28.02.2005

AUTORENWiener Pointenstadl

Eva Menasses Roman „Vienna“ ist das literarische Debüt einer Journalistin - und trotz publizistischen Rummels ein gründlich missratenes Familienporträt.
Heute gehört es fast zum guten Ton, als Journalist eine künstlerische Ader in sich zu entdecken und als Schriftsteller in Erscheinung zu treten. Wer Reportagen schreiben kann, wird doch wohl auch einen Roman hinkriegen. Die früher einmal verbreitete Furcht vor Neid und Missgunst im Kollegenkreis, vor besonders strenger Kritik beim Wechsel des Metiers ist offenbar ganz unbegründet.
So jedenfalls zeigt es sich jetzt beim literarischen Debüt der Österreicherin Eva Menasse, die zuletzt als Kulturkorrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen" ("FAZ") in Wien tätig war, heute in Berlin lebt und ihrem hauptsächlich in Wien spielenden Roman den schicken Titel "Vienna" gegeben hat*.
Schon bevor das Werk recht auf dem Markt war, hatte sich eindrucksvoller Begleitschutz formiert. "Vienna" wurde als "FAZ"-Fortsetzungsroman ausgewählt, wo man ihm freundliche Worte mit auf den
Weg gab und dem Werk etwa "großen Sprachwitz" attestierte. Bald darauf pries
der Vorgänger auf dem Wiener "FAZ"-Korrespondentenstuhl, Ulrich Weinzierl, heute bei der "Welt", die "Kunst der Erzählerin", und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schließlich lobte das Werk auf einer ganzen Seite.
Das alles ist angesichts des vorliegenden Romans in hohem Maße erstaunlich. Nebenbei steht das Buch auch schon auf der neuesten Bestenliste des Südwestrundfunks weit oben - und das Wiener Nachrichtenmagazin "Profil" hat nicht weniger als sechs Seiten aufgeboten, um aus Anlass des Romandebüts die Familie Menasse ausführlich zu porträtieren.
Diese Familie mag ein Grund für das Interesse in Österreich sein, wo das Buch offenbar als Schlüsselroman gelesen wird. Kein Wunder: Hans Menasse, 75, der Vater der Autorin, war ein bekannter Fußballnationalspieler. Sein Sohn Robert, 50, Bruder der Autorin, hat sich als Schriftsteller ("Schubumkehr") einen Namen gemacht. Peter Menasse, 58, Cousin von Eva und Robert, ist Journalist und PR-Fachmann.
Eva Menasse selbst, 34, fiel als ausdauernde und kundige Berichterstatterin des monatelangen Londoner Prozesses um den Holocaust-Leugner David Irving auf; ihre Reportagen hat sie später, um einiges ergänzt, in ihrem ersten Buch "Der Holocaust vor Gericht" (2000) veröffentlicht.
Auch ihr Roman "Vienna" geht auf Recherchen zurück: Die Autorin hat Material über ihre Familie gesammelt - und hatte ursprünglich die Idee, wie sie in einem Interview verriet, "einen kurzen Text über meine echte Familie zu schreiben". Das hätte ein spannender Aufsatz werden können,
vielleicht auch ein größeres biografisches Porträt des Vaters.
Der spätere Fußballspieler, Sohn einer aus dem Sudetenland stammenden Mutter und eines jüdischen Vaters, war 1938, im Alter von acht Jahren, zusammen mit seinem älteren Bruder auf einem der letzten Kindertransporte nach England gekommen und dort bis 1947 geblieben - als er nach Wien zurückkehrte, musste er erst wieder Deutsch lernen. Sein Bruder Kurt kämpfte unter britischer Flagge in Burma gegen die Japaner. Wie sich die Familie Menasse im Nachkriegs-Wien neu etabliert, ist wahrlich spannender Stoff.
Leider hat Eva Menasse einen schlechten Roman daraus gemacht, der nun, wie "Profil" formuliert, "konzentrische Kreise um die reale Familie" zieht. Ein Motiv dafür mag gewesen sein, die noch lebenden Familienmitglieder besser zu schützen (es sei nur ein Roman, ist noch stets eine plausible Ausflucht) - andererseits hat sie offenbar geglaubt, Lücken und Leerstellen in der Familiengeschichte füllen zu sollen, das Fehlende "gnadenlos erfinden" zu müssen.
Das Elend beginnt mit der Erzählhaltung. Die Autorin findet keine Perspektive, sie verschanzt sich hinter einem namen- und gesichtslosen Ich, von dem überhaupt erst ganz spät das Geschlecht offenbart wird - wenig überraschend dann, dass es eine Ich-Erzählerin ist, die sich als "Zuschauerin" versteht, ein Alter Ego der Autorin also.
