28.02.2005

LEBENSMITTELKampf um die Knolle

„Linda“ soll aus deutschen Kochtöpfen verbannt werden, doch aufgebrachte Bauern und Verbraucher wollen die bedrohte Kultkartoffel retten.
Zu der in Fußgängerzonen üblichen Belegschaft aus Hamse-mal-nen-Euro-Wegelagerern, Werbezettelverteilern und Straßenmusikanten gesellte sich in Hamburg unlängst eine wandelnde Kartoffel. Die Riesenknolle, in der sich ein Biobauer versteckte, trug eine aufrüttelnde Aufschrift: "Rettet Linda!"
Der Verzweiflungsschrei traf die Einkaufsbummler in der Spitalerstraße ins Mark. Denn Linda, mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent Norddeutschlands beliebteste Kartoffelsorte, ist akut bedroht. Alarmiert sammelten Mitarbeiter der Hamburger Verbraucherzentrale Unterschriften "für Ernährungsfreiheit"; dazu reichte ein Lübecker Koch "Herzen für Linda", gebacken aus den Knollen des als Solanum tuberosum bekannten Nachtschattengewächses.
Innerhalb weniger Stunden hatten an die tausend Linda-Freunde die Protesterklärung gegen das Verschwinden der "Königin der deutschen Kartoffeln" unterzeichnet - ein Beweis dafür, dass die Knolle auch 30 Jahre nach ihrer Markteinführung noch eine beachtliche Fangemeinde hat.
Festkochend wie keine andere sei Linda, geraten ihre Anhänger ins Schwärmen, deshalb optimal für Kartoffelsalat, Gratin oder Puffer. Dazu kommen ihre tiefgelbe Färbung und der cremig-buttrige Geschmack. Für ihre Fans ist sie das Sinnbild der Kartoffel schlechthin.
Dass von den derzeit in Deutschland zugelassenen 209 Kartoffelsorten ausgerechnet die geliebte Linda aus den Kochtöpfen verschwinden soll, liegt am komplizierten Sortenrecht - und am führenden deutschen Saatkartoffelproduzenten.
Der Züchter Böhm/Europlant, Lizenzgeber für Linda mit einem Jahresumsatz von 40 Millionen Euro, hat vor fünf Jahren eine aus der Kultkartoffel gezüchtete Sorte namens "Belana" auf den Markt gebracht. Eine moderne Limousine sei das im Vergleich zum anfälligen Oldtimer, preist der Europlant-Geschäftsführer Jörg Renatus seine neue Knolle.
Die wahren Hintergründe sind eher finanzieller Natur: Da die Bauern für die alte Linda keine Lizenzgebühren mehr bezahlen müssen, ist sie zur unprofitablen hauseigenen Konkurrenz geworden. Europlant will ihren Großanbau stoppen - und erntet erbitterten Widerstand von Züchtern, Bauern und Verbrauchern.
Initiator der anschwellenden Rettet-Linda-Bewegung ist der Landwirt Karsten Ellenberg, 42. In Barum bei Uelzen baut er auf 10 seiner insgesamt 60 Hektar Land die beliebte Sorte an. "Die Kunden sind regelrecht süchtig nach Linda, sagt Ellenberg. "Ich sehe nicht ein, warum wir Bauern und die Verbraucher uns dem Diktat von Europlant unterwerfen sollten."
Für den Sortenschutz und die Qualität landwirtschaftlicher Produkte ist das Bundessortenamt zuständig. Die in Hannover beheimatete Behörde mit 400 Mitarbeitern schützt, so ihr Sprecher, das "geistige Eigentum an Pflanzen" und vergibt Lizenzen für einzelne Sorten. Bauern, die Kartoffeln anbauen wollen, kaufen entweder das Saatgut vom Lizenzgeber und müssen, im Falle von Europlant, diesem dann auch die Vermarktung ihrer Ernte überlassen. Oder sie ziehen nach und verwenden die lizenzierte Kartoffel aus eigenem Anbau als Saatgut, müssen aber dafür Nachbaugebühren entrichten.
Nach 30 Jahren allerdings erlischt dieser patentähnliche Schutz, und deshalb können Klassiker wie die 1910 in den Niederlanden zugelassene "Bintje" oder die ebenfalls hochgeschätzte "Sieglinde" aus dem Jahre 1935 gebührenfrei angebaut werden.
Um dies bei der Linda, deren Lizenz Ende 2004 auslief, zu verhindern, hat Europlant die Linda-Zulassung zurückgegeben, die noch bis zum Jahr 2009 gültig gewesen wäre. Linda-Saatkartoffeln dürfen deshalb ab Anfang Juli nicht mehr verkauft werden. Der Kultknolle droht das Abrutschen in die Illegalität.
Bauer Ellenberg hat schnell die erneute Zulassung beantragt, doch das Bundessortenamt braucht mindestens zwei Jahre, um mit deutscher Gründlichkeit nach Serien wissenschaftlicher Tests über den Antrag zu befinden. Linda-Liebhaber werden bald vor echten Beschaffungsproblemen stehen.
Der Saatgutrechtsexperte Matthias Miersch hält das Procedere für absurd. "Die Verbraucher sollen vor schlechten Produkten geschützt werden", so der Anwalt aus Hannover, "doch im Falle Linda liegt ein Missbrauch für private Interessen vor." Miersch will im Auftrag des Kartoffelbauern Ellenberg und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft das Abdrängen Lindas in den Untergrund verhindern.
Die unerwartet große Unterstützung lässt den Bauern hoffen, Linda zu retten. Dabei setzt er auch auf Landwirtschaftsministerin Renate Künast. Die erklärt, sie wolle "die Sortenvielfalt und biologische Vielfalt erhalten sehen". Das Bundessortenamt, das der Grünen untersteht, werde bei der Neuzulassung der "sehr beliebten Linda" auch "diese Kriterien in ihre Prüfung einbeziehen".
Die Sorten-Bürokraten, gewöhnlich nicht dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt, versuchen derweil, die Linda-Affäre herunterzuspielen. "Es besteht kein Anlass zur Aufregung", versichert Sprecher Burkhard Spellerberg: "Es wird auch ohne Linda nicht zu Hungersnöten in Deutschland kommen." Als ob es darum ginge. MICHAEL SONTHEIMER
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 9/2005
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