14.02.2005

TSUNAMIDer Amoklauf des Meeres

Erdbebenforscher und Ozeanografen haben das Geheimnis des Weihnachtsbebens entschlüsselt, sie warnen vor neuen Tsunamis und fordern besseren Küstenschutz. Je mehr man über die Dramaturgie der Naturkräfte weiß, desto besser kann sich die Menschheit schützen - eine Rekonstruktion der Stunden, die die Welt veränderten.
Am zweiten Tag der Erdbebenkonferenz im japanischen Kobe, vier Wochen nach dem Weihnachtsbeben, wurde auf einer Großleinwand noch einmal der Videofilm eines deutschen Touristen gezeigt. Es waren Bilder vom Strand in Thailand, Bilder vom Horizont, an dem das Wasser sich aufbaute. Fasziniert filmte der Urlauber diese unfassbare Welle, bis es für ihn selbst beinahe zu spät war.
Die meisten im Konferenzsaal hatten die Bilder oft gesehen, aber wie gebannt starrten die Forscher wieder hin. Lange braucht der Mensch, selbst wenn er nur Zuschauer ist, um Katastrophen solchen Ausmaßes zu verarbeiten. Und das Ausmaß hier ist gewaltig: Sechs Wochen nach dem Erdbeben ist die geschätzte Zahl der Toten auf 313 000 gestiegen, 143 000 von ihnen werden noch vermisst, darunter 558 Deutsche. Die Naturkatastrophe hat Menschen in aller Welt aufgerüttelt, sie hat Muslime, Christen, Hindus, Buddhisten berührt. Weil sich rund um das Epizentrum die Kulturen und Religionen der Welt mischen wie sonst nirgendwo, weil der Indische Ozean mit seinen Stränden die Fluchtwelt ist für Touristen aller Kontinente, wurde aus dem Seebeben schnell ein Weltbeben. Ein Ereignis, das das Verhältnis der Menschen zum Mitmenschen und zu Gott, vor allem aber zur Natur vor neue Fragen stellt.
Warum gab es in den oft von Beben erschütterten Regionen kein Warnsystem? Warum durften die Strände von Sri Lanka und Thailand an vielen Stellen bebaut werden? Warum konnte eine Insel wie Phi Phi mit Hotels so voll gestellt werden, dass sie zur Falle wurde für mehr als 2500 Menschen? "Es war nicht die Welle, die die Menschen getötet hat - es war deren Unwissenheit", sagte in Kobe ein Schweizer Geologe.
Was die Forscher über die Vorgänge im Sundagraben vor Sumatra und im Indischen Ozean wissen, haben SPIEGEL-Reporter zusammengetragen. Sie haben in den Wochen danach mit über 400 Menschen gesprochen, die den 26. Dezember unterschiedlich und doch gleich erlebt haben: als einen Moment, in dem sich entschied, ob sie weiterleben durften.
Entstanden ist so die erste umfassende Rekonstruktion jener Katastrophe, die die Welt erschütterte wie kaum eine andere.

Indonesien, Banda Aceh, 26. Dezember 2004, 7.00 Uhr Sumatra-Zeit

Glatt liegt der Ozean um Sumatra, die Sonne steigt seit 6.46 Uhr, der Wind weht schwach von Süden her, dieser Sonntag wird keinen Sturm bringen. Sofyan Anzib, Kutterkapitän seit 35 Jahren, hantiert an Bord seiner "Bintang Purnama", es ist noch kühl, 22 Grad Celsius, er trägt eine dunkle Mütze aus Wolle. In seinem Bart steckt eine Nelkenzigarette, eine Kretek Dji Sam Soe. Der starke, süße Tabak ist sein Frühstück. Sofyan nimmt tiefe Züge, er treibt seine Leute an, er hat einen Plan.
Sie werden ausfahren, eine knappe Woche lang, wie immer, aber fürs Erste werden sie Kurs nehmen Richtung Westsüdwest, und zwischen den nahen Inseln Penasi und Keureuse, wo sich das warme Wasser der Krueng-Aceh-Mündung mit dem kalten Wasser der freien See trifft, werden sie zuerst ihr Glück versuchen. Es ist ein guter Plan. Sofyan ist ein guter, anerkannter Kapitän. Er ahnt, was Fische tun.
Er kann in den Farben des Wassers lesen wie in einem Buch, er schließt aus den Wirbeln der Strömungen, wo seine Beute steht, wo die Goldmakrelen ziehen, die Fregattmakrele, der Gelbflossenthunfisch. Seine Eltern waren Fischer, deren Eltern waren Fischer und alle Eltern und Ureltern zuvor, solange man denken kann.
Das Meer, sagt Sofyan Anzib - 52 Jahre alt, ein dürrer, dunkler Mann, Haare wie Stahlwolle -, es ist Familie. Er fühlt sich ruhig draußen, sicherer als an Land, obwohl er die Launen des Ozeans kennt, seine schäumende Wucht, seine brüllende Gewalt. Er liebt, trotzdem, das große Wasser.
20 Mann Besatzung hat die "Bintang Purnama", rote Reling, schwarzer Bauch, ein schönes Schiff aus Tropenholz, 20 Meter lang; sie liegt am Ufer des Krueng-Aceh-Flusses auf der Höhe von Lampulo, dem Fischerviertel von Banda. Von hier sind es, auf einer S-Schleife, zwei Kilometer bis zur Mündung ins Meer. "Bintang Purnama" heißt so viel wie "Schicksal eines Vollmondtages". Nach dem Mondkalender ist der 26. Dezember der 14. des Monats. Der 15. gilt den Fischern als "der Tag des höchsten Wassers".
Ringsum machen viele Boote klar zum Auslaufen. Die "Colombia", die "Alaska", die "Zamrut". Ihre Kapitäne grüßen sich mit kleinen Gesten, sie alle sind um Ecken miteinander verwandt. Von Sofyans elf Brüdern sind acht Fischer wie er.
Am Kai von Lampulo drängen sich die Händler schon seit den Nachtstunden. Sonntag ist der große Markttag in Banda Aceh, auf Holztischen türmen sich Papayas und Lychees, Chilis, Kokosnüsse, dazwischen Bretter, beladen mit Hühnern, Ziegenhälften, Rindfleisch, die Stadt ist voller Menschen. Hausfrauen, Händler, Kinder.
Um 7.15 Uhr lässt Sofyan die Dieselmaschinen anwerfen. Seine Leute stoßen das Schiff mit nackten Füßen frei, sie schießen die Taue auf, sie sortieren ihr Gerät, das große Treibnetz, die Schwimmer, den Netzbeutel, Styroporkisten, Körbe, die Köder. Am Ufer schiebt sich, zum letzten Mal, langsam, Banda Aceh an ihnen vorbei.
Zu ihrer Linken die dicht bebauten Viertel Gampong Pande und Gampong Jawa, zu ihrer Rechten Lampulo, ihre Heimat, hinter ihnen Lamdingin, Peunayong. Häuser und Hütten, Geschäfte, Garagen, Markthallen. Teppichläden, Theater, Passämter. Holzwerkstätten, Reisebüros, Koranschulen. Kinos, Fahrradhändler, Friseursalons. Banda Aceh, 400 000 Menschen.
Die Dämmerung weicht ganz dem Tag. Die "Bintang Purnama" läuft aus. Breiter wird die Wasserstraße unter dem Kiel, Sofyans Schiff erreicht die Küste, wo der Krueng-Aceh-Fluss braun ins weite Grün der Malakka-Straße geht. Der Kapitän zieht die Maschine hoch, fünf Knoten Fahrt, Westsüdwest. Sie sind auf See, sie nehmen Kurs auf den Sundagraben. Es ist Sonntag, der 26. Dezember. Ein normaler Tag, noch mehr als eine halbe Stunde lang.