Auch andere Personen tragen keinen Namen. Es treten auf: "meine Mutter", "mein Vater" (selbst da, wo es sich noch um den kleinen Jungen bei englischen Pflegeeltern handelt) oder "sein Bruder, mein Onkel" - dann aber ist wieder von des Vaters "großer Schwester Katzi" die Rede oder von "meines Vaters Vetter, Tante Gustls umfassend missratenem Sohn Ferdinand, genannt Nandl". Streckenweise klingt das wie aus einer privaten Familienchronik: "Mein Bruder also las, rauchte, betrieb keinen Sport und gründete einen politischen Debattierclub."
Das Buch findet keine Sprache, keinen Ton. Es gibt nicht einmal missglückte Metaphern, es gibt so gut wie gar keine Bilder. Dialoge, wenn sie denn gewagt werden, laufen so: "''Alle Hausmeister sind neugierig'', seufzte wohlig meine Mutter. ''Die meisten Hausmeister sind Nazis'', murrte mein Bruder." Statt dass jemand etwas einfach sagt, "kichert" der Vater, "quengelt" die Schwester, "schrillt" die Tante, "trotzt" der Vetter. Wie kann es sein, dass eine erfahrene Autorin dafür kein Gespür hat?
Das Scheitern von Eva Menasse ist symptomatisch. So sieht es aus, wenn ein Text unbedingt Literatur werden soll. Anstatt auf die Geschichten der Familie und ihre innere Bewegung zu vertrauen, wird ein chronologischer Zickzackkurs gefahren, statt sich auf die markanten Details und Episoden zu konzentrieren, wird alles gehäuft, als könnte der Stoff nicht reichen. Und es werden viel zu viele Worte gemacht.
Ein Beispiel nur: Sein Kriegserlebnis in Burma, wo die gegnerischen Japaner immer wieder ins Kreuzfeuer der britischen Maschinengewehre rennen, wird vom Onkel der Erzählerin ausreichend kommentiert: "Weißt du, was Todesmut in Wirklichkeit ist? Befohlener Selbstmord. Kadavergehorsam. Ein riesiges Verbrechen." Völlig überflüssig, das noch einmal aus ihrer Sicht viel schwächer zu ergänzen: "Sie müssen umgefallen sein wie Zinnsoldaten, wie Pappkameraden, wie Kegel."
Als fatal erweist sich der journalistische Hang zu Paradox und Pointe. Was einst bei Friedrich Torberg (1908 bis 1979) und seiner "Tante Jolesch" zu klugen Miniaturen und Wiener Milieustudien führte, wird hier zum quälenden Dauerton, zum Pointenstadl. Bei einer Hochzeit wird die Braut als "unglückseliges Monster" eingeführt, und da einer aus der redseligen Familie ihr Kleid als "geblümtes Dreimann-Zelt" bezeichnet, greift die Erzählerin das gleich noch einmal begeistert auf und schreibt auf der folgenden Seite: "Das Dreimann-Zelt zeigte Schweißflecken."
Mit einem gewissen Stolz wird vermerkt (und nun schon mehrfach von der Kritik zustimmend zitiert): Man gebe in dieser Familie "im Zweifelsfall der Pointe immer den Vorzug vor der Geschmackssicherheit". Das mag so sein, doch ob das auch für einen Roman die richtige Entscheidung ist? Etwas Distanz der "ganzen Heimeligkeit dieses familiären Sagengutes" dem "mehrstimmigen Pointenfeuerwerk" gegenüber wäre dem Buch gut bekommen.
So gehen auch die stillen, tragischen Motive in der Suada unter. "Der Mutter meines Großvaters, der dicken Alten mit den vielen schwarzen Röcken, hatten zur Emigration die Kraft und das Problembewusstsein gefehlt." Sie wird, 81 Jahre alt, von Wien aus in ein KZ deportiert. In einem anderen Roman hätte der folgende knappe Satz seine tieftraurige Wirkung entfalten können, hier wirkt er fehl am Platz: "Sie hat in Theresienstadt dann keine große Mühe mehr gemacht, denn sie überlebte die anstrengende Zugfahrt nur um zwanzig Tage."
Der Roman soll die Struktur des familiären Durcheinanderredens, Abschweifens, der jähen Einfälle abbilden, doch scheint das bisweilen mehr ein Vorwand zu sein, um einfach draufloszureden und vieles im Vagen zu lassen. Natürlich wäre das ein Thema gewesen: wie sich eine Familie über ihre Geschichten definiert. Doch Eva Menasse konnte sich nicht entscheiden, ob ihr nun diese Geschichten selbst oder das Reden darüber wichtiger waren.
Das Buch dürfte dennoch seinen Weg machen. Es finden sich einige Episoden, die auf Lesungen launig und publikumswirksam vorzutragen sind. Als Roman freilich ist "Vienna" ein einziges großes Missverständnis - und insgesamt nicht einmal unterhaltsam, sondern quälend langatmig. VOLKER HAGE
* Eva Menasse: "Vienna". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 432 Seiten; 19,90 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 9/2005
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