01.02.1947

Der Mann aus Lier

Der flämische Dichter und Maler Felix Timmermans ist, 61 Jahre alt, verstorben.
In Hemdsärmeln, eine kurze Pfeife zwischen den fleischigen Lippen, die runde Stirn von einem ungebändigten Haarschopf überbuscht, den Pinsel in der Hand - so hat er sich am liebsten fotografieren lassen. Denn auch nachdem
ihn seine Bücher als Erzähler berühmt
gemacht hatten, gab er das Malen nicht auf.
Seit jener Stunde, da der Knabe staunend und beglückt in Antwerpen vor den Bildern des älteren Breughel gestanden
hatte, ist die tiefe Bezauberung, die Verlockung nicht von ihm gewichen: von der Welt nicht nur, in Büchern, sondern auch in Bildern zu reden.
Von der Welt - Timmermans ist in dem flandrischen Städtchen Lier geboren, und dieses Lier ist ihm nicht nur "seine" Welt sondern die Welt schlechthin. Natürlich gibt es auch jenseits der Provinzen Flanderns noch Welt, aber sie spielte für Timmermans keine große Rolle.
In Lier also ist Timmermans aufgewachsen, ein 13. Kind, Sohn eines Spitzenhändlers. Der Vater muß ein prächtiger Kauz gewesen sein. Von ihm hat der Malerpoet eingestandenermaßen seine Lust zum Fabulieren ererbt.
Als er 1910 mit seinem ersten Buche "Todesschatten" vor die Oeffentlichkeit trat, zeigte er sich als weltschmerzlicher Pessimist. Vorübergehend geriet er noch in das Gedankendickicht des Okkultismus. Mit dem Roman "Pallieter", diesem von Lust und Leben strotzenden, in den kräftigsten Wortfarben gemalten Buche, kam er endlich ganz zu sich selbst.
Dann brach der erste Weltkrieg aus.
"Durch dieses entsetzliche. Desaster wurde ich umgeknickt. Ich hatte das Leben frisch und farbig gesehen und immer gehofft, daß die Menschheit auf dem Wege sei zu mehr Lebensfreude und Brüderlichkeit. Das platzte wie eine schöne Seifenblase.
Aber inmitten dieses Elends wurde das "Phantasiekind" in seinem Inneren wieder wach. Er schob alle schrecklichen Kriegsvisionen beiseite und schrieb, den Faden väterlicher Fabulierlust weiterspinnend,
Das Jesuskund in Flandern.
Seitdem ist der Mensch und Künstler
Timmermans in einer guten Schwebe geblieben mit sich und der Weit. Was in der
Zeit geschah, erschütterte ihn nicht mehr.
Er rückte sich aus ihr heraus und schuf sich eine eigene Welt, eine Welt bürgerlich-bäuerliche Idyllik, in der eine naive Gottseligkeit sich mit der sinnenhaftesten Erdenfreude verträgt.
In staunenswerter Fruchtbarkeit schrieb er nun: "Die Delphine, "Der Pfarrer vom blühenden Weinberg", "Franziskus".
"Bauernpsalm", die Geschichtensammlungen "Das Licht in der Laterne" und "Die bunte Schüssel" usw., alle diese Bücher schildern in ihrer Kraft und Frische, ihrer Schlichtheit und Lebensfülle nicht nur Land und Leute, sie feiern das zeitlose Flandern, sie geben der Heimat zurück, was der Dichter von ihr empfing. So ist es auch begreiflich, daß Flandern seinem Malenden Poeten die freilich mehr als 13. Jahre zurückreichende Freundschaft und Zuneigung zu Deutschland verzieh. Es sieht in ihm weiter einen Bewahrer und Erneuerer seiner großen literarischen Tradition.
Mit Pfeife und Pinsel ließ Timmermans sich oft fotografieren - hier mit seinem Jüngsten

DER SPIEGEL 5/1947
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