28.02.2005

UNTERNEHMENOrakel ohne Fortune

Manfred Güllner, Forsa-Chef und Meinungsforscher des Kanzlers, hatte sich hoch verschuldet. Doch auf seine SPD-Freunde scheint Verlass.
Am Freitag vor der Schleswig-Holstein-Wahl prognostizierte das Meinungsforschungsinstitut Forsa noch einen sicheren SPD-Sieg. Doch das Orakel irrte. Es bestätige sich "der Trend der nachlassenden Bindungskraft der beiden großen Volksparteien", analysierte Forsa-Chef Manfred Güllner nach der Wahl. Immerhin lagen auch die anderen Meinungsforscher mehr oder weniger daneben.
Doch das macht Güllner nicht glücklicher. Den Demoskopen plagen seit geraumer Zeit arge Finanzprobleme. 2004 lasteten hohe Schulden auf seinem Unternehmen - und das trotz Protektion von höchster Stelle.
Güllner kann sich als Freund von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnen, der ihn schätzt, nutzt und duzt. Er wird oft ins Kanzleramt gerufen, wenn Schröder die Meinung des Volkes erlauschen will. Allein im Jahr 2002 bekam Forsa Aufträge des Bundespresseamts in Höhe von 660 000 Euro. Doch die guten Kontakte allein genügen inzwischen nicht mehr.
Offenbar hat sich Güllner mit hohen Investitionen übernommen. Er stattete mehrere tausend ausgewählte Haushalte mit Zusatzgeräten, Set-Top-Boxen, für ihren Fernseher aus, um online und interaktiv repräsentative Bevölkerungsgruppen zu befragen. Die sogenannte Omninet-Technik ließ Güllner sogar beim Patentamt anmelden.
Das Verfahren ist für die zahlungskräftige Industrie oder die Werbewirtschaft durchaus interessant. Doch die Investitionen in die innovative Technik für Meinungs- und Marktforschung sprengten offenbar auch die Eigenkapitaldecke von Forsa.
So begann eine gewisse Kreativität bei der Bilanzgestaltung: Mit Vertrag vom 30. September 2003 verkaufte Güllner die Set-Top-Boxen mit einem Veräußerungsgewinn von 3,776 Millionen Euro an die von ihm selbst gegründete Forsa-net GmbH. Die Geschäfte mit der Tochterfirma führten zwar zu einem Anstieg von Umsatz und Gewinn, ließen aber auch die Wirtschaftsprüfer aufmerken.
"Ohne Berücksichtigung dieser Veräußerungsgeschäfte ergäbe sich für das Geschäftsjahr 2003 ein Jahresfehlbetrag von circa 2,1 Millionen Euro, der zu einer bilanziellen Überschuldung führen würde", heißt es im Prüfbericht der Hamburger Prüfungsgesellschaft Taxon über den Jahresabschluss 2003. "Ein klassisches In-sich-Geschäft", sagt ein Insider.
Güllner verweist darauf, dass die Daten überholt seien. Er betont, dass hinsichtlich des Jahresabschlusses 2003 "von der Taxon ein uneingeschränktes Testat erteilt worden" sei.
Doch die Berliner Volksbank, bei der Güllner Verbindlichkeiten in Höhe von insgesamt 4,7 Millionen Euro hatte, wollte Geld sehen. Bis zum 30. September 2004 sollte eine Zwischenfinanzierung abgelöst werden. Bei rechtzeitiger Zahlung war die Bank bereit, auf Forderungen in Höhe von 795 000 Euro zu verzichten. Das Kreditinstitut will sich mit Hinweis auf das Bankgeheimnis nicht zu dem Vorgang äußern. Bank-Chef Karl Kauermann gilt als Intimus der Berliner SPD und hatte beispielsweise 2001 ein Wohltätigkeitsessen für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit mit organisiert.
Forsa brauchte offenbar dringend Hilfe: "Der Fortbestand des Unternehmens ist abhängig von der Erschließung neuer Finanzquellen", realisierte Güllner schon im Sommer vergangenen Jahres in einem von ihm unterschriebenen Lagebericht, den er mittlerweile ebenfalls als nicht mehr gültig bezeichnet. Nichtsdestotrotz reiste er durch die Republik, um mit potenten Investoren wie Apax und Veronis Suhler Stevenson sowie mit neuen Kreditgebern wie der HypoVereinsbank und Credit Suisse zu verhandeln. Ohne Ergebnis.
Gern erwähnten die Forsa-Vertreter dabei, dass das SPD-regierte Nordrhein-Westfalen die Kredite mit einer Landesbürgschaft von 80 Prozent absichern würde. Das Vorhaben sei "von höchster politischer Stelle als auch von den zuständigen Abteilungen im Ministerium" für absolut förderfähig gehalten worden, schrieb Forsa-Justitiar Lothar Holzapfel schon mal.
Der Forsa-Chef hat nun noch ein Ass im Ärmel, das ihn zumindest vorläufig retten wird. Im fernen Karlsruhe sitzt Utz Claassen, schwergewichtiger Chef des Energie-Versorgers EnBW und ebenfalls Schröder-Freund. Claassen kennt den Kanzler seit seiner Management-Zeit beim Volkswagen-Konzern. Er feierte beim 60. Geburtstag von Schröder in Hannover mit und darf nun als eine von 16 Wirtschaftsgrößen in der Regierungsmaschine mitfliegen, wenn der Kanzler durch sieben arabische Staaten reist.
3,5 Millionen Euro überwies EnBW schließlich an den bedürftigen Güllner, der damit Verbindlichkeiten bei der Berliner Volksbank ablösen konnte. Der Energieversorger sei "im Jahr 2004 eine langfristig angelegte Partnerschaft mit der Forsa eingegangen", lässt Claassen mitteilen. Die strategische Partnerschaft ziele auf eine professionelle Umfeldbeobachtung im Bereich der Energiemärkte. CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 9/2005
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