01.02.1947

Lucia und der Deserteur

Vor dem Gericht der ostenglischen Stadt
Norwich standen Stanley Edwards und seine italienische Geliebte Ilde Lucia Tenca. Die Italienerin ist angeklagt wegen illegaler Einreise nach Britannien. Der ehemalige britische Soldat steht unter der Anklage, von seiner Truppe desertiert zu sein. Außerdem muß er sich wegen Beihilfe zu der ungesetzlichen Einreise der Tenca verantworten.
Edwards verliebte sich in die dunkeläugige Mailänderin, während er in Italien stationiert war. Eines Tages - im April oder Mai - hielt ein Militärzug in Verona. Kanonier, Edwards stieg aus und machte einen halbstündigen Spaziergang. Als er wiederkam, war der Zug ohne ihn abgefahren.
"Als ich mich so vergessen fand", sagte er aus, "war ich in einem fürchterlichen Zustand. Ich hatte schlechte Nachricht von meiner Familie bekommen und die Mitteilung erhalten, daß mein einziger Bruder in japanischer Kriegsgefangenschaft gestorben sei. So machte ich mich auf den Weg nach Mailand, wo ich in der Via Pace 17 Ilde Lucia kannte."
Die Mailänderin verkaufte ihr Haus für 250 000 Life (ca. 5600 RM), und das Paar zog nach Carlazzo am Comosee. Dort kaufte die Tenca einen kleinen Laden, den sie später wieder verkaufte, um Geld flüssig zu machen für die Tour nach England.
Zu Fuß überquerten die beiden dann die Alpen am St.-Bernhard-Paß. Oft versanken sie hüfttief im Schnee und waren in höchster Lebensgefahr. Ihr weiterer Weg führte sie durch Frankreich. Um Gendarmen auszuweichen, gingen sie lange Strecken durch Eisenbahntunnels.
In Boulogne war ein Fischer bereit, sie bis auf drei Meilen an die englische Küste zu bringen. Die restliche Strecke ruderten die Liebenden in einem kleinen Boot, das ihnen der französische Fischer für 120 RM überlassen hatte. Sie erreichten unbemerkt die britische Insel. - In der Neujahrsnacht wurde das Paar verhaftet.
Mr. Graham Edwards, Stanleys Vater erklärte: "Wenn Lucia nicht gewesen wäre, hätten wir unseren Sohn vielleicht nie wiedergesehen, und er ist alles, was wir besitzen. Meine Frau und ich würden unser Leben geben für das Glück dieser beiden. Wir wünschen, daß Lucia bei uns bleiben darf. Wir lieben sie wie eine Tochter."
Der Gerichtshof entschied, daß Signora Tenca so lange im Hause der Familie Edwards leben solle, bis eine Entscheidung der für Einwanderung zuständigen Behörde vorliege.

DER SPIEGEL 5/1947
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