spielen an 12 aufeinanderfolgenden Sonntagen in 12 Städten Italiens gegeneinander. Wer wetten möchte, holt sich beim Totalisator Formulare, in die er einträgt, für welche Mannschaften er setzt. Wenn mindestens 11 Voraussagen stimmen, hat er gewonnen. Die Fußballinteressenten in Italien verlieren und gewinnen bei diesem Wettbewerb mit Begeisterung und Leidenschaft Unsummen Geld.
Und dann die Parteien! Bei ihren Zänkereien bedienen sich die Parteiorgane einer herzerfrischend offenen Sprache. Unita, das Organ der kommunistischen Partei hatte die Führer der Christlichdemokratischen Union angegriffen, weil sie sich am Silvesterabend bei einem Bankett "den Bauch vollgestopft" hätten, Das Zentrumsblatt "Popolo" zog seinerseits gegen die Kommunisten los. Es machte ihnen den gleichen Vorwurf und fügte hinzu, daß ihre Frauen bei der Silvesterfeier Astrachan-Pelze getragen hätten. Es sei getanzt worden, und man hätte 100 bis 500 Lire Eintrittsgeld erhoben. Das Geld sei in die Taschen der Partei "zur Aufrechterhaltung einer neuen Plutokratie" geflossen, die nach dem Dolchstoß gegen die Diktatur entständen sei.
Behördlich genehmigt
Schwarz-Weißbrothändler in Rom

DER SPIEGEL 5/1947
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