01.02.1947

Nicht auf den Kopf gefallen

"Nur Mut", sagte Aschbermer, der Veranstalter in Hamburg-Winterhude, als am vorigen Sonnabend vor der überfüllten Autobushalle am Krohnkamp Tausende einen aussichtslosen Boxkampf austrugen um. "Diet" Hucks gegen den Doppelmeister Eder im Kampf um die-deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht zu sehen.
Hucks, der Mann mit der unheimlichen Linken, stand bisher siebenmal als Profi im Ring, siebenmal legten sich- seine Gegner, von denen man meinte, sie seien nicht "first class" gewesen, auf die Bretter. "Man hat erzählt, ich hätte bislang nur Fallobst geschlagen", sagte Hucks vor dem Kampf, "nun hoffe ich beweisen zu können, daß ich auch in der Lage bin, Edelobst zu schlagen!" Hucks gilt als Schläger. In seinen acht Profi-Siegen stand er 14 Runden im Ring.
8000 Zuschauer sitzen in der Halle. Weitere 200 sitzen auf dem Dach. Die Dachplätze hat der Veranstalter nicht vermietet, obwohl er in der Halle alles vermietet hat, was zu vermieten war. Sogar die Zugänge zum Ring. Das bringt neben Geld auch Aerger. Die Boxer müssen über Bänke und Zuschauerköpfe den Ring erklettern.
Zuerst kommt Dieter Hucks. Unter dem Bademantel trägt er eine funkelnagelneue blaue Kampfhose, die seine Braut erst am Vortag genäht hat. Sie kniept noch ein bißchen am Bund, aber der Ringrichter Pippow bringt das in Ordnung. Dann schwingt sich Gustav Eder in den Ring. Er wickelt sich seine Bandagen selbst, Hucks wird von zwei Sekundanten mit finsteren Gesichtern bedient. Die ganzen Vorbereitungen dauern 1200 Sekunden. Der Kampf wird bedeutend kürzer sein, aber das weiß in diesem Augenblick noch niemand.
Ring frei! Achttausend Menschen schweigen. Vom Dach fällt ein Glassplitter klirrend in die Tiefe. Dort hat einer der Illegalen sein Gesichtsfeld mit dem Taschenmesser erweitert. Der Kampf beginnt.
Dietrich Hucks geht in seinen achten Berufskampf mit Linksauslage. Eder läßt den Herausforderer nicht an sich heran. Beide bewegen sich vorsichtig von der Ringmitte nach Hucks Ecke. Hucks schlägt über Eders Kopf zwei Riesenlöcher in die Luft. Brüllender Beifall für den langjährigen Mittelgewichtsmeister.
Das war in der 42. Sekunde. In der 50. Sekunde stehen beide drei Meter weiter an der Ostseite des Rings. Hucks täuscht mit einem linken Schwinger. Eder taucht tief unter ihm weg. Und dann - in der 51. Sekunde - fällt Eder um wie ein Baum. Er fällt nach hinten auf den Rücken, dreht sich über die rechte Schulter, versucht mit verzerrtem Gesicht nach den Seilen zu angeln, fällt wieder, richtet sich halb auf die Knie - acht - neun - "Aus!" sagt Ringrichter Pippow. Die Halle zittert von dem Gebrüll der achttausend Menschen. Hucks - Rucks - Hucks - Eder - Eder - Schiebung - Hucks - Rucks - alles geht unter In chaotischem Schreien.
Der Ring füllt sich mit Menschen. Ringrichter, Angehörige, Freunde, Fotografen, Neusel mit dem Mikrophon, Sekundanten, Veranstalter und Zuschauer. Was war geschehen? Keiner hat einen Schlag gesehen, keiner hat einen Schlag gehört. Eder wird in seine Ecke getragen. Hucks läßt sich von seiner Braut Maiglöckchen. schenken. Irgend jemand hängt ihm einen großen goldenen Lorbeerkranz um den Hals. Neusel kommt mit dem Mikrophon: "Hast du ihn wirklich getroffen?" "Meine Linke traf das Kinn", sagt Hucks. Auch Hein ten Hoff, der Walter Neusel voriges Jahr als deutscher Schwergewichtsmeister ablöste, hat nichts gesehen.
Das ist die entscheidende Frage: Hat Hucks getroffen, oder ist Eder ausgerutscht und auf den Hinterkopf geschlagen? Die Hinterkopf-Partei weiß jetzt schon, daß der Kampf wiederholt werden muß, die Schlag-Partei hat schon vorher gewußt, daß der Kampf in der ersten Runde beendet sein würde. Der einzige, der vielleicht Auskunft geben könnte, Eder, ist noch nicht wieder auf dieser Welt. Seine Sekundanten halten den Bademantel schützend vor den gestürzten König, sie wollen keine Bilder eines geschlagenen Eder. (Der 39jährige ist zum erstenmal ko.)
Der Fotograf kann auch durch Bademäntel fotografieren, er ist nicht auf den Kopf gefallen. Er beweist später mit seinen Bildern, daß auch Eder nicht auf den Kopf gefallen ist. Der 27jährige Hufschmied aus Coesfeld hat tatsächlich zugeschlagen und den König entthront. Aber das weiß man in diesem Augenblick noch nicht, die Bilder sind ja noch nicht entwickelt.
Eder hat sich erholt und geht zu Hucks mit dem traditionellen Glückwunsch. Es ist nicht festzustellen, wie er lautet, aber es fällt auf, daß er sehr kurz ist. Hucks läßt den goldenen Kranz, der auf der Rückseite aus Pappe ist, in der Ecke liegen und verläßt samt Maiglöckchen und Braut blitzschnell den Ring. Das Publikum ruft in Sprechchören: "Ring - richter - was - war - mit - Eder?" Es ruft noch, als der nächste und letzte Kampf schon begonnen hat.
Eders bitterste Sekunden
1) War es die Linke des "Schlägers"?
2) Acht - Neun - Aus
3) Der Sieger hilft ihm aus den Seilen
4) Mittelgewichtsmeister Hucks

DER SPIEGEL 5/1947
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