Indischer Ozean, über dem Sundagraben, 7.20 Uhr

3000 Beben registrieren Forscher jeden Tag, irgendwo auf dem Planeten, im Schnitt alle 30 Sekunden. Im Sundagraben vor Sumatra rumst es alle paar Tage, meist sind es kleinere Beben der Stärke drei bis vier. Es bildet sich ständig Ozeanboden neu, weil ein paar tausend Kilometer entfernt, im mittelozeanischen Rücken, aufsteigende Glutströme aus dem Erdinnern den Meeresboden auseinander drücken. Aber da die Erde eine Kugel mit fester Kruste ist, lässt sich ihre Oberfläche nicht beliebig vergrößern. Wo neuer Grund entsteht, muss an anderer Stelle auch Meeresboden vernichtet werden. Das ist die Lage im Sundagraben vor Sumatra.
Die Indische Erdplatte wird unter die ältere, leichtere Eurasische Platte gedrückt und sinkt zurück ins Erdinnere, wo sie mit zunehmender Tiefe eingeschmolzen wird - eine Art von Recycling, bei der der ganze Ozean abtaucht, sechs Zentimeter im Jahr; das ist etwa doppelt so schnell, wie Fingernägel wachsen.
Aber das Abtauchen verläuft nicht reibungslos. Die Indische Platte, sie reicht vom Himalaja bis zur südlichsten Malediven-Insel, bewegt sich schräg auf die Eurasische Platte zu, auf der der Nordatlantik, ganz Europa und große Teile Asiens liegen. Sie treffen sich in einem Winkel von ungefähr 60 Grad, und diese schräge Bewegung verteilt sich an der Plattengrenze auf gleich zwei Bruchzonen: zum einen auf die sogenannte Große Sumatrastörung und zum anderen auf den Sundagraben. Das ist die Stelle, an der die Indische unter die Eurasische Platte taucht und dabei einen Tiefseegraben formt.
Es ist ein kompliziertes Mosaik aus Platten und Plattensplittern. Tatsächlich säumen zusätzlich zu den beiden großen Hauptplatten eine Reihe von kleineren Platten den Sundagraben, die sich ebenfalls gegeneinander bewegen, aneinander vorbeigleiten oder frontal zusammenstoßen, niemals gleichmäßig oder stetig.
Kommt es zu größeren Verhakungen, dann stoppt die Bewegung in der betroffenen Region. Das Gewicht des überlagernden Gesteins presst die beiden Platten gegeneinander, die Reibung hält sie zusammen. Das Verhaken kann Jahrzehnte, mitunter sogar einige Jahrhunderte dauern, während sich die Platte an anderer Stelle bereits um einige Meter weiterbewegt. Irgendwann hält das Gestein die riesige Belastung nicht mehr aus und reißt. Wann die Bruchspannung erreicht ist, hängt von zahlreichen Faktoren ab: der Gesteinsart beispielsweise oder der Dicke der Platte. Das ist das Dilemma der Erdbebenforscher: Sie können den Ort eines künftigen Bebens relativ exakt angeben - den Zeitpunkt allerdings treffen sie bestenfalls auf ein paar Jahrzehnte genau, mit einer Wahrscheinlichkeit, die bei 60 oder 70, aber nie bei 100 Prozent liegt.

Auf der "Bintang Purnama", Straße von Malakka, 7.58 Uhr

Sofyan Anzibs Fischerboot hat die Küste von Aceh gut drei Meilen, fünf Kilometer, hinter sich gelassen, die "Bintang Purnama", 20 Meter lang, 20 Mann Besatzung, schippert ruhig Richtung Westsüdwest. Im Norden ist die Insel We mit Sabang zu sehen, westlichste Stadt der 5000 Kilometer langen Inselkette namens Indonesien, aus Südwesten grüßen schon die bewaldeten Kuppen von Keureuse und Penasi.
Kapitän Sofyan hat die wenigen Geräte im Blick, die er sich leisten kann, die Brücke ist bestückt mit einem alten Echolot aus englischer Produktion, einem gebrauchten Plotter, mit dem sich Seekarten anzeigen lassen, daneben schimmert ein GPS-Navigator. Das Schiff fährt jetzt nahe der Kante, wo der Seegrund vor Sumatra von 80 auf unter 200 Meter wegsackt. Sie machen fünf Knoten.
Sofyan unterhält sich über Funk mit dem Kapitän der "Colombia", sie necken sich, der Kollege macht Witze über Frauen und Fische, auf Deck sucht Sofyans Mannschaft den Schatten. Sie sitzen dicht an dicht um das Steuerhaus und rauchen, Kretek, Nelkenzigaretten, süßer, starker Rauch.
Banda Aceh ist noch als dunkler Streifen zu ahnen, darüber heben sich die hohen Berge Sumatras. Aus den milchigen Wolkenbändern sind landeinwärts schon kleine Gewitter geworden, sie decken die Gipfel zu. Es ist 7.59 Uhr.
Durch das Meer, durch die Welt geht jetzt ein harter, schwerer Schlag. Und Sekunden später ein zweiter. Es ist, als liefe die "Bintang Purnama" in hoher Geschwindigkeit auf Grund, oder als hätte sie ein großes, treibendes Holz, ein Wrack gerammt, es geht ein Rütteln durch das Wasser, es tanzt in irren Strudeln, und das Schiff fühlt sich nicht wie auf hoher See an, sondern als würde es auf Steinen dahinrollen. Rumpeln. Poltern. Dann Stille.

Indonesien, Indischer Ozean westlich vor Sumatra, 7.59 Uhr

Der Schlag, der in dieser Minute den Meeresboden erschüttert, kommt ohne jedes Warnzeichen - es gibt keine Vorbeben, keine Mikrobrüche, nichts, was die Menschen auf eine Katastrophe vorbereitet hätte. In den geophysikalischen Messstationen zieht die Nadel an diesem Sonntagmorgen träge zitternd eine gerade Linie auf das Papier, das seismische Grundrauschen der Erde.
Bis um genau 7.58 Uhr und 53 Sekunden Ungeheuerliches geschieht: Vor der Küste Sumatras senkt sich auf einmal der Indische Ozean. In Sekundenbruchteilen sackt der Meeresboden einfach nach unten weg, um zwei Meter hier, um zehn Meter dort, auf einer Länge von etlichen Kilometern, während sich weiter entfernt der Grund mit vergleichbarer Wucht aufbäumt. Die Energie, die dieser Schlag freisetzt, bringt riesige Gesteinsplatten zum Bersten, und das Bersten riesiger Gesteinsplatten setzt Energie frei - Verhakungen und Verwerfungen zwischen zwei Krustenplatten, die sich in den vergangenen 200 Jahren aufgebaut haben, entladen sich jetzt in wenigen Augenblicken.
Der Ausgangspunkt für dieses Seebeben, das sogenannte Hypozentrum, befindet sich bei 3,307 Grad nördlicher Breite und 95,947 Grad östlicher Länge. Von hier sind es rund 255 Kilometer bis Banda Aceh in Indonesien, 700 Kilometer bis Khao Lak in Thailand, 2000 Kilometer bis Galle auf Sri Lanka, 2500 Kilometer bis zur Südspitze Indiens, 2700 Kilometer bis zu den Malediven, 6400 Kilometer bis nach Kenia an der afrikanischen Ostküste. Lässt man den Blick vom Epizentrum aus nach Westen schweifen, liegt dahinter der Golf von Bengalen in gefährlicher Nähe.
Die Katastrophe nimmt ihren Anfang, ohne dass die meisten Opfer auch nur eine Ahnung hätten von irgendeiner Gefahr. Aber von nun an entfalten sich die Geschichten dieses schwarzen 26. Dezember wie in einem Drama, Akt für Akt.

Thailand, Khao Lak, Hotel "Magic Lagoon", Swimmingpool, 7.59 Uhr

Keine Erschütterung ist zu spüren beim Schwimmen im Pool des "Magic Lagoon", 800 Kilometer entfernt, im thailändischen Badeort Khao Lak. Heidi und Jürgen Kosian ziehen ihre Runden, es gibt einen künstlichen Felsen mit Rutsche und Sandstrand, es gibt Brücken, Kanäle, das wird den Kindern gefallen, denkt Kosian, sie werden die Reise nicht bereuen.
Kosian, Unternehmensberater aus Hamburg, ist am Abend zuvor hier angekommen im "Magic Lagoon Resort and Spa", mit Heidi und drei Kindern, mit Nina, 16, dem 15-jährigen Phil und der 8-jährigen Michele. Die Kinder schlafen noch, es ist acht Uhr morgens, noch zweieinhalb Stunden, bis die Welle ihren Weg finden wird, zu den Eltern Kosian am Frühstückspavillon, zu Phil im Wellnesscenter, zu Nina und Michele in Zimmer 2130.

