01.02.1947

Siebzig Millionen im Angriff

"Konsumenten aller Länder vereinigt
euch", für diesen friedlichen Expansionsgedanken warb in der letzten Woche eine Abordnung des Internationalen Genossenschaftsverbandes (ICA) in der britischen Zone.
Leiter der Delegation war der 57jährige Präsident des Verbandes, Lord Ruscholme, dessen wohlgenährte äußere Erscheinung dem Gedanken der direkten Konsumbewirtschaftung bildhafte Unterstreichung gab. Dr. Hubert, ein Abgesandter der Schweiz, und Herr Klimov, der Vertreter der russischen Genossenschaftsbewegung, bildeten mit einem Stab von Dolmetschern das Gros der "Forschungs-Expedition", deren Ziel es war, den Stand des Wiederaufbaus im deutschen Konsumwesen zu studieren.
Auf einer Zusammenkunft in Hannover gab der Präsident des Verbandes den Abgesandten der deutschen Konsumvereine Gelegenheit zur Aussprache. "Genossen", erklärte er, und bei der Uebersetzung dieser Anrede ging eine Bewegung durch die Reihen der Konsumveteranen, und Herr Klimov begann aufzuhorchen, "wir wollen Ihnen helfen, das deutsche Konsumwesen wiederaufzubauen und bitten Sie, uns Ihre Sorgen und Nöte vorzutragen, von denen wir dem Kontrollrat berichten werden."
Die "Genossen" im Lande Niedersachsen nahmen die Gelegenheit wahr, ihrem Herzen Luft zu machen. Nachdem sie sich mit einigen drastischen Hinweisen auf ihren Leidensweg während der Nazizeit die Gunst der Zuhörer erworben hatten, begannen sie mit progressiver Deutlichkeit den langen Weg von der Idee der Konsumbewirtschaftung zur praktischen Durchführung in einem Lande aufzuzeigen, dem die notwendigsten wirtschaftlichen Bedingungen für diesen Wiederaufbau fehlen.
"Es mangelt am Notwendigsten. Wir haben kein Papier, keine Schreibmaschinen und keine Lägerräume. In unseren früheren Genossenschaftsgebäuden sitzen Nazis, die nach 1933 im Zuge der Liquidation der Konsumvereine durch die Deutsche Arbeitsfront für billiges Geld Genossenschaftseigentum erworben haben. Laut Gesetz 52 des Kontrollrates sollen diese Vermögen wie früheres Judeneigentum behandelt, das heißt beschlagnahmt werden. Es läßt sich aber keine Instanz finden, die hierfür zuständig ist. Die Nazis lassen sich hinter verschlossenen Türen entnazifizieren und die Genossenschaften müssen in ihren eigenen Häusern Miete bezahlen."
Die Berichte der deutschen Vertreter enthielten nicht nur Negatives. So bekam kürzlich in Lehrte die hundertste Konsumgenossenschaft der britischen Zone die Berechtigung zur Geschäftsaufnahme, und in Hildesheim arbeiten bereits wieder vierzehn Genossenschaften, davon vier mit über hundert Verkaufsstellen.
Die Hamburger Konsumgenossenschaft "Produktion" erzielte im letzten Monat einen Umsatz von 1 631 596 RM, wobei die Mitgliederzahl auf 14 607 und die Summe der eingezahlten Geschäftsanteile auf 173 400 RM stieg. In Kürze wird die bekannte GEG-Zigarettenfabrik in Altona mit einer Belegschaft von 215 die Arbeit wieder aufnehmen.
"Es gibt bei uns keine schwarzen Lagerbestände und keine Geheimbuchführung", erklären die Genossenschaftler. "Und damit kommt dem Konsumverein in der heutigen Zeit eine besondere Bedeutung zu, denn ein großer Teil des Schwarzen Marktes wird aus den Quellen des ungenügend kontrollierten Einzelhandels gespeist. Nur durch die direkte Kontrolle der Warenverteilung in den Verbraucherorganisationen ist in der heutigen Notzeit eine gerechte Güterverteilung gewährleistet.
Die Hauptforderung der deutschen Konsumbewegung ist die steuerfreie Rückerstattung aller von den Nationalsozialisten unter der Parole vom Schutz des mittelständischen Einzelhandels beschlagnahmten Vermögenswerte.
Der russische Vertreter Klimov brachte zum Ausdruck, daß sich besonders die wirtschaftliche Vierteilung Deutschlands hemmend auf den Wiederaufbau der Genossenschaften auswirke. Nach seinen Angaben - die er von einem kleinen Zettel ablas - ist in der Ostzone bereits alles Eigentum der Genossenschaften zurückerstattet und ein Viertel aller Haushalte sind in Konsumvereinen organisiert. Von 65 Millionen Kleinhandelsumsatz im Oktober 1946 entfielen 17 690 000 auf die Konsumgenossenschaften, das sind nur zwei Millionen weniger als der Friedensumsatz. Ueber das Genossenschaftswesen der Sowjetunion befragt, schwieg Klimov hartnäckig. Sein Zettel schien darüber keine Angaben zu enthalten.
Der Präsident des ICA - der seit 1909 im Dienst des internationalen Genossenschaftsverbandes steht und 1945 den Lordtitel erhielt - sicherte den deutschen Sprechern volle Unterstützung zu und erklärte, er wünsche den Tag herbei, an dem auch Deutschland wieder zu den vierzig Ländern des Verbandes gehöre. (Insgesamt zählt die Internationale Konsumvereinigung zur Zeit 70 Millionen Mitglieder.)
Die internationale Delegation besuchte in der letzten Woche andere Konsumverbände in Braunschweig und Hamburg und wird in den nächsten Wochen weitere Reisen in die amerikanische und französische Zone unternehmen, um dort den Wiederaufbau des deutschen Genossenschaftswesens zu studieren.
"Konsum-Gedanke - eine Weltanschauung" sagt der Schweizer Dr. Hubert

DER SPIEGEL 5/1947
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