25.01.1947

100 Pfund für Beethoven

Die Londoner Zeitung "Sunday Dispatch" beschäftigte sich letzthin, rund 120, 130 Jahre nach dem Ereignis, in einem Artikel mit den Beziehungen zwischen Ludwig van Beethoven und der "Royal Philharmonic Society", der Londoner Philharmonischen Gesellschaft. Clement Yorke hat diesen Beitrag geschrieben.
Er apostrophiert Beethoven als "den Komponisten der "Mondscheinsonate" und vieler wundervoller Symphonien, den viele mit Recht als den größten Komponisten der Welt bezeichnen." Aber er spricht von Beethoven auch als "a minor swindler" - "einem kleinen Schwindler". Clement Yorke sagt, dies sei durch die Veröffentlichung der Annalen der 130 Jahre alten Royal Philharmonie Society enthüllt worden. Der Bericht fußt auf dem bei Rider erschienenen 21-Schilling-Buch von Robert Elkin: "Royal Philharmonic".
Seit 1816 wurden die meisten von Beethovens großen Werken in England durch die Konzerte der Londoner Philharmonischen Gesellschaft bekannt. 1817 machte die Gesellschaft Beethoven folgendes Angebot: Er sollte 300 Guineas (1 Guinea sind 21 Schilling, also etwas mehr als 1 Pfund) erhalten, wenn er mit zwei neuen Symphonien nach London käme. Beide Symphonien sollten Eigentum der Gesellschaft werden.
Beethoven erwiderte, daß er 400 Guineen zu haben wünsche, von denen 150 im voraus zu bezahlen wären. Die Verhandlungen wurden abgebrochen.
Zwei Jahre später, im Frühjahr 1819, schrieb Beethoven aus Wien, daß er im folgenden Winter zu kommen hoffe. "Ich muß, wenn ich hier nicht zum Bettler werden soll", stand in dem Brief. Aber Beethoven kam nicht.
"Der 21. März des Jahres 1825 ist dann das Datum, das Elkin als von großer Wichtigkeit in der Geschichte der Londoner Musik bezeichnet: An diesem Abend spielten die Philharmoniker zum erstenmal in England Beethovens Neunte.
Diesem Ereignis waren Verhandlungen vorausgegangen, die im November 1822 begonnen hatten. Damals hatten die Direktoren der Gesellschaft Beethoven einen neuen Vorschlag gemacht. Sie boten ihm 50 Pfund für das Manuskript einer Symphonie, über die Beethoven erst 18 Monate später weiter verfügen sollte. Voraussetzung dabei war, daß das Manuskript der Symphonie bis zum März des nächsten Jahres in London vorläge.
Beethoven nahm die Bedingungen an, und das Geld wurde abgeschickt. Aber es kam innerhalb der vereinbarten Zeit keine Symphonie. Zu der Zeit dann, als die Partitur bei der Gesellschaft einging, war das Werk in Wien bereits aufgeführt worden.
"Dies", so schreibt Robert Elkin (und Clement Yorke zitiert ihn) "war nicht der einzige Punkt, in dem Beethoven einen gewissen Mangel an Redlichkeit ("some lack of integrity") bewiesen hat." Denn außerdem trug die Kopie, die er nach England schickte, in der Handschrift des Komponisten die Worte "Geschrieben für die Philharmonische Gesellschaft in London". In Wien war die Partitur mit einer gedruckten Widmung an den König von Preußen erschienen. "Die Philharmonische Gesellschaft verzieh indessen diese Unregelmäßigkeiten", stellt Robert Elkin fest. Im Februar 1827 erinnert Beethoven die Gesellschaft in einem Schreiben an das großzügige Angebot, das sie ihm seinerzeit mit den 300 Guineen gemacht hatte, Es würde, schreibt Beethoven, ihm in seiner gegenwärtigen Lage sehr willkommen sein, wenn die Philharmonische Gesellschaft dieses Angebot jetzt wiederhole.
Denn unglücklicherweise sei er seit Anfang Dezember sehr krank an Wassersucht gewesen. Es sei eine höchst langwierige Krankheit, deren Ende nicht abzusehen sei.
Das Ergebnis war, daß die Gesellschaft beschloß, 100 Pfund zu Beethovens Verfügung zu halten. Das Geld sollte an einen Vertrauten gesandt werden und nach Bedarf für die Bedürfnisse des Komponisten verwandt werden.
Das Geld wurde Beethoven durch den Wiener Bankier Rau übergeben. Eigentlich hatte man beabsichtigt, die Auszahlung des Geldes an Beethoven auf eine gewisse Zeit zu verteilen. Indessen überzeugte Beethoven Rau davon, daß er die ganze Summe brauche. Rau berichtete nach London, daß Beethoven in einer jämmerlichen Verfassung sei.
Durch Vermittlung eines Freundes schrieb Beethoven, er sei in der Notlage gewesen, die ganze Summe von 100 Pfund auf einmal anzunehmen. Er wäre sonst gezwungen gewesen, Geld zu leihen.
Beethoven sprach die Hoffnung aus, daß die Philharmonische Gesellschaft die generöse Absicht, ein Konzert zu seinen Gunsten zu geben, nicht aufgebe. Er bitte, von dem dann auf ihn entfallenden Anteil des Gewinns die ihm so freundlich gesandten 100 Pfund abzuziehen. Dieser Brief war vom 18. März. Am 26. März starb Beethoven.
Rau schrieb der Gesellschaft, daß Beethoven nach seinen eigenen Angaben ohne jede Hilfe und ohne jedes Geld, darum in höchst kläglichen Umständen gewesen sei.
Aber als man nach seinem Tode ein Inventarium aufgenommen habe (er, Rau, sei dabeigewesen), habe man in einem halb verschimmelten Kasten sieben österreichische Banknoten im Betrage von über 1000 Pfund gefunden.
Ob Beethoven dieses Geld absichtlich verheimlicht habe - "denn er war immer sehr mißtrauisch und hoffte auf eine baldige Heilung" - oder ob er selbst nicht wußte, daß er es besaß, diese Frage bleibe, schrieb Rau, ein Rätsel.
"Die 100 Pfund, die die Philharmonische Gesellschaft ihm gesandt hatte, fanden wir unangebrochen", fügte Rau hinzu.
Aber August Bach, der Testamentsvollstrecker, weigerte sich, die 100 Pfund zurückzuschicken. Die Londoner Philharmonische Gesellschaft verzichtete auf ihre Forderung.
*) Das Werk Otto Pankoks war zwölf Jahre lang geächtet. Jetzt wurde es in einer Ausstellung, die kürzlich in Düsseldorf gezeigt wurde und jetzt nach Hagen i. W. kam, der Oeffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.
"Beethoven", wie ihn ein moderner Maler sieht: ein Gemälde Otto Pankoks

DER SPIEGEL 4/1947
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