01.02.1947

Felix Austria

Einen ganzen Tag lang mußten die
Stellvertreter der Außenminister in London auf den Sprecher Oesterreichs, Bundeskanzler Dr. Figl, warten. Starke Schneefälle in Wien hatten den Abflug verzögert.
Mit echt Wiener Charme wußte Leopold Figl jeder Verärgerung über die Verspätung zu begegnen. Gleich eingangs seiner Rede bedankte er sich bei den Großmächten, daß "sie vom ersten Tage dieses Krieges an auch für die, Freiheit und Unabhängigkeit Oesterreichs gekämpft haben."
Was er sonst sagte, deckte sich im wesentlichen mit den Erklärungen, die sein Außenminister Dr. Gruber schon wiederholt abgegeben hat. Oesterreich dürfe nicht mit der Verantwortung für Deutschlands Angriffspolitik belastet werden, für die es nach dem Urteil der Geschichte nicht verantwortlich sei.
Den verbindlichen Worten kommt die bisherige Stimmung im Oesterreich-Ausschuß der Konferenz weit entgegen. Lord Pakenham, Staatssekretär im Kriegsministerium, sprach von der "allerherzlichsten Atmosphäre", die bei der Behandlung der österreichischen Frage am runden Tisch im Lancaster-House geherrscht habe.
Der Erfolg scheint dieser erfreulichen Prophezeiung recht zu geben. Der erste Artikel für den österreichischen Staatsvertrag ist bereits angenommen: "Die alliierten und assoziierten Mächte erkennen an, daß Oesterreich als souveräner und unabhängiger Staat wiederhergestellt ist."
Ueber einen anderen Punkt, in welcher Form ein Anschlußverbot in den Vertrag aufgenommen werden soll, besteht noch keine Einigkeit. Sicher ist nur, daß auch im künftigen deutschen Friedensvertrag das Streben nach einer Wiedervereinigung mit Oesterreich verboten werden wird. So könnte alles schnell ins Reine gebracht werden, wenn nicht die jugoslawischen Ansprüche wären. Obwohl die Großmächte und die anderen Alliierten von der Ueberzeugung ausgehen, daß Oesterreich das erste Opfer des nationalsozialistischen Imperialismus war, will Jugoslawien Oesterreich wie ein ehemaliges Feindland behandelt wissen.
Die jugoslawische Regierung fordert von Wien die Abtretung "Slowenisch-Kärntens", das ist ein Gebiet von rund 2000 qkm mit etwa 180 000 Einwohnern und, den Städten Klagenfurt, Villach und Völkermarkt, ferner eines Grenzstreifens in Steiermark von etwa 100 qkm' mit 10 000 Bewohnern. Weiter soll sich Oesterreich verpflichten, die Germanisierung der "Burgenland-Kroaten zu verhindern.
Belgrad läßt seine Forderungen mit robuster Deutlichkeit vortragen. Das jugoslawische Memorandum erinnert an die schlechten Erfahrungen, die Belgrad bei der Behandlung der Triester Frage durch die Großmächte gemacht habe. "Die jugoslawische Regierung hofft, daß sie nicht noch einmal der gleichen Behandlung ausgesetzt sein wird." Die Londoner Wochenschrift "Spectator" fühlt sich bei solchen Worten unangenehm an die "Manieren der Diktatoren" gemahnt.
Lord Pakenham wurde noch deutlicher. "Die jugoslawischen Forderungen entbehren jeder Grundlage", sagte er im Oberhaus. "Sie sind nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden."
Soweit es die Haltung Englands und auch der Vereinigten Staaten angeht, scheint sich wieder einmal das sprichwörtliche Glück Oesterreichs*) zu bewahrheiten. Nur Rußland befürwortet die Gebietsansprüche Jugoslawiens.
*)Tu felix Austria nube - Glückliches Oesterreich, heirate! Jahrhundertelang würde dieses Sprichwort auf die erfolgreiche Heiratspolitik der Habsburger angewandt.

DER SPIEGEL 5/1947
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