14.02.2005

AUSWÄRTIGES AMTAufstand der Mumien

Mehr als 100 Botschafter außer Diensten fühlen sich düpiert: Ihr Minister Joschka Fischer verweigert Diplomaten mit Nazi-Vergangenheit den letzten Gruß.
Bei Diplomaten im Ruhestand erfreut sich die Mitarbeiterdepesche "intern AA" ihres Dienstherrn besonderer Beliebtheit. Allmonatlich unterrichtet sie das Blatt über Neuigkeiten vom Werderschen Markt ("Aus dem Hause") und die Karrierewege der aktiven Kollegen ("Auf Posten"). Höchste Aufmerksamkeit gilt den liebevoll redigierten Nachrufen ("Ein ehrendes Andenken") auf verblichene Weggefährten.
Auch seine Exzellenz a. D. Dr. Heinz Schneppen, 73, zuletzt Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tansania, gehört zu den treuen Lesern. Als Mitorganisator der alljährlichen Zusammenkunft ehemaliger Spitzendiplomaten im Berliner Hilton-Hotel, von Schneppen selbst "Mumientreffen" genannt, muss er schließlich wissen, wer noch am Leben ist.
Umso größer war seine Überraschung, als er bei der Lektüre der letzten Editionen keinerlei Hinweis auf den im Herbst vergangenen Jahres verstorbenen Botschafter a. D. Franz Krapf finden konnte. Recherchen im Außenamt ergaben, dass man diesen offenbar postum zur Persona non grata erklärt hat. Begründung: Krapf sei vor seiner Botschaftertätigkeit für die Bundesrepublik Deutschland in Japan und Brüssel bereits den Nazis allzu beflissen zu Diensten gewesen.
Seither ist die Empörung unter den Ruheständlern groß. Binnen wenigen Tagen organisierten Schneppen und der Bonner Diplomat a. D. Ernst Friedrich Jung einen Aufstand, wie ihn noch kein bundesdeutscher Außenminister vor Joschka Fischer erlebt hat - und zu dem er sich auf Drängen von Union und FDP an diesem Mittwoch im zuständigen Ausschuss des Bundestags wird erklären müssen.
Es geht, so heißt es in der Tagesordnung, um die "Gedenkpraxis des Auswärtigen Amtes". Aus Protest gegen die "unanständige" (Schneppen) Behandlung ihres Weggefährten hatten mehr als 100 ehemalige Spitzendiplomaten vergangenen Mittwoch auf eigene Kosten eine viertelseitige "In memoriam"-Anzeige zu Ehren Krapfs in die "Frankfurter Allgemeine" gesetzt. Hans-Georg Wieck, einst Chef des Bundesnachrichtendienstes, zählte ebenso zu den Unterzeichnern wie der frühere Staatssekretär Jürgen Sudhoff oder Botschafter a. D. Erwin Wickert, Vater des "Tagesthemen"-Moderators Ulrich Wickert und selbst einstiges NSDAP-Mitglied.
Die Veteranen eint die Sorge, der Umgang mit Krapf könnte Schule machen. Hatte das Außenamt jahrzehntelang großzügig über Verstrickungen seiner Mitarbeiter im Hitler-Regime hinweggesehen, fürchten sie nun, Minister Fischer werde etwas genauer in alten Personalakten nachschauen, bevor ein ehrender Nachruf in Satz geht. Fündig würde er mit Sicherheit. Schon Kanzler Konrad Adenauer störte sich beim Wiederaufbau des Auswärtigen Amtes daran, dass unter den leitenden Beamten "etwa 66 Prozent frühere Parteigenossen" gewesen seien. Er sei nicht glücklich über diese NSDAP-Seilschaft, bekundete der Christdemokrat, aber leider, man schütte nun einmal "kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat".
Fischer indes scheint entschlossen, Zeichen zu setzen. Sein Erweckungserlebnis war ein Mitte 2003 publizierter Nachruf auf den Generalkonsul a. D. Franz Nüßlein. Eine Leserin hatte den Außenminister damals informiert, dass der Ex-Diplomat nach dem Krieg keinesfalls nur einige Jahre "interniert" worden war, wie die Mitarbeiterpostille taktvoll formulierte.
Vielmehr war Nüßlein, ehemaliger Günstling des stellvertretenden Reichsprotektors für Böhmen und Mähren, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, von den Amerikanern an die Tschechoslowakei ausgeliefert worden, wo er als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren schwerem Kerker verurteilt wurde. Heydrich hatte den Juristen für seine "entschlossene Bekämpfung der Rechtsbrecher und Staatsfeinde" gelobt und gefördert, bereits mit 32 Jahren wurde Nüßlein Oberstaatsanwalt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung und Abschiebung in die Bundesrepublik machte Nüßlein rasch Karriere im Außenamt - ein Vorgang, der nun auch Fischer empörte.
"Die Todesanzeige hätte so nicht erscheinen dürfen", zürnte der Minister und versprach, "die Verantwortung für die Geschichte dieses Ministeriums und seiner Mitarbeiter noch wachsamer und sensibler wahrzunehmen".
Dies galt es nun im Fall Krapf zu beherzigen - hatte sich dieser doch nicht nur "aus Liebe zum Pferdesport" kurzzeitig Hitlers Reiter-SS angeschlossen, wie "Bild" vorigen Freitag behauptete. So konnte der Osnabrücker Historiker Hans-Jürgen Döscher in seinem Standardwerk "Verschworene Gesellschaft" bereits vor zehn Jahren belegen, dass sich Krapf in Ribbentrops Auswärtigem Amt mit dem Titel eines SS-Untersturmführers schmückte und zudem als ehrenamtlicher Mitarbeiter des berüchtigten Reichssicherheitshauptamts "laufend herangezogen" wurde.
Doch so genau möchten es die einstigen Diplomaten nicht wissen. Spätestens Ende April, wenn sich das Corps der Ehemaligen in Berlin einfindet, wollen sie Minister Fischer zur Rede stellen.
ALEXANDER NEUBACHER
* Mit Außenminister Willy Brandt 1968 in Bonn.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 7/2005
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