01.02.1947

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Sorgenvolle Blicke begleiten die deutschen Güterzüge, wenn sie aus dem deutschen Bereich herausrollen. Nicht nur wegen der Ladung, daran gewöhnt man sich. Ebenso wichtig sind die Waggons selbst, die hier das Land verlassen und deren Rückkehrwahrscheinlichkeitskoeffizient sehr klein ist.
800 000 Eisenbahnwaggons, das war der sehr stattliche Vorkriegsstand der Deutschen Reichsbahn. Nach dem Kriege waren es noch knapp 230 000, die zum Teil schwer beschädigt ihren Weg über das zerlöcherte Schienennetz Deutschlands fuhren.
Von diesem Rest sind bis September 1946 30 000 Waggons verschwunden. "Inoffizielle Reparationen" nennen es die Eisenbahner, "Melken des deutschen Waggonbestandes" schreiben englische Zeitungen. Die Zahl der Wagen, die bei der Beförderung von Transitgütern nicht wieder heim ins Reich finden, verteilt sich ziemlich gleichmäßig auf Frankreich, Belgien, Tschechoslowakei und die russische Zone.
Im September des letzten Jahres wurde auf einer Tagung der beteiligten alliierten Behörden eine Art Gentleman-Agreement abgeschlossen auf der Linie "Behalte, was du hast, aber nimm bitte nicht mehr".
Der Erfolg dieses Abkommens war verblüffend. Die Ziffer der verschwundenen
Wagen stieg um weitere 10 000. Auch die Beschriftung der Wagentüren "Keine Waggons - keine Güter mehr" nützt nichts und führt höchstens zu Vergleichen mit den tausenden ausländischer Eisenbahnwaggons, die im Kriege in Deutschland "für den Sieg rollten".
Die englische Zeitung "Manchester Guardian" schreibt, daß "eine ehrenhafte Anerkennung der Unantastbarkeit des deutschen Besitzes dringend notwendig ist". und fügt diesem moralischen Argument die Tatsache hinzu, daß ein funktionierendes deutsches Eisenbahnnetz die Grundlage eines geordneten europäischen Eisenbahntransportes ist.
Die englischen Zeitungen sind die einzigen, die diese Frage an die Oeffentlichkeit bringen. Manche Leute behaupten, das läge daran, weil zwischen England und, Deutschland die Nordsee liegt.
Räder müssen rollen für den verlorenen Krieg
40 000 Eisenbahnwaggons verschwanden seit dem Zusammenbruch

DER SPIEGEL 5/1947
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