Thailand, Patong, "Sunset"-Hotel, 7.59 Uhr

Tom erwacht. Das Bett wackelt und rüttelt, als ob der Mann neben ihr sich hin- und herwerfen würde. Tom erschrickt, davor hat ihre Chefin sie gewarnt: Manchmal kriegen die weißen Freier nach dem Sex einen Herzinfarkt, vor allem die älteren, wenn sie zum Sex die kleinen, blauen Pillen schlucken. Und ein toter Freier bedeutet Polizei, Verhöre, Gefängnis. Bedeutet, dass man kein Geld schicken kann.
Tom setzt sich auf. Das Wackeln hat aufgehört. Der Mann neben ihr, dünn, weiß, liegt still - atmet er? Sie hört nichts. Ist er tot? Sie schüttelt ihn.
Hey, you, please! You - please!
Er regt sich. Starrt sie verwundert an. Aber offenbar fehlt ihm nichts.
What about breakfast?
Breakfast ist Frühstück, das Wort kennt sie. Sie nickt eifrig. Er ist nicht wütend, weil sie ihn geweckt hat, vielleicht gibt er ihr noch Geld. Der Tag, denkt Tom, die Hure aus Patong, der Tag fängt gut an.

Auf der "Bintang Purnama", Straße von Malakka, 7.59 Uhr

Sofyan Anzib, seit 35 Jahren Kapitän, steht auf der Brücke mit gesträubten Haaren. Was, um Gottes willen, war das? Die Instrumente spielen verrückt. Der GPS-Navigator zeigt wirre Positionen, der Plotter, das Echolot, der Funk stellen sich tot.
Die Mannschaft, 20 Mann Besatzung, steht still. Sofyan tauscht Blicke mit Agam Setiawar, seinem 20-jährigen Sohn, er ist sein Erster Offizier seit Jahren. Sie kennen die See. Alle drei, vier Jahre machen sie sich auf, um einmal rund um Indonesien alle Meere abzufischen, die Javasee, die Balisee, die Floressee, die Banda-, die Timor-, die Seramsee, alle drei, vier Jahre fahren sie ostwärts bis Papua, 4500 Kilometer weit und weiter, in den Pazifik hinein, das dauert Wochen, aber nie, auf allen Fahrten, nie hat die See so geschlagen, ohne Wind, ohne Sturm, ohne Blitz und Böen.
Jetzt, um 8.01 Uhr, durchdröhnt ein dritter Schlag das Meer. Wie der zweite begleitet von fernen, wühlenden Donnern. Dann wieder Stille. Die Männer schweigen, worüber sich nicht reden lässt. Ihr Boot treibt dahin in einem Geheimnis. Dass sie alle das Meer kennen, das heißt: Sie trauen ihm alles zu. Die Seeleute entkleiden sich, damit sie leicht bleiben im Fall eines Schiffbruchs. Sie wissen nicht, was als Nächstes kommt. Aber sie bereiten sich vor auf das Schlimmste. Sie kappen die Schwimmer vom Treibnetz und binden sie sich um die Schultern, den Hals, sie basteln sich Schwimmwesten, es ist nicht das erste Mal, die Arbeit geht ruhig vonstatten. Niemand zeigt seine Angst.

Thailand, Khao Lak, Strand des Hotels "Le Meridien", 8.02 Uhr

Chai, der kleine Butler, blickt auf die Präsidentenvilla des Hotels und horcht. Alles noch ruhig. Gut. Auch in den anderen sechs Luxusvillen sind die hellen Stoffrollos heruntergelassen, die Gäste schlafen sicher noch. Sein Dienst hat um 8.00 Uhr angefangen. Er setzt sich unter eine Palme. Denkt an die Bücher, die er in seiner Freizeit studiert, sie heißen "Heart of Service" oder "Service from Start", sie handeln von der Kunst des Dienens. Ein guter Butler ist unsichtbar und ahnt, was der Gast wünscht: Mangos, eine Zigarre, einen Elefanten-Ritt. Der Gast ist das Kind, der Butler ist der Vater. Der Vater muss das Kind schützen. Egal, was passiert.

Indien, Holy-Cross-Kirche in Keezha-Manakudi, 6.32 Uhr Ortszeit, 8.02 Uhr Sumatra-Zeit

Am südlichsten Zipfel Indiens, dort, wo der Indische Ozean, der Golf von Bengalen und das Arabische Meer zusammenfließen, schaut Pfarrer Vimal Raj, 37 Jahre alt, in den Spiegel der Holy-Cross-Kirche und rasiert sein hübsches dunkles Jungsgesicht. Es ist Father Vimals großer Tag, das neuntägige Kirchenfest beginnt, gleich wird er die erste Messe lesen.
Er will streng sein heute, die Gemeinde soll wissen, dass es so nicht weitergeht, das Kartenspiel, das Gesaufe, das Kautabakgespucke vor der Kirche am Strand. Father Vimal schlüpft in den weiß gestärkten Talar, hängt sein Nokia-Handy um den Hals. Auf geht's, sagt er sich.
20 Meter neben der Kirche schwappen träge die Wellen an Land. Die Welt, denkt Vimal, hat mehr zu bieten als dieses Kaff. Rom wartet und der Vatikan. Noch zwei Stunden und 20 Minuten bis zur Frage: "Warum hat Gott das zugelassen?"

Sri Lanka, Colombo, 7.02 Uhr Ortszeit, 8.02 Uhr Sumatra-Zeit

In Colombos Hauptbahnhof Fort Station verliert Karunathilake Wanigaratne für einen Moment die Orientierung. Am Gleis fünf drängen sich mehr als 1000 Menschen auf dem Bahnsteig, vielleicht sind es 2000, und versuchen, in den soeben eingefahrenen Zug zu steigen. Sie schieben, Babys schreien, Frauen greifen die Hände ihrer Männer und versuchen verzweifelt, sich nicht loszulassen. Die Menschenmasse schwappt wie eine Welle gegen den Zug.
Wanigaratne, 49, ist an diesem Morgen als Head Guard für den Zug Nummer 50 verantwortlich. Es ist der Tag von Poya, dem heiligen Vollmondfest, und die meisten Passagiere sind auf dem Weg nach Hause zu ihren Familien. Bis nach Matara an die Südspitze Sri Lankas soll der Zug der Westküste folgen, oft direkt am Strand entlang, in diesem Zug, der den Namen "Samudradevi" trägt: Königin des Meeres.
Die Königin wird nie ankommen in Matara, das Meer wird sich ihre Passagiere holen, in zwei Stunden und 42 Minuten.

Malediven, Vilufushi, 6.02 Uhr Ortszeit, 8.02 Uhr Sumatra-Zeit

Als 2700 Kilometer entfernt die See bebt, ist die Fischersfrau Fatima Ibrahim dabei, den Curry fürs Frühstück zu bereiten, dann wird sie die Teller spülen, am Strand. Das Meer ist nur 30 Meter entfernt. Fatima Ibrahim ist 1,52 Meter groß. Vilufushi, die Koralleninsel, auf der sie geboren ist, am äußersten Ostrand der Malediven gelegen, misst an ihrem höchsten Punkt zwei Fuß, das sind etwa 68 Zentimeter.
Ihre beiden Kinder sind noch klein, die Jüngste, Muneef, ist gerade drei Jahre alt geworden und vielleicht einen Meter groß. Genau wird sich das nicht mehr feststellen lassen. Denn das Wasser, das Vilufushi in nur zwei Stunden erreichen wird, steigt anderthalb Meter hoch.

