01.02.1947

Skandal in Güstrow

In Güstrow, dem beneidenswert unzerstörten, beschaulichen Mecklenburgischen Städtchen hat es einen Theaterskandal gegeben. Die Güstrower protestierten gegen eine musikalische Uraufführung, gegen Rudolf Wagner Régenys "Vier Szenen für die Schaubühne mit Musik".
Dem Komponisten sind Mißfallenskundgebungen des Publikums nicht neu. Die Nationalsozialisten waren ihm nicht grün. Seine "Neger-Rhythmen" paßten ihnen nicht. Die Fachwelt indessen horchte bei, seinen Opern ("Der Günstling", "Bürger von Calais", "Johanna Balk") und seinem Ballett "Der zerbrochene Krug" auf.
Sein neuestes Werk ist eine "Oper für Schauspieler". Sie heißt vorläufig "Der Darmwäscher", wird aber, voraussichtlich den Titel "Der erste Beste" erhalten. Sie soll in Berlin uraufgeführt werden.
Wagner-Régenys "Vier Szenen für die Schaubühne mit Musik" tragen seltsame Bezeichnungen. z. B. "Er kommt nicht, weil Herr Pieplow starb". Sie kreisen um Liebe, Tod und Leben. Sie knüpfen an die Gedanken an, die seit Strawinsky und Diaghilew über Laban, Krenck, Weill und Brecht das Musiktheater revolutionierend belebt haben: Die vier Elemente Musik, Wort, Bild und Bewegung sollen sich gleichmäßig und gleichwertig nebeneinander im Musiktheater entfalten.
Neues erfordert neue Mittel. Den Güstrowern, wie gesagt, gefiel es gar nicht.
Der 43jährige Komponist saß bei der Uraufführurig in Güstrow selbst am Flügel. Wie kommt Rudolf Wagner-Régeny nach Güstrow? Als Flüchtling. In Berlin hat er alles verloren. In Mecklenburg schuf er sich eine neue Wirkungsstätte.
Die Rostocker Musikhochschule verpflichtete ihn als Lehrer für Komposition. Das aber macht er nur nebenbei. Jahrelang hat Wagner-Regeny nichts geschrieben. Jetzt will er viel nachholen.
Er wohnt auf dem Dachboden eines Hauses in einem kleinen, gemütlichen Zimmer. "Mahagonny-Milieu" nennt, es der Komponist. Die Träger und Balken des Dachbodens erinnern ihn an seines Freundes Kurt Weill Oper "Mahagonny".
Die ruhigen Mecklenburger mochten Rudolf Wagner-Regenys Musik nicht leiden

DER SPIEGEL 5/1947
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