01.02.1947

Adolf Wohlbrück läßt Gusti küssen

In dieser Woche ist es 30 Jahre her, daß Frau Gusti Helminger im Souffleurkasten der Münchener Kammerspiele sitzt
- wenigstens bei den Proben und den
Aufführungen. Leute, die die Genauigkeit lieben, rechnen 33. Jahre aus: Seit 1914 ist Frau Helminger im losen und seit 1917 im festen Vertrag als Souffleuse bei den Kammerspielen.
Frau Helminger, bei den Schauspielern, den Bühnenarbeitern, dem Portier, den Garderobenfrauen freundschaftlich und kurzweg "Gusti" genannt, ist ein Theaterhase von Kindesbeinen an. Noch nicht fünfjährig, spielte sie in Raimunds "Verschwender" mit. Aelter geworden, reiste sie mit dem Münchner Bauerntheater von Stadt zu Stadt. Als "Schmierendirektorin" ging sie später auf weitere Reisen und kam nach Berlin, Dresden, Prag, Wien.
Seitdem sie in ihrem Souffleurkasten sitzt, hat sie, rund gerechnet" etwa 12000 mal souffliert, in 800 verschiedenen Stücken Sie konnte sie auswendig. Gusti souffliert oft mit geschlossenen. Augen. Einmal, in Shakespeares "Wintermärchen", reichte man ihr ein Gebetbuch statt des Textbuches hinunter. Es ging großartig.
Gusti hat viele Schauspieler und Schauspielerinnen kommen und gehen sehen, die Kleinen und die Großen. Sie hat den Start manches Anfängers erlebt, der heute prominent ist.
Sie hat viele Erinnerungen aus ihren drei Jahrzehnten im Souffleurkasten. Einmal spielte ein Schauspieler, der nicht gern lange Rollen auswendig lernte, die Hauptrolle in einer Aufführung, die mehr, als 5 Stunden dauerte. Zur Qual aller. Als er seinen letzten Satz gesprochen hatte, sagte Gusti erlöst und aufatmend halblaut vor sich hin: "Gott sei Dank".
Der Schauspieler vernimmt dies, macht,
bereits im Abgehen, eiligst kehrt, stellt sich noch einmal auf die Bühne und sagt zu den Zuschauern mit genau derselben Betonung: "Gott sei Dank".
Eines Tages kam ein Herr auf die Bühne gestürzt. Er hatte erfahren, daß Hedwig Wangel probte, und er hatte die Absicht, ihr einige Komplimente zu sagen. Die Künstlerin war noch nicht da, nur Gusto, die etwas hinter den Kulissen suchte.
Der Herr ging mit ausgebreiteten. Armen
auf sie zu und rief ihr entgegen: "Sie sind meine Sehnsucht - Ihr Können überstrahlt alles - nein, wehren Sie sich nicht, widersprechen Sie mir nicht, Sie, gottbegnadete einmalige Künstlerin."
Die wehrlose Gusti, benötigte eine geraume Zeit, den Herrn über seinen Irrtum aufzuklären. Der Herr benötigte seinerseits geraume Zeit, um sich zu fassen.
Gusti macht keinen Unterschied, sie mag alle Künstler gern, ob sie steckenbleiben oder nicht. Sie hat auch den "Gesandten" Adolf Wohlbrücks gern gemocht, der eines Tages auf der Bühne erschien,
unverzüglich auf den Souffleurkasten losging und - "ich komme von Wohlbrück aus London und soll in den Souffleurkasten hineinsteigen und Ihnen einen Kuß von ihm geben." Er tat das, und der "ewig jungen Gusti mit dem grauen Haar" hat es gefallen.
Gusti hat im Krieg alles verloren. All ihre Fotos und Erinnerungsstücke gingen hin, als sie noch im Oberanger 49 wohnte und mit dem Litermaß in der Hand die Brandbomben löschen wollte. Mitten in der Arbeit fiel die Wand, die sie gerade mit Wasser begoß, in sich zusammen und versank. Gusti starrte vom 4. Stock wandlos in das feuerlodernde München hinab.
Ihre Erinnerungen sind in ihrem Kopf unauslöschlich und unverbrennbar. Und sie hat ihre "Kinder", wie sie die Theaterleute der "Kammerspiele" nennt. Zu Hause hat sie nur noch den Kater Peter, der auf sie und auf den sie Obacht gibt.
Ob sie stecken bleiben oder nicht - Gusti mag ihre "Kinder" - alle gern *)
*) Frau Gusti Helminger mit Künstlern der Münchner Kammerspiele; vorn: Axel v. Ambesser und Paul Dahlke.

DER SPIEGEL 5/1947
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