Somalia, Hafun, 4.02 Uhr Ortszeit, 8.02 Uhr Sumatra-Zeit

Die gut 4000 Bewohner der Halbinsel Hafun schlafen, als irgendwo vor Sumatra der Boden zittert. Am Abend haben einige von ihnen mit Scheich Said Awale Mohammed noch über diese Muschel diskutiert, die einer von Ali Fishs Söhnen am Strand gefunden hat. Nichts, das auf der Welt passiert, kann Zufall sein. Alles, was geschieht, auch hier in diesem kleinen Fischerdorf, ist von Allah gewollt. Alles ist Zeichen, und der Job eines guten Imam ist es, die Zeichen zu deuten.
Auf den ersten Blick ist gar nichts Besonderes an der Muschel. Hält man sie aber gegen die Sonne, dann ordnet sich das, was zuerst wie ein Haufen Kratzer aussieht, zu einer arabischen Inschrift, leuchtend: Allah ist gnädig. Es steht da, kein Zweifel möglich, und es sitzt so tief im Kalk, dass es kein Mensch geritzt haben kann.
Ali Fishs Sohn hatte gelacht, als er dem Scheich die Muschel zeigte, auch Ali Fish hatte gelacht. Alle freuten sich über die Muschel, über das Zeichen Allahs. Nur der Scheich hatte nicht gelacht. Die Muschel beunruhigt ihn: Bedeutet sie Gutes oder Böses? Ist sie ein Wunder oder ein Fluch? Noch sieben Stunden bis zur Frage: "Wofür hat Allah uns gestraft?"

Indischer Ozean, am Epizentrum, 8.02 Uhr

Wo die Erde bebt, ist das Meer rund tausend Meter tief; das Hypozentrum liegt deutlich tiefer, etwa 30 Kilometer tief. Das ist nicht viel für ein Beben. Es ist ein bedrohlich flacher Erdbebenherd.
Bedrohlich, weil es bei einem Erdbeben nicht nur Kompressionswellen gibt, die das Gestein stauchen und wieder auseinander ziehen; viel verheerender sind die Oberflächenwellen, die zum Beispiel Häuser zum Einsturz bringen, indem sie sie verscheren - einen rechteckigen Grundriss verzerren sie zum Parallelogramm. Oberflächenwellen mit großer Amplitude gibt es aber nur bei Beben in geringer Tiefe. Außerdem ist bei einem Beben so knapp unter der Oberfläche zu wenig Gestein da, das den seismischen Schock dämpfen könnte. Der Ruck im Innern der Erde schlägt fast ungebremst durch an ihre Oberfläche.
Über dem Hypozentrum, westlich vor der Nordspitze Sumatras, liegt Simeulue, eine kleine Insel, die bis zu diesem Morgen vor allem als Geheimtipp für Surfer gilt. Das ändert sich jetzt: Der Name der Insel brennt sich nun auch Nichtsurfern ein, auf der ganzen Welt - als jener Ort, der das Epizentrum einer Jahrhundertkatastrophe bezeichnet.
Denn der Bruch unter dem Grund des Meeres, rund 30 Kilometer unter den Korallengärten und Badebuchten von Simeulue, ist nur der Anfang von etwas Größerem: Weil sich die aufgestaute Spannung im Gestein an diesem einen Punkt löst, verändert sich mit einem Schlag auch die Spannung im übrigen Plattenbereich.
Der Meeresboden vor Sumatra reißt auf wie ein Reißverschluss, und mit einer Geschwindigkeit von zwei Kilometer pro Sekunde rast der Bruch nach Norden, über 7000 Stundenkilometer schnell, das ist gut dreimal so schnell, wie ein "Tornado"-Jagdbomber fliegen kann. Auf einer Fläche von etwa 100 mal 400 Kilometern ruckt der Boden seitwärts, Richtung Nordwesten.
Die ersten Stoßwellen des Bebens rasen durch die Erdkruste und das Meer, vom Hypozentrum bis zur Oberfläche in weniger als fünf Sekunden. P-Wellen heißen diese Boten der Erschütterung, von "Primae Undae", lateinisch für "Erste Welle". Sie stauchen den Stein unten in der Erde und ziehen ihn blitzschnell wieder auseinander, sie jagen durch die Wassermoleküle, sie können sogar die Luft in Schwingung versetzen und einen Ton erzeugen, angeblich. Tiere hören das, sagt man.
U-Boote haben unter Wasser schon das Donnern, Knallen und Bersten eines Erdbebens aufgezeichnet. Das hat nichts mit den Schockstößen der Erde zu tun, das sind echte Schallwellen, der wahre Klang der aufreißenden Erde. Weil Schall sich im Wasser sehr gut ausbreitet, sogar schneller als in der Luft, kann man ein Seebeben weithin hören. Es ist unheimlich, muss aber nicht gefährlich sein.
Im Sundagraben ist es gefährlich: Die Indische Platte wuchtet ruckartig um bis zu 15 Meter nach vorn, wölbt sich auf einer Länge von zunächst 200 bis 400 Kilometern und bricht. Innerhalb von Sekundenbruchteilen werden Millionen Tonnen Gestein gegeneinander verschoben: Spalten klaffen auf, Schlammlawinen gehen ab, ganze Segmente der nun von der Spannung befreiten Platte brechen und ziehen weitere Erdrutsche nach sich.
Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Stärke eines Erdbebens und der Geburt eines Tsunami. Man kann nur sagen, dass ab Stärke 6,5 bis 7 die Gefahr für eine Riesenwelle steigt. Viel präziser sind die Warnungen nicht.

Auf der "Bintang Purnama", Straße von Malakka, 8.08 Uhr

Zehn Minuten nach dem ersten Donnern senkt sich mit einem Mal die See. Sofyan Anzib fühlt das Wasser fürchterlich weichen unter seinem Schiff. Der Meeresspiegel sinkt um 10 Meter, um 15, aber nicht wie in einem kurzen Wellental, nicht wie im hektischen Auf und Ab eines Sturms, sondern ruhig, auf großer Fläche sackt das Wasser weg, als zöge es sich von der Küste zurück, so, als wäre, irgendwo im Ozean, ein Loch geschlagen und alles Wasser flösse hinein.
Aber das Wasser kommt zurück. Sofyan Anzib traut seinen Augen nicht, aber dann begreift er es, dann sieht er mit tiefem, existentiellem Schrecken, wie sich ein Buckel aufbäumt am südwestlichen Horizont, er sieht den Rücken einer monströsen Welle, ohne Gischt, ohne Brandung, nur eine riesige Blase aus Wasser, einen wandernden Berg, der zurast auf ihn, auf die "Bintang Purnama", und Sofyan weiß, es geht jetzt um alles oder nichts. Es geht um den größten Kampf seines Lebens. Es geht darum, ihn anzunehmen oder zu sterben.
Er brüllt mit der lautesten Stimme, die ihm je entfuhr, Julkifli, seinem Maschinenführer, zu, alles aus den Motoren zu holen, was in ihnen steckt. Er jagt sein Fischerboot, eine Nussschale nur, auf die höchstmögliche Geschwindigkeit, acht, neun Knoten jetzt, und er dreht das Schiff frontal in die anrollende Welle hinein. Alles oder nichts.

Indischer Ozean, am Epizentrum, 8.10 Uhr

Damit aus einem Erdbeben ein Tsunami wird und aus einem Tsunami eine Katastrophe, müssen viele Faktoren zusammenkommen. Man braucht ein Gebiet, in dem große Krustenplatten aneinander stoßen. Aber es muss eine besondere Form des Aufeinandertreffens sein: in einer sogenannten Subduktionszone - also dort, wo eine Platte sich unter die andere schiebt.
Die Wucht eines Tsunami ist zudem umso größer, je länger der Bruch ist. Tiefes Wasser gehört dazu und eine Menge freier Ozean, damit die Wellen sich ausbreiten können; ist der Weg zu Buchten und Stränden noch dazu unverstellt durch Sandbänke oder Riffe, die den Tsunami bremsen und abschwächen könnten, dann ist die Katastrophe vollkommen.
So gesehen findet der Tsunami an diesem Sonntagmorgen ideale Bedingungen.
Es wäre leichter, wenn eine teuflische Macht die Welle losgetreten hätte, wenn etwas Böses sie steuern würde. Es wäre einfacher, wenn man jemandem die Schuld zuweisen könnte.
Aber es liegt nichts Böses in dieser Welle. Sie folgt den Gesetzen der Physik, präzise und unausweichlich.

