14.02.2005

COMPUTERWunderwinzling im Wohnzimmer

IBM, Toshiba und Sony bauen den Superchip: Der Datenfresser rechnet 15-mal schneller als das Konkurrenzprodukt von Intel.
Fade ist die Computerwelt. In fast jedem Rechner steckt ein Chip von Intel. Auf fast jedem dieser Prozessoren läuft das Betriebssystem Windows von Microsoft. Und fast alle 18 Monate können neuentwickelte Prozessoren doppelt so schnell rechnen wie ihre Vorgänger.
So geht das seit vielen Jahren. Und es hätte auch noch eine Weile so weitergehen können. Doch jetzt bringt ein neues Produkt frischen Wind ins Geschäft: Ein Bündnis dreier mächtiger Konzerne hat einen Chip gebaut, der gleich 15-mal schneller rechnen kann als Intels bester Pentium-Prozessor.
Nach vierjähriger Kooperation haben IBM, Sony und Toshiba vorige Woche in San Francisco ihren Wunderwinzling "Cell" vorgestellt. Der Neue, so behauptet IBM-Mann Jim Kahle nur leicht überzogen, sei ein "Supercomputer auf einem Chip". Dieser Prozessor könnte den Alltag von Millionen Menschen verändern; denn die Konzerne wollen mit ihm nicht primär in die von Intel beherrschten Büros, sondern vor allem in die Wohnzimmer: Cell wird ein Spaß-Prozessor für daheim.
Der Datenfresser soll nächstes Jahr die "Playstation 3" antreiben, Sonys neue
Spielkonsole. Dort wird er fast fotorealistische Kampfspiele hervorzaubern. Cell soll aber auch Multimedia auf Heimcomputern in neue Dimensionen führen: Ein zentraler Familienrechner könnte Spielfilme in Kinderzimmer senden, während die Eltern andere Programme aufzeichnen, über den Rechner Musik hören oder Videofilme bearbeiten. Sony arbeitet an solchen "Home Servern" mit Cell als Motor. Und Toshiba plant, den Chip zunächst in einer Reihe von hochauflösenden Fernsehern einzusetzen. IBM wiederum will damit professionelle Workstations ausrüsten.
Weil auf dem Rechner gleichzeitig verschiedene Betriebssysteme laufen können, wäre auf ihm technisch sogar das bisher Undenkbare möglich: Die Erzfeinde Microsoft und Apple könnten Windows und OS X zu friedlichen Nachbarn machen.
Apple dürfte ohnehin zu den ersten Cell-Kunden zählen, denn von IBM bezieht die Firma bereits die G5-Prozessoren. Und ein G5-artiger 64-Bit-Prozessor steckt auch in Cell - er ist sogar eines seiner Geheimnisse: Wie ein Vorarbeiter verteilt er die anfallende Arbeit auf acht nachgelagerte Recheneinheiten. Jeder Cell besteht damit gleich aus neun separaten Prozessorkernen. Künftige Versionen könnten sogar noch mehr Assistenzrechner an Bord nehmen und noch schlagkräftiger werden.
Einstweilen reicht es auch so. Cell-Techniker haben Taktfrequenzen von bis zu 4,6 Gigahertz gemessen. Die schnellsten Intel-Prozessoren schaffen derzeit 3,8 Gigahertz. In jeder Sekunde kann Cell bis zu 256 Milliarden Rechenoperationen bewältigen - vor drei Jahren hätte das künftige Massenprodukt es damit noch auf die Liste der 500 schnellsten Rechner der Welt geschafft.
Für Intel ist der neue Cell ein Schuss vor den Bug. Der Chipkonzern hat sogleich nachgezogen - und angefangen, Pentium-Prozessoren mit Doppelkern herzustellen. MARCO EVERS
* Toshiba-Manager Yoshio Masubuchi, IBM-Entwickler Jim Kahle, Sony-Manager Masakazu Suzuoki.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 7/2005
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