01.02.1947

Menschen, die sich nachts begegnen

Der französische Film, der 100 Millionen Francs gekostet hat, wurde jetzt zum erstenmal in Deutschland gezeigt, in Baden-Baden, Es ist - dank dem Regisseur Marcel Carné, dem Autor Jacques Prevert und dem Kameramann Philippe Agostini - ein Film mit echter Pariser Atmosphäre: "Les Portes de la Nuit" ("Tore der Nacht").
Seine Handlung spielt zwischen der beginnenden Nacht und dem grauenden Morgen. Schicksale vollenden sich in diesen Stunden. Menschen begegnen sich und werden von der Dunkelheit aufgeschluckt, durch den Tod auseinandergerissen.
Schon einmal, vor dem Kriege, faßte ein französischer Film die Geschehnisse zwischen einem Abend und einem Morgen zusammen: "Le jour relève". Diesmal spielt kein Jean Gabin die Hauptrolle, sondern Yves Montand. Montand ist ein begabter Chansonnier, ein junger, sehr sympathischer Bursche, aber noch kein Schauspieler von dem Format, wie die Rolle des Diego es hier verlangt.
Diego begegnet in der Nacht, die ihre Tore weit über der schlafenden Stadt Paris auftut, Malou, der Frau seines Lebens. Sie lieben sich. Ihr Bruder, ein vor Angst schlotternder Feigling und Bösewicht, verrät sie ihrem Mann. Der schießt sie nieder. Sie stirbt im Hospital. In der Filmzeitschrift "L'écran francais" schrieb Georges Altman, der Film enthalte viele ganz unnotwendige Einzelheiten und Worte. Aber er rühmte
manche Szenen, unter anderen auch die, in der Diego und ihr Mann Malou in die Klinik bringen.
Diego sitzt am Steuer des Autos, auf dem Rücksitz stützt der Mann die sterbende Malou. Ohne den Kopf zu wenden, fragt Diego mit zusammengepreßten Lippen: "Hört sie mich? Fragen Sie sie, ob sie mich hört!"
Malou hört ihn. Sie flüstert in das Ohr ihres Mannes, daß sie Diego liebt. Natalie Nattier spielt die Malou. ("Insignifiante" sagt Georges Altman - nichtssagend.) Reggiani, in der Rolle des Bruders, dominiert schauspielerisch. Es ist seine beste filmische Leistung bisher. Die Handlung des Films greift zurück auf das Thema eines Balletts von Prevert und Joseph Kosma. Kosma schrieb die Musik auch des Films, Prevert Drehbuch und Dialoge. Diese Dialoge enthalten oft tiefe Poesie. Ihre schönsten Worte spricht Jean Vilar, in der Rolle eines hellseherischen zerlumpten Bettlers, der immer wieder aus dem Dunkel auftaucht, eine "Stimme des Schicksals".
Der Mann, der seine Schwester verriet: Reggiani in "Tore der Nacht"

DER SPIEGEL 5/1947
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