Auf der "Bintang Purnama", Straße von Malakka, 8.14 Uhr

Der Berg aus Wasser reißt die "Bintang Purnama" binnen Sekunden in die Höhe, das Schiff wird dabei in die See gestaucht bis knapp unter die Reling, aufwärts geht die Fahrt, und der Rumpf hält stand, aber oben angekommen, sieht Sofyan Anzib einen zweiten Buckel und dahinter, darüber einen dritten, gestaffelt wie in einem Gebirge wälzen sich die Wellen heran, gigantische Wasserblasen, schwarz, in jagender Geschwindigkeit.
Sofyan hält auf sie zu, einmal und noch einmal, das Schiff steigt wie eine Treppe hinauf, hochgetrieben von den Wasserwalzen, die ganzen drei Wellen hoch steigt die "Bintang Purnama", alles in allem 50 Meter, schätzt Sofyan Anzib, das heißt, sein Schiff schwimmt jetzt irgendwo 35 Meter über Normal null, in einem Naturschauspiel ohne Vergleich.
Als sie schwimmen, ganz oben, als sie gerettet scheinen für den Moment, herrscht keine Freude an Bord. Schockstarr verharren die Männer auf Deck. Ihre Blicke gehen nach Nordosten, zu dem schmalen Streifen Land. Sie gehen nach Banda Aceh.

Indonesien, Banda Aceh, Ulee Lheule, 8.15 Uhr

Die Bewohner von Banda Aceh, 255 Kilometer vom Epizentrum entfernt, haben die Erschütterung des Bodens deutlich zu spüren bekommen. Möbel sind verschoben oder umgestürzt, Gebäude zerstört oder rissig, auch an massiveren Bauwerken gibt es leichtere Schäden. Auf der Mercalli-Skala, die nicht Erschütterungen, sondern die entstandenen Schäden misst, erreicht das Beben die Stärke 8. Das ist ein ausgewachsenes Erdbeben und dennoch in einer erdbebengeplagten Gegend wie Sumatra weit von einer Katastrophe entfernt.
Swarni Muhammed Juned, die alle nur Uning rufen, ärgert sich über die Erde und das Beben, mehr nicht. Dies sind die schönsten Tage ihres Lebens, und es müsste viel passieren, sie zu verderben. Ein Erdbeben, na gut, aber was könnte wichtiger sein als ihr Hochzeitsfest, was könnte ihren Zug ins Eheleben aufhalten?
Morgen, Montag, wird das Fest sein. Morgen, Montag, werden um ihr Elternhaus in Ulee Lheule, in Bandas Viertel ganz vorn am Meer, 200 Meter zum Strand, 600 Gäste Hochzeit feiern.
Uning ist eine schöne Braut. Sie trägt, seit Donnerstag, seit der Heiratszeremonie in der Moschee, Gewänder aus bestickter Seide und die Haare mit Blumen verflochten und schön gesteckt. Nach altem Brauch sind ihre Hände, ihre Unterarme, ihre Füße und die Unterschenkel rotbraun mit dem Saft von Kurkuma-Blättern bemalt, auf ihrer Haut mäandern die Muster wie von Blüten, Gräsern und Lianen, das ist der Brautschmuck von Aceh.
Uning ist 40, eine zarte Frau mit hohen Wangenknochen und zierlichen Händen. Lange hat sie warten müssen auf den Richtigen, sie fand den Mann fürs Leben nicht in Banda Aceh. Doch dann, ein Jahr ist das her, sagten Freunde, sie hätten ihn für sie gefunden. Sie sagten: Uning, in Medan lebt ein Mann, der dir gefallen könnte. Er ist ernst und ehrlich wie du. Er ist gut und sucht eine Frau.
Uning fuhr hin, vor einem Jahr, sie wollte diesen Sumarno sehen, 40 Jahre alt wie sie selbst. Dass er ernst und ehrlich war, das sah auch sie auf einen Blick. Und was nur eine kurze, erste Begegnung sein sollte, wuchs sich aus zu drei Monaten in Medan. So lange blieb Uning unten an der Ostküste. Und die Familie daheim, sie ahnte froh, was als Nächstes kommen würde.
Sumarno kam herauf nach Banda Aceh. Und er hielt an um ihre Hand beim Vater, wie es sich gehört. Er brachte Geschenke, Gewürze, Stoff, er brachte den Sarong, den reichgemusterten Wickelrock, das Zeichen des Antrags, ein Dreivierteljahr ist das her. Nun sitzt Uning im Haus der Eltern, als Braut geschmückt, vor Allah mit einem Mann vereinigt seit vier Tagen.
Morgen, Montag, wird das Fest sein, es wird Curry-Rind geben und scharfes Huhn nach Aceh-Art, und es wird Eintöpfe geben von allen Gemüsen und Früchten, die Felder und Dschungel hergeben. Sie haben der Familie des besten Kochs in Ulee Lheule die Ehre angetragen, das Festmahl zu bereiten.
Es sind, denkt Uning, nur noch Stunden, bis die Feier beginnt. Aber in Wahrheit sind es nur noch Sekunden, bis alle ihre Träume zerbrechen.
Der Tsunami erreicht die Küste. Uning ist, ahnungslos, nur noch 200 Meter vom schwarzen Wasser getrennt. Wie ein Hobel greift die Welle in die vordersten Gebäude von Banda Aceh und treibt alles - Häuser, Autos, Boote, Hotels, Brücken - aufsplitternd vor sich her, eine flüssige Wand, kilometerbreit, glatt 30 Meter hoch bei der Ankunft, eine Hochflut mit der Wirkung einer Bombe. Sie rasiert die Halbinsel Pelabuhan Lama Ulee Lheule, die wie ein Damm vor Banda Aceh liegt, sie frisst sich hinein in die Stadt, und in diesem Chaos schwimmt bereits, stirbt bereits Sumarno, der Bräutigam.
Und es schwimmen und sterben schon 60 seiner Verwandten aus Medan, es schwimmen und sterben von Unings fünf Brüdern vier, und von ihren vier Schwestern eine, und es ertrinken Hunderte Menschen, die Gäste sein wollten beim Hochzeitsfest tags darauf. Und jetzt hört Uning, was sie vorher nicht hören wollte. Etwas Furchtbares hört sie, ganz nah.

