01.02.1947

Kunst in Raten

Die Hamburger Kunsthalle kehrt zur
Kunst zurück. Nach der Kapitulation strömten Tausende von ehemaligen deutschen Soldaten durch die von Bomben schwer mitgenommenen Säle. Sie holten sich den begehrten Entlassungsschein.
Jetzt stehen wieder acht Kabinette für Ausstellungen zur Verfügung. Nach einer Romantikerschau zeigt die Kunsthalle ihre kostbarsten Stücke aus dem 19. Jahrhundert unter dem Titel "Naturalisten und Stilisten".
"Wir wollen nicht nur eine geschlossene historische Reihe geben, sondern zugleich in ungebundener Zusammenstellung die künstlerisch bedeutendsten Werke jenes Zeitraums wieder zu weiter Wirkung aus den Magazinen befreien" sagte Dr. Stubbe, ein Mitarbeiter des Kunsthallendirektors Prof. Heyse, bei der Eröffnung.
In den zwölf dunklen Jahren ist die Hamburger Kunsthalle vieler- wertvoller damals "unerwünschter" Kunstwerke beraubt worden. Die der Oeffentlichkeit vorenthaltenen Gemälde gerieten in die Kanäle des obskuren Kunsthandels. Andere kamen in Privatbesitz. Wieder andere wurden in Zürich versteigert. Es war ein gutes Geschäft für die "Kunsthändler".
Die verlorenen Gemälde heute wieder herbeizuschaffen, ist unmöglich. Aber es ist Prof. Heyse gelungen, andere Werke einst verfemter Künstler, u.a. Arbeiten von Paula Moderson-Becker, für die Hamburger Kunsthalle zu erwerben.
Im Kriege hat die Hamburger Kunsthalle Glück gehabt. In Bunkern und Tresoren haben die Gemälde den Bombensturm überstanden. Nun hat man im eigenen Hause keinen Platz, um die Galerie ihrer alten Bestimmung wieder zuzuführen. Man hat einen Ausweg gefunden. Man zeigt Kunst in Raten.
Als nächste Ausstellung soll eine Auswahl aus der berühmten Hamburger Sammlung französischer Impressionisten gezeigt werden. Man hofft, bald einige Oberlichtsäle freizubekommen, um auch großflächige Bilder zeigen zu können.
Zwischen dem frühen Naturalismus Krügers und Gärtners und dem vergeistigten Realismus Marées bewegt sich die Ausstellung "Naturalisten und Stillsten". Böcklin, Feuerbach, Thoma, Menzel und Schuch liegen dazwischen.
Unter den rund 120 Gemälden, die in den acht Kabinetten gezeigt werden, ist eines der schönsten Zeugnisse der Münchner Schule: Leibls "Betende Frauen", jenes Gemälde, an dem der Künstler drei Jahre gearbeitet hat. Das Bild ist eines der wertvollsten Stücke der Hamburger Kunsthalle.
Die durch die Zeitnöte angeschlagenen Hamburger stehen in stiller Andacht vor dieser Welt der reinen Schönheit. Es ist ein neues Kunstgenießen wenn in den eigenen vier Wänden die Kultur abbröckelt.
Aus dem Magazin zurück: Leibls "Betende Frauen", eine Hamburger Kostbarkeit

DER SPIEGEL 5/1947
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