01.02.1947

Gestalten eines toten Dichters

In Berlin, in Max Reinhardts Deutschem Theater, fand die deutsche Uraufführung von Ernst Tollers nachgelassenem Schauspiel "Pastor Hall" statt. Sie erfolgte auf einer Gedächtnisfeier, die der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und der Schutzverband deutscher Autoren veranstalteten.
In seiner Gedächtnisrede wandte Günther Weisenborn, der Vorsitzende des Schutzverbandes, sich mit einem "Ruf aus dem Ruinenmeer Berlins" an die im Ausland lebenden deutschen Dichter.
Es sei Schuld der Nation, so sagte Weisenborn, daß sie nicht auf ihre Dichter gehört habe, sondern "auf die gestiefelten Scharlatane und ihre Blechmusik". Die Dichter hätten zur rechten Zeit gewarnt. Darum gelte auch heute der Ruf: "Hört die Dichter, denn es muß möglich sein, daß die Menschen dieser Erde wieder Menschen werden."
Ernst Tollers "Pastor Hall" setzt mit einer starken Szene ein, Sturmbannführer. Gerte möchte Pastor Halls Tochter heiraten. Er versucht, es mit einer Erpressung durchzusetzen. Die Erpressung mißlingt, Gerte läßt den Pastor auf Grund gestohlener, an ihn gerichteter Briefe verhaften.
2. Akt: Konzentrationslager. Ein Siebzigjähriger wird zu 25 Stockschlägen verurteilt. Die Häftlinge singen das Moorsoldatenlied. Der Pastor könnte sich durch Anerkennung Hitlers loskaufen. Er tut es nicht. Er nennt Gerte, den Lagerkommandanten, ungeschminkt einen Henkersknecht. Vor der drohenden Bestrafung flüchtet er.
3. Akt: Hall erscheint bei dem ihm befreundeten Oberarzt Momm, einem rechtschaffenen alten Reaktionär. Hall hat Gewissensbisse. Seine Flucht hat einem jungen Menschen, der wegen jahrelanger Arbeitslosigkeit zu den Nazis gegangen ist, sie aber innerlich verabscheut, das Leben gekostet. Gerte, der wegen Halls Flucht um seine Karriere bangt, stellt den Pastor. Hall erkennt, daß es falsch war, der Entscheidung ausweichen zu wollen. Er erliegt einem Herzschlag.
Thomas Engel hatte die Regie. Es gab vortreffliche schauspielerische Leistungen, besonders von Eduard von Winterstein und Max Gülstorff. Der Erfolg war groß. Es war eine späte Ehrung für den Dichter der deutschen Revolution von 1918. Ernst Toller wäre heute ein Vierundfünfzigjähriger. Aber der Emigrant wählte 1939 in einem New Yorker Hotel den Freitod.
1914 war der 21jährige Ernst Toller Student in Grenoble. Er schlug sich unter Abenteuern nach Deutschland durch und meldete sich freiwillig ins Feld. Auf vorgeschobenem Posten erlebte er das Grauen des Schlachtfeldes. Herzkrank wurde er im zweiten Kriegsjahr entlassen.
Er studierte in München. Hier begegnete ihm der seine "Jüngernatur" faszinierende Sozialist Kurt Eisner. So geriet er in die bayerische-Revolution. Als Eisner 1919 ermordet wurde, übernahm Toller den Vorsitz der Unabhängigen Sozialistischen Partei. Später wurde er zum Kommandanten der Roten Garde in Dachau gewählt.
"Man muß einander helfen und, gut sein" - Toller hat das geschrieben und danach gehandelt. Er zerriß in den tumultuarischen Tagen der Räte - Herrschaft Haftbefehle und verhinderte Todesurteile;
Die Regierungstruppen zogen in München ein. Eine Prämie wurde auf Tollers Kopf gesetzt. Er wurde verhaftet, man machte ihm den Prozeß und verurteilte ihn zu 5 Jahren Festung.
1918, im Frühling des Revolutionsjahres, hatte Toller sein erstes Stück geschrieben, "Wandlung". Mit diesem expressionistischen Drama der Barmherzigkeit und Friedenssehnsucht, eroberte er sich sogleich die deutsche Bühne.
Die Dramen "Maschinenstürmer" (1922) und "Hinkemann" (1923), "Hoppla, wir leben" (1927 auf Erwin Piscators revolutionärer Bühne in Berlin unter einem Protestorkan aufgeführt) und "Feuer aus den Kesseln" (1930) folgten. In ihnen spiegelt sich wider, wie Tollers Erlebnisse ihm den Glauben an das Gute im Menschen geraubt hatten.
1933 waren seine Bücher unter denen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Toller flüchtete ins- Ausland. Man entzog ihm die Staatsbürgerschaft, beschlagnahmte sein Vermögen in Deutschland.
Toller lebte ein paar Jahre in der Schweiz und in Paris, wo er den Roman seines Lebens schrieb. Als Beobachter, Berichterstatter und Propagandist der sozialistischen Madrider Regierung nahm er am spanischen Bürgerkrieg teil. Dann ging er nach Amerika. Am 23. Mai 1939 ist er gestorben.
Aus dem Kz. ist Pastor Hall (M. Gülstorff) zu Oberarzt Momm (E. v. Winterstein) geflohen

DER SPIEGEL 5/1947
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