Banda Aceh, Universität Syiah Kuala, 8.15 Uhr

Die Stimmung ist heiter im Hauptgebäude auf dem Campus über Banda Aceh, trotz des Erdbebens, Syamsul Rizal, Meereskundler mit einem Doktortitel aus Hamburg, ist wie alle hier beruhigt über den doch glimpflichen Ausgang des Bebens.
Er ist erst seit zwei Minuten zurück. Eigentlich war er mit seiner Frau Irwani und Mohammad Furqani, seinem Jüngsten, hier oben. Aber nach den schweren Erdstößen sind sie doch schnell hinuntergefahren ins nahe gelegene Lingke-Viertel zu ihrem Haus, um nach dem Rechten zu sehen, es sind mit dem Auto nur sieben Minuten dorthin.
Sie fanden nichts weiter. Nur der Wasserbottich im Keller, im Bad, war vom Schütteln des Bodens übergelaufen, und Irwani, seine Frau, sagte: "Komm, Syamsul, fahr du wieder zurück. Ich wische den Boden hier auf, wir sehen uns später."
Auch den Sohn ließ er unten, in der Fläche von Banda, die ganze Familie ließ er da, seine achtjährigen Zwillinge Sarah und Mohammad Ilham, die älteste Tochter Fitra, 15, die fast so gut Deutsch spricht wie er, weil sie die ersten Jahre in Hamburg aufwuchs und in der Charlottenburger Straße die Schule besucht hatte.
Während der Fahrten hin und her in Banda Aceh, während die Bruchstücke in der über 1200 Kilometer langen Erdbebenzone langsam zur Ruhe kommen, ist die Erde unmerklich weiterhin in Aufruhr, und seismische Stationen registrieren jetzt auf ihren Seismogrammen, dass sich Unerhörtes ereignet hat. Später werden sie wissen, es war ein Beben der Stärke 9,0 oder noch mehr, manche Forscher reden sogar von 9,3.
Die Primärwellen erreichen nach 5 Minuten und 35 Sekunden Katmandu in Nepal und nach 9 Minuten und 7 Sekunden Tokio, sie brauchen 10 Minuten bis Nairobi und 16 Minuten und 11 Sekunden bis Golden, Colorado. In Japan bebt der Grundwasserspiegel. In Deutschland hebt sich der Boden um ein bis zwei Zentimeter - ohne Schaden anzurichten. Auch in Banda Aceh ist noch alles heil.
Syamsul Rizal war fast sechs Jahre lang, von 1989 an, Stipendiat am Institut für Meereskunde, ein begabter Mann von damals 28 Jahren, 1993 promovierte er, und auch in den Jahren danach riss der Kontakt zu den Kollegen in Deutschland nie ab. Auch Irwani, seine Frau studierte in Hamburg, Angewandte Botanik, aber dann kamen die Kinder, und sie gab es auf.
Das Fachgebiet Rizals sind die Meeresströmungen, die Winde über dem Wasser, der Monsun. Seit Monaten schon, eigentlich seit einem Jahr, seit in Banda Aceh endlich ein eigenes Institut für Meereskunde gegründet wurde, mit ihm als dem einzigen Professor, studiert er die klimatischen Besonderheiten des Indischen Ozeans und ihre Folgen für Sumatra, für Aceh.
Dass nach dem Beben ein Tsunami kommen könnte, daran denkt Syamsul Rizal keine Sekunde. Natürlich, er ist Meeresforscher, er hat irgendwelche Artikel gelesen über die Killerwellen, aber er denkt nicht an sie, keine Sekunde, bis von der Tür her aufgeregte Menschen rufen: "Das Wasser! Das Wasser kommt!"

Banda Aceh, Ulee Lheule, 8.16 Uhr

Unings Hochzeitshaus wird erdrückt, nicht wie ein Kartenhaus, sondern wie eine überreife Frucht, es zerfällt in Stücke, und die Stücke werden zu kleineren Stücken zerrieben, denn was hier ankommt, 200 Meter vom Strand, sieht schon nicht mehr wie Wasser aus. Es sieht aus wie ein Brei, wie eine unter Wasser gesetzte Müllhalde. Was hier ankommt, sind Trümmer, die die See auf ihren ersten 200 Metern schlug, eine dunkle Kloake, in der Tiere strampeln, in der Menschenstücke schwimmen, Balkongeländer, Mopedräder, Bücher, Limonadenflaschen, Bettgestelle.
Uning wird erfasst, sie sieht, ehe sie untertaucht, ihre Mutter zum letzten Mal, dann wird sie gewirbelt durch den längsten Alptraum ihres Lebens. Einmal kommt sie hoch und atmet panisch, dann pflügt ein Strudel sie neuerlich unter. Zum zweiten Mal kommt sie hoch, in Todesangst schnappt sie nach Luft, dann geht es zurück unter Wasser. Ein drittes Mal taucht sie auf und wird doch wieder in den Brei zurückgetunkt. Ein viertes Mal sieht sie den Tag, aber es geht noch einmal hinab in dieses furchterregende Dunkel.
Sie ist längst nackt. Das Meer hat sie ausgezogen, hat die Blumen aus ihren Haaren gerissen, die Seide zerfetzt. Uning trägt, im Kampf mit dieser Macht, nur noch die Malereien, den Saft von Kurkuma-Blättern, rotbraun, an Armen und Beinen.

Banda Aceh, Universität Syiah Kuala, 8.16 Uhr

Syamsul Rizal, der Meereskundler, ist ein nüchterner Mann, rötliche Hornbrille, bescheiden, ist ein ruhiger Wissenschaftler der Natur. Er untersucht Phänomene und vergleicht sie. Er wägt alle Informationen ab. Er rennt nicht los, nur weil Menschen "Wasser!" rufen.
Aber die Informationen überstürzen sich jetzt. Was gerufen wird und wie es gerufen wird, treibt auch ihm die Panik in die Glieder. Es geht etwas Großes vor da draußen, etwas Unerhörtes.
Er stürzt zu seinem Auto, das ist ein Toyota, ein Dienstwagen der Universität, er verlässt den Campus, der friedlich daliegt, weil am Sonntag der Lehrbetrieb ruht, aber schon ein paar hundert Meter vor dem Tor ist aller Frieden dahin. Wasser. Wasser überall. Und vor dem Wasser fliehende Menschen, panische Massen, sie drängen heran, in Rizals Richtung, er wird geschluckt vom Ausnahmezustand.

Banda Aceh, Gampong Baro, 8.17 Uhr

In Gampong Baro, an einer Palme, die nicht entwurzelt wird, fast zwei Kilometer landeinwärts, wo ihre Reise begann, umkrallt Uning den Baumstamm und lässt ihn nicht mehr los. Es gelingt ihr, hustend, würgend, die zwei, drei Meter hinaufzuklettern, die in diesen Augenblicken entscheiden zwischen Leben und Tod. Um sie herum geht das Meer noch immer landeinwärts, sechs, sieben Kilometer über fast zwei Drittel von Banda Aceh hinweg, und in gegenläufigen Strudeln kehrt es zurück, aufschäumend, mahlend, tödlich. Was von der ankommenden Welle nicht zerhackt wurde, wird nun, im Rücklauf zermahlen.
Uning hängt an einer Palme. Sie wird so bleiben, starr, stundenlang. In der Luftröhre und der Lunge hat sie Teilchen von Wasser und Schlamm. Es wird später heißen, sie hätte Glück gehabt. Aber was sie wirklich spürt, ist ein Gefühl von Vernichtung. Sie fühlt sich, am Leben geblieben, wie tot.

Banda Aceh, Universität Syiah Kuala, 11.00 Uhr

Syamsul Rizal, der Meereskundler von Banda Aceh, wird vom Warten verrückt. Er musste den Versuch, im Toyota hinunterzufahren nach Lingke, um nach Frau und Kindern zu forschen, schon nach ein paar hundert Metern beenden. Jetzt findet er sich in der Menschenmenge, die sich um die Moschee auf dem Uni-Campus drängt. Um ihn herum hantieren alle mit Mobiltelefonen, es kreuzen sich gute Nachrichten mit schlimmen Ahnungen, es finden sich Familien am Telefon, und andere hoffen vergebens auf Antwort.
Rizal hat keine Meldung von seiner Familie. Er hat keine Ahnung, wo sie sich befindet. Drunten in der Ebene, im ganzen Ostteil von Banda, geht nichts mehr. Zwar ist das große Wasser, binnen einer Stunde, abgeflossen. Aber noch immer steht die Flut, gehalten von Flussarmen und Kanälen, Teichen und Kellern mindestens knietief in der Stadt.
Hier im Osten, wo das Wasser fast sechs Kilometer landeinwärts gestiegen ist, wo es zusätzlich noch die Wassermassen aus dem großen Banjir-Kanal von der Seite her in die Stadtviertel drückte, erinnert nicht mehr viel an Banda Aceh, wie es vorher war. Der Stadtplan, das Raster der Straßen ist wie wegradiert. Wo Wege waren, sind Schutthalden. Wo Häuser waren, liegen zertrümmerte Schiffe. Wo Menschen waren, finden sich Leichen, viele, Tausende.
Rizal kann nicht mehr länger warten. Er muss jetzt, wie auch immer, zu seinem Haus. Er verlässt den Campus zu Fuß. Er wird jetzt hinuntergehen. Er muss wissen, was die Flut ihm angetan hat.
Er bewegt sich bald durch lauwarmes, stinkendes Wasser, er orientiert sich am Denkmal für die aufständischen Studenten, die einst gegen Hollands Kolonialherren kämpften. Der Tugu Pena, der "Kugelschreiber", ist weithin zu sehen, ein Monument in blassen Farben, es steht nicht mehr in einer Stadt, sondern, wie ein Leuchtturm, am Meer.
Wo der Kugelschreiber ragt, nimmt die Straße Tengku Nyak Arief ihren Anfang, die breite Hauptachse durch Lingke, das war ein besseres Viertel. Hier ist Syamsul Rizal zu Haus, Tengku Nyak Arief No. 214.
Rizal, die Hosen schwarz verschmiert vom Unrat, schwarze Spritzer bis hoch auf die Schultern, zieht seine Beine durch das brackige Wasser, seine eigenen, gluckernden Geräusche begleiten ihn den ganzen langen Weg. Er kommt schlecht voran. Eine Stunde, zwei Stunden ist er unterwegs. Es ist nicht nur das Wasser. Es ist der Schrott, der Müll, der unsichtbar unter der Oberfläche liegt, der ihn stolpern lässt, straucheln, es ist das Treibgut, das sich in seinen Beinen verhakt. Rizal macht sich frei, immer wieder, er kämpft, er hat Angst, tiefe, entsetzliche Angst.
Er versucht, seine Blicke zu steuern. Er versucht, die schlimmsten Bilder zu meiden, die schlimmsten Bilder gehören zu toten Kindern und leblosen, schwangeren Frauen. Die Straßen sind gefüllt mit Leichen, Ertrunkenen, Erschlagenen, Tote ohne Zahl. Rizal will nicht und muss doch alle ansehen, denn wer weiß, wer weiß, wer da liegt, wer weiß, ob er nicht hier einen Körper findet, der zu ihm gehört.
Es sind noch 70, 80 Meter bis zu seinem Haus. Er sieht die Reihe der Gebäude, in der es steht. Er sieht vor allem, dass die Gebäude wirklich noch stehen, dass sie nicht, wie gegenüber die fußballfeldgroße Kaserne der mobilen Polizeibrigade, eingeebnet sind. Die Hoffnung beschleunigt seinen Gang. Er zieht die Beine schnell und schneller. Er erkennt schon die Schrift unten, am Geschäft seiner Frau, das geschwungene, deutsche Wort "Schön", weiß auf blau, so heißt die Boutique, der Laden für Mode und Accessoires, in den sie erst kürzlich investiert haben, um alles noch schöner zu machen, jetzt ist er da.
Und oben, mit schlagendem Herzen, sieht er im Fenster der Wohnung im ersten Stock seine Putzhilfe stehen, Husni Jati, und bei ihr, wirklich, ist Mohammad Ilham, der achtjährige Zwilling, Rizal möchte weinen vor Erleichterung. Das Haus steht. Husni ist da, Mohammad Ilham, vielleicht ist alles gut, vielleicht sind sie alle dort oben, alle gerettet, aber Husni macht ein entsetztes Gesicht, Rizal erschrickt. Und sie, dort oben, ruft, mit kippender Stimme: "Syamsul, ich bin hier oben allein mit Mohammad Ilham. Wir sind hier allein."
Wo die anderen sind, Irwani, Fitra, Sarah, Mohammad Furqani, niemand weiß es. Syamsul Rizal nimmt den Sohn in die Arme. Er drückt ihn, lange und fest, nichts Wertvolleres weit und breit. Dass auch der andere Sohn gerettet ist, sein Jüngster, weiß er nicht. Er wird es tags darauf erfahren. Von den anderen, von Frau und Töchtern, keine Spur.

Auf der "Bintang Purnama", Straße von Malakka, 12.00 Uhr

Sofyan Anzib ruft die anderen Boote. Er ruft die "Replesia", die "Colombia", die "Zamrut". Er ruft die "Ilah Daja", die Rakan Phon", die "Alaska". Er erhält keine Antwort. Er weiß nicht, um diese Mittagsstunde, dass das dreimal springende Meer sie alle zerschlagen hat; er hofft weiter, wider die Ahnung, dass alle tot sind.
Die "Bintang Purnama" kreuzt drei Meilen vor der Küste von Aceh. Sofyan zögert, das Schiff in den Hafen von Banda zurückzufahren. Niemand weiß, nach diesen Schlägen, ob noch weitere folgen werden, niemand weiß, was als Nächstes zu tun ist. Sofyan scheut jetzt das Risiko, erschöpft vom Mut, mit dem er sein Schiff und seine Mannschaft gerettet hat.
Als sie ganz oben schwammen, als die letzte Welle genommen war, als die akute Gefahr vorbei schien und sie alle sofort an Banda Aceh dachten, an ihre Brüder, ihre Schwestern, ihre Kinder und Frauen, rief er seine Männer zum Gebet wie ein Muezzin. Die ganze Crew kniete auf Deck, die nackten Männer machten die Gesten des Waschens, sie wischten über ihre Tränen und beteten lange Richtung Mekka. In ihren Köpfen und Herzen die Ahnung von der Gewalttat des Wassers an Land.
Das Meer ringsum liegt wieder gleichgültig da, als wäre nichts gewesen. Leichte Dünung, schwache Winde aus Süden, leichte Bewölkung, keinerlei Zeichen für Sturm. In Sofyan kreuzen sich die Gefühle. Er kauert an Deck und saugt an Zigaretten, er spürt Stolz darüber, dass er den größten Kampf seines Lebens erkannt und angenommen hat. Dass er bestand, vor sich selbst und vor dem Meer. Er mag sich nicht vorstellen, wie Banda Aceh aussieht nach allem. Er konzentriert seine Hoffnung auf die eigene Frau und die Kinder.
Sulastri war 13, als er sie heiratete, das ist 22 Jahre her, und mit 14 gebar sie Silfana, ihre erste Tochter. Mit 16 schenkte sie der Familie Agam Setiawar, den ältesten Sohn, Sofyans Ersten Offizier. Der Junge ähnelt der Mutter, Sofyan sieht ihn sitzen vorn auf Deck, er kann seine Augen nicht von ihm lassen in diesen Momenten, er schaut den Sohn an, als sähe er ihn zum ersten Mal, wie neugeboren.
Sofyan weiß, dass seine Frau mit Silfana und mit den Kleinen, Sarah Firnanda und Mohammad Quadafi, 15 und 13, am Morgen zum Markt gegangen ist. Sie wollte Kräuter verkaufen in der Halle an der Supratman-Brücke, fünf Minuten Fußweg vom Haus der Familie in Lampulo.
Sofyan liebt seine junge Frau, und er vertraut ihr. Er hat ein Gefühl hier draußen, auf See, dass sie noch lebt. Sie kennt das Meer. Sie traut ihm alles zu. Sofyan glaubt in diesen Minuten, dass sie lebt. Dass sie sich retten konnte. Und dass die Kinder gerettet sind.

Banda Aceh, Gampong Baro, 15.30 Uhr

Uning, die Braut, hängt nackt und verkrampft um den Stamm ihrer Palme, hustend, schwer schluckend, mit blutendem Knie und Wunden am Körper, der Durst brennt in ihr, unbewusst nur funktioniert sie, unbewusst will sich der Körper retten, obwohl ihr Geist längst aufgeben will.
Unter ihr ruft es, im Wasser dort steht ein Mann, der helfen will. Sie solle herabsteigen, ruft er. Aber Uning kann nicht. Sie kann nicht, oder sie will nicht, sie weiß es nicht, nichts weiß sie mehr. Ihr Platz auf der Palme kommt ihr sicher vor, die Welt ringsum ist bedrohlich.
Zwei weitere Stunden noch wird sie sitzen, hängen an ihrem Baum. Dann wird sie von Armen gegriffen und hingelegt in die Ruine eines Hauses.
Gerettet ist sie nicht. Sie wird dort, weil niemand sie findet, vier Tage liegen, fiebernd, durstig, wird den Mund aufsperren, wenn es regnet, essen wird sie nicht. Dann, nach vier Tagen, erwacht sie, in einem Bett, im Militärhospital. Verbunden, mit einem Schnitt in der Brust von einer Operation, an Händen und Füßen noch immer die rotbraunen Malereien der Braut, die sie höhnisch anschauen, wenn sie an sich hinunterblickt.

