01.02.1947

Die Eintrittskarte - der Stimmzettel

Amerikanische und deutsche Theaterfachleute setzten sich in Berlin -Dahlem zu einer öffentlichen Diskussion an den "runden Tisch". Eine Abteilung der Omgus (Office of Military Gouvernment of the US) hatte dazu eingeladen. Thema: Die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Theater.
Eric T. Clarke, Chef der Theater-, Film- und Musik-Abteilung der amerikanischen Militär-Regierung, leitete die Diskussion. Die beiden amerikanischen Theateroffiziere Benno D. Frank und Frederic Millinger, der Intendant des Hebbel-Theaters, Karl-Heinz Martin, sein Dramaturg Graf Franz Treuberg und der Dramaturg von Max Reinhardts Deutschem Theater, Herbert Ihering, beantworteten ausführlich eine Reihe von Fragen.
Wißbegierige Gäste beider Nationen stellten die Fragen sehr fleißig. Es kam allen Teilnehmern im wesentlichen auf Herausstellung und Klarstellung der Unterschiede an, nicht auf gegenseitige Wertungen. Es ging ganz zwanglos und durchaus unfeierlich zu.
Es ergab sich als grundlegender Unterschied, daß das amerikanische Theater Privattheater ist, das deutsche überwiegend durch Staat oder Gemeinden subventioniert wird. In USA mietet der Unternehmer, wenn er ein erfolgversprechendes Stück gefunden hat oder gefunden zu haben glaubt, ein Theatergebäude, engagiert die Schauspieler dazu (nur für dieses eine Stück) und geht dann mit diesem Ensemble auf Tournee.
So bekommen auch kleinere Städte ein erfolgreiches Stück in derselben Besetzung zu sehen wie New York. Ob es dazu kommt, entscheidet der Kassenerfolg.
In Amerika bestimmt also das Publikum den Spielplan. Sein Stimmzettel ist sozusagen die gekaufte Eintrittskarte. Der Gefahr der Verflachung und Entartung zu bloßem Amüsiertheater begegnen die kleinen und Studio-Theater, die eine wichtige Stellung einnehmen.
Im ganzen war die Diskussion sehr geeignet, manches Vorurteil zu zerstreuen, das über das amerikanische Theater bestanden haben mag. Die Amerikaner zeigten ihrerseits viel Interesse, die Eigenheiten des deutschen Theaters zu erfassen. Zum Schluß wünschte man allgemein, diese Art von "round-table"-Diskussionen fortgesetzt zu sehen.

DER SPIEGEL 5/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Eintrittskarte - der Stimmzettel

  • Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt