28.02.2005

NORDIRLANDAufstand der Schwestern

Der Mythos der IRA, die einst den Widerstand gegen die Protestanten und gegen London organisierte, ist zerstört. Dafür sorgten ein Bankraub und ein brutaler Mord. Von Matthias Matussek
Alle wussten es, und alle schauten weg wie immer, um den Friedensprozess nicht zu gefährden.
Dieser Coup kurz vor Weihnachten zum Beispiel, der größte Bargeldraub der Geschichte: Die Logistik, die Chuzpe, die Präzision, das war die Handschrift der IRA. 26,5 Millionen Pfund waren in Müllsäcken aus den Tresorräumen der Northern Bank in Belfast getragen worden.
Empört verwahrten sich Gerry Adams und Martin McGuinness, die Chefs von Sinn Fein, des politischen Arms der IRA, gegen die Beschuldigungen einer Untersuchungskommission. Und noch während sie sich vor den Mikrofonen aufblähten, wurden Aktivisten aus dem Sinn-Fein-Umfeld bei der Geldwäsche eines Teils der Beute erwischt. Peinlich? Ein paar Linksromantiker versuchten noch solidarisches Gesinnungsgrinsen. Es war ja nur eine Bank, und Blut war auch nicht geflossen.
Doch dann floss Blut. Vor dem Magennis''s Pub, nicht weit von der beraubten Bank, war der Katholik Robert McCartney im Katholikenviertel von IRA-Leuten im Streit bewusstlos geprügelt und regelrecht aufgeschlitzt worden. Sie stachen ihm ein Auge aus. Warum? Weil er sich nicht entschuldigen wollte für irgendeine Nichtigkeit.
Wie in solchen Fällen üblich in IRA-Land kehrten die Täter in den Pub zurück, "reinigten" ihn, zertrümmerten Überwachungskameras, bedrohten die rund 70 Anwesenden und schärften ihnen ein, nichts der Polizei zu erzählen.
Dann tauchten sie unter. Tatsächlich gab es plötzlich keine Zeugen mehr. Nichts passierte. Man versprach den fünf Schwestern des Toten, die Angelegenheit intern zu regeln. Wie üblich.
Doch die Schwestern machten mobil. Sie wandten sich an die Öffentlichkeit. Sie forderten die IRA heraus, in langen Fernsehinterviews. Sie weinten ihre Verachtung heraus. Sie brachen das Gesetz des Schweigens.
Das hatte es so bisher nicht gegeben: Katholiken in Nordirland flehen zu Staat und Krone, flehen nach der Polizei - um Hilfe gegen Katholiken. Was die Bankräuberei nicht vermochte, das schafften die leidenden Schwestern: Sie erledigten den Mythos der IRA.
Sie führten vor, wie passé die Märtyrer-Gloriole um den "Bloody Sunday" ist, mit der die Rockband U2 die IRA für immer und ewig zu Opfern und Widerstandshelden hochgeschnulzt hatte. Es geht längst nicht mehr gegen brutale britische Unterdrücker. Der moralische Vorrat ist aufgezehrt. In Katholikenvierteln wird die IRA nur noch "Rafia" gerufen.
Sie finanziert sich von Einbrüchen, Zigaretten- und Dieselschmuggel, verbreitet in den von ihr kontrollierten Gebieten Angst und Schrecken, während Gerry Adams und andere Anzugträger die pathetischen politischen Schaufensterauslagen besorgen.
Was hilft der Hinweis darauf, dass auch die protestantischen Ulster-Milizen kriminell sind, dass sie mit Drogen dealen, Chinesen verprügeln, Mauern mit Hakenkreuzen bepinseln und aus Belfast die Rassismus-Kapitale der Welt gemacht haben?
Es ist die IRA, die in Nordirland immer noch zählt. Es ist die IRA, auf die es für die dortige Demokratie ankäme. Es ist die
IRA, die Abrüstung versprach. Nun sieht man: keine Widerstandshelden, sondern einen verluderten Haufen, dessen Internationalismus sich auf Sprengstoffkurse mit der kolumbianischen Drogen-Guerilla Farc, auf Konferenzen mit der spanischen Separatistentruppe Eta und Geldverschiebungen über Libyen beschränkt.
Der Irrsinn Belfasts, in dem sich alle irgendwie eingerichtet hatten seit dem Karfreitag-Abkommen von 1998 - mit dem sich die Republik Irland, Großbritannien sowie die Katholiken und Protestanten Nordirlands auf ein friedliches Zusammenleben verpflichtet hatten -, ist nun sichtbar wie lange nicht. Und es ist in erster Linie die IRA, die ihn befördert.
Gut, es wird nicht mehr gebombt. Gut, die paar schnieken Straßenzüge Belfasts an der nagelneuen Werft sind hübsch anzusehen. Man feiert jetzt übrigens den Stapellauf der "Titanic", die hier gebaut wurde, und zieht dafür, Humor à la Belfast, einen riesigen Eisberg in den Hafen.
Von solchen Versuchen zur Normalität abgesehen, ist Belfast, vor allem sein Norden, so etwas wie Großbritanniens Gaza-Streifen, ein rechtsfreies trostloses Eldorado für eine verlorene Generation, die nichts gelernt hat als Krieg.
Haushohe schwülstige Wandmalereien verewigen Maskierte mit Maschinenpistolen. Ein Totenkult: Die Helden der einen Seite sind die Killer der anderen. Blut klebt an diesen Wänden.
Rund zwei Dutzend Friedensmauern und Stacheldrahtzäune trennen protestan-
tische und katholische Viertel. Die Anstriche für die Trottoirs geben totemistische Zugehörigkeiten vor: grün-weiß-orange für die katholischen Republikaner, rot-weiß-blau für die protestantischen Loyalisten. Da ist es schwer, aus dem Gleis zu springen.
Der Hass aufeinander ist zur inhaltsleeren Gewohnheit geworden. In dumpfen Pool-Pubs wie dem "Imperial" wird man als Katholik verdroschen, im "Melting Pot" als Protestant. Und im Europa-Restaurant sitzt Andrew Peden, dem von einer konkurrierenden Protestantenbande die Beine weggeblasen wurden. Es gibt viele Amputierte in Belfast.
Die noch Beine haben, marschieren mit in diesen über 3500 trostlosen Traditionsparaden und zeigen den Gegnern den Mittelfinger. Man hasst sich, weil sich schon die Großeltern hassten. Die Probleme, die man ansonsten hat, hat man gemeinsam: Arbeitslosigkeit, Sinnleere, Alkoholismus, Drogen. Das ist der Rekrutierungshof der Banden.
Sinn Fein tut wenig, um dagegen vorzugehen. Sie ist offenbar an demokratischen Regeln nicht interessiert. Im Parlament ließ sie Gegner abhören, was dazu führte, dass London die Assembly suspendierte. Mitarbeit bei der Polizei lehnt sie ab. Nun wird klar, warum: Selbstjustiz bedeutet Macht, bedeutet Kontrolle über die eigenen Geschäfte, und die IRA weigert sich, diese aufzugeben.
Der Offenbarungseid hatte sich lange vorbereitet. Bereits zuvor gab es Tragödien im katholischen Alltag, gab es Hilfeschreie gegen den Terror in den eigenen Reihen. Im Ardoyne-Viertel in Nord-Belfast zum Beispiel: Da hatten sich vergangenes Jahr innerhalb von sechs Wochen 13 Teenager das Leben genommen.
Auf dem Hügel oberhalb von Ardoyne erhebt sich die katholische Holy-Cross-Kirche. Pater Aidan Troy ist hier zum Helden geworden, als er im September 2001 katholische Schulmädchen zur nahen Grundschule geleitete - durch einen Hagel aus Steinen und Beschimpfungen für die "kleinen katholischen Flittchen", denn der Schulweg führte durch protestantisches Territorium.
Seither allerdings ist Vater Troy anders beschäftigt: Er trug katholische Teenager zu Grabe, die in den Tod getrieben worden waren. Einer der Jungen, Barney Cairns, hatte sich an einem Gerüst an der Kirchturmspitze erhängt. Noch dort oben gab er ihm die Sterbesakramente.
Über die Prügel-Kommandos lässt sich nur das Beste sagen, meint Vater Troy sarkastisch. "Lauter gottesfürchtige Kirchgänger, die für wohltätige Zwecke stiften."
Er kennt ihre Wohnungen. Er besucht sie zu Hause, wenn wieder mal ein Junge verschwunden ist, weil er ein paar Scheiben eingeschmissen hat. Dann bittet er um dessen Freigabe. Manchmal verraten sie ihm, wo er abgeholt werden kann. Manchmal vermittelt er. Manchmal kann er nichts mehr tun, wie bei Barney Cairns, dem sie schon die Knie durchschossen hatten.
Die Schrecken des Bombenterrors sind vorbei, nun regiert eine andere Gesetzlosigkeit. Früher kämpfte man, und der Kampf war Lebensinhalt. Jetzt ist Zwischenzeit. "Heute weiß keiner, wohin mit sich", sagt Jim McTaggart, dessen Sohn sich an einer Eiche hinter der Kirche aufgeknüpft hat.
Eine ganze Generation - verloren. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent, und die Idole sind Bankräuber. Der Bürgerkrieg hat nichts als Leere hinterlassen. "Die Pillenabhängigkeit unter den Teenagern ist gewaltig bei uns und bei den Protestanten", sagt McTaggart.
Muss die Polizei nicht endlich hinein ins Ardoyne-Viertel? McTaggart nickt geistesabwesend. Wie einer, der sich an die neue Melodie erst langsam gewöhnt und der den alten blutigen Refrain noch nicht los wird.
Womöglich würde ihm ein Gespräch mit Lieutenant Stephen Crockard im Hauptquartier der Polizei gut tun, der rotgesichtig und stoisch von nichts spricht als von Polizeiarbeit. "Vor dem Karfreitag-Abkommen", sagt er, "hatten wir wenigstens den Drogenhandel im Griff - wegen der vielen Straßenkontrollen."
Crockard bewahrt sich in einem absurden Konfessionskrieg Überparteilichkeit: Er ist Atheist. "Wir müssen die rechtsfreien Räume zustellen, sonst funktioniert alles andere auch nicht."
Im Garten des Präsidiums liegt eine Gedenkstätte für die gefallenen Polizisten Belfasts. Über 300 sind es. "Es ist genug Blut geflossen", sagt Crockard, über den schwarzen Marmor gebeugt. "Alle sind es müde, alle."
Alles hängt nun davon ab, ob Sinn Fein einen sauberen Neuanfang schafft, mit einer neuen Generation.
Und diesmal schauen alle hin.
* Wandgemälde in Belfast.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 9/2005
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