Auf der "Bintang Purnama", Straße von Malakka, 16.00 Uhr

Die Männer an Bord der "Bintang Purnama" sind nervös und müde vom Warten. Sie wollen jetzt sehen, was die Welle gelassen hat von Banda Aceh. Sie wollen jetzt wissen, ob sie noch Frauen haben, Kinder, Brüder, Mütter. Sie hoffen, dass Sofyan, ihr Kapitän, Sofyan, ihr Lebensretter, das Schiff endlich auf Heimatkurs dreht.
Sofyan wägt die Lage. Seine Autorität erlaubt es nicht, mit der Crew zu diskutieren. Er denkt nach. Acht Stunden sind vergangen seit dem dreifachen Schlag am Morgen. Acht Stunden ohne weiteres Vorkommnis. Er zieht die Maschine hoch, er steckt sich eine Zigarette an. Er nimmt Kurs auf Nordost, auf den schmalen Streifen Land, über dem sich die hohen Berge Sumatras in Wolken verstecken. Er steuert das Schiff zurück nach Banda Aceh.
Meldungen über die Lage gibt es nicht. Er erreicht, über Funk, keine Seele. Das Hafenterminal - tot. Die anderen Boote, die "Colombia", die "Alaska", die "Zamrut" - tot. Wieder und wieder wählt er Nummern auf seinem Nokia-Mobiltelefon - umsonst. Das Handy findet kein Netz.
Breit und braun geht die Mündung des Krueng-Aceh-Flusses ins Meer. Die "Bintang Purnama" durchpflügt das Wasser, sie schiebt sich näher und näher an die Küste heran. Von einer Stadt ist nichts mehr zu sehen. Sie müssten jetzt, deutlich, die Häuser sehen von Ulee Lheule. Sie müssten jetzt, klar, die Bauten am Strand von Deah Glumpang vor sich haben. Sie müssten, zum Greifen nah, Bandas Deah-Teungoh-Viertel sehen. Aber sie sehen nichts.
Sie sehen, links der Mündung des Aceh, nur das Gerippe des Hafenterminals, drei Stockwerke hoch, wie ausgebombt. Sie sehen in der Fläche einzelne Palmen stehen wie in eine Sperrmüllhalde gepflanzt. Sie erreichen die Felsendämme der Hafeneinfahrt, die wie die Zungen einer Zange 30, 40 Meter weit ins Meer greifen.
Die Dämme sollten hellbraun sein wie die Steine, aus denen sie aufgeschüttet wurden. Aber sie sind bunt. Bunt, wie die Kleider der Toten. Leichen liegen, in Haufen, dicht an dicht, die Wasserstraße entlang. Sie liegen, wie Treibgut, im Wasser selbst. Sie schwimmen, zwischen Kühlschränken, Kuhkadavern, Autowracks, Hühnern, zerschmetterten Booten.
Sofyan stoppt die Maschinen. Die "Bintang Purnama" treibt. Bald macht sie kaum noch Fahrt, gestoppt von den Körpern, dem Schrott, den Trümmern. Die Crew geht von Bord. Sie klettern, auch Sofyan, den Hafendamm hoch. Sie suchen nach ihren Brüdern, Frauen, Kindern.
Von Leiche zu Leiche geht Sofyan. Er sucht Sulastri, seine Frau. Er sucht Silfana, seine Tochter, Sarah Fernanda, Mohammad Quadafi. Er bückt sich zu Ertrunkenen, Erschlagenen, zu Amputierten, Zerteilten, Zermalmten. Körper für Körper dreht er um auf der Suche nach bekannten Gesichtern. Niemanden kennt er. Keine Leiche gehört zu ihm. Er bückt sich, er sucht, bald hat er drei Dutzend Leichen gesehen, bald 100, er arbeitet sich vor, Richtung Lampulo, Fischerviertel von Banda Aceh, seiner Heimat, Leiche um Leiche.
Ringsum liegt die Ruine einer Stadt wie nach einem Atomschlag ohne Feuer. Auf den ersten zwei Kilometern landeinwärts hat die Welle so gut wie alles dem Erdboden gleichgemacht. Dahinter erst sind erste Ruinen von Häusern zu sehen, Stümpfe von Gebäuden, Palmen. Sofyan denkt, er fürchtet, dass sich die See die ganze Stadt geholt hat. Dass außer ihm und seinen 20 Mann nicht viele übrig sind.
Er sucht seine Toten. Er bückt sich, wieder und wieder, zu Hunderten Leichen. Zu Hunderten Leichen bückt sich jeder seiner Männer. Es müssen schon von der Mündung des Flusses bis zum Hafen in die Stadt hinein 6000, 7000 Tote sein, die offen herumliegen, die im Flusswasser treiben, die im Ufermorast stecken, später wird man von 116 000 Toten sprechen, allein in der Provinz Aceh.
Sofyan ruft seine Männer zurück an Bord der "Bintang Purnama". Hier vorn ist nichts mehr zu tun. Sie schippern hinein nach Banda Aceh. Zu ihrer Rechten müsste Gampong Pande sein und Gampong Jawa, dicht besiedelt, eng, voller Leben; zu ihrer Linken müsste sich bald Lampulo finden, und weiter landeinwärts Lamdingin, Peunayong. Häuser und Hütten, Geschäfte, Garagen, Markthallen. Restaurants, Autowerkstätten, Schulen. Reisebüros, Kinos, Friseursalons. Sie sind nicht mehr zu sehen. Ausgewischt vom Meer. Aber doch - vielleicht nicht alles. Sofyan und seine Männer sehen, dass die springende See nicht die ganze Stadt gefressen hat. Sie sehen, in der Silhouette weiter landeinwärts, dass ihnen Hoffnung bleibt.
In Höhe des Hafens, nach einer Fahrt auf einem Fluss voller Leichen, nach zwei Kilometern Fahrt wie durch die Unterwelt, durch einen Bilderbogen der Hölle, wie durch ein Altarbild von Hieronymus Bosch, sehen sie weit rechts, weit links vom Ufer die Schiffe liegen wie Spielzeug. Die große "Sea King", zwischen Häuser gestürzt, Fischerboote, gestrandet im Nichts.
Sie legen das Boot ans Tau. Am Kai, wo am Morgen der Markt war, gehen vereinzelt wehklagende Männer und Frauen wie durch eine Geisterstadt. Sofyan geht über eine schmale Planke an Land. Er klettert über die Kaimauer. Er will schnell zu seinem Wohnhaus, wie die ganze Mannschaft, sie laufen auseinander, in ihre Wohnstraßen oder dorthin, wo sie waren.
Sofyan ist noch keine zehn Meter gelaufen. Er hört einen Ton, der ihm bekannt vorkommt, aber er nimmt ihn zuerst nicht wahr. Der Ton wiederholt sich. Es ist sein Mobiltelefon, es klingelt, das Telefon klingelt, das er jetzt aus der Tasche reißt, dessen grünen Knopf er zitternd drückt, um den Ruf anzunehmen.
Er geht, das Telefon am Ohr, in die Knie. Am Apparat ist einer seiner elf Brüder, Mohammad Amin, einer der jüngeren, er ist am Leben. Aber vor allem sagt er: "Sofyan, deine Familie lebt! Sulastri, die Kinder, sie leben! Alle!" Sofyan Anzib kniet im schwarzen, schmierigen Schlamm der Straße, das Gesicht bis zum Boden gebeugt, verkrampft weint er, ein glücklicher Mann.
ULLRICH FICHTNER, ANITA BLASBERG, MARIAN BLASBERG, KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE, GEORG DIEZ, FIONA EHLERS, MARC FISCHER, HAUKE GOOS, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE, MARIO KAISER, ANSBERT KNEIP, CORDULA MEYER, MATHIEU VON ROHR, ALEXANDER SMOLTCZYK, BETTINA STIEKEL, BARBARA SUPP
Von Ullrich Fichtner, Anita Blasberg, Marian Blasberg, Klaus Brinkbäumer, Uwe Buse, Georg Diez, Fiona Ehlers, Marc Fischer, Hauke Goos, Lothar Gorris, Ralf Hoppe, Mario Kaiser, Ansbert Kneip, Cordula Meyer, Mathieu von Rohr, Alexander Smoltczyk, Bettina Stiekel und Barbara Supp

DER SPIEGEL 7/2005
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