10.12.1979

Der Menschenfeind wählt Grüne Liste

Nostalgie ist der immer hemmungslosere Ausdruck einer Gesellschaft, die viel hat und der dazu immer weniger einfällt. So schraubt sie ihre Glühbirnen in ehemalige Petroleum-Lampen, hüllt sich in alte Fummel und Fetzen und schlürft ihre Süppchen aus Omas geblümten Schnörkeltassen.
Diese Stimmung des "Aus alt mach neu", die ja nicht einfach das Vergangene hervorkramt, sondern ihm dabei einen neuen Boutiquen-Schliff verpaßt, hat in Hans Magnus Enzensberger einen Designer gefunden, der mehr vermag, als nur eine wilhelminische Wohnung mit ihrem Deckenstuck neu aufzumotzen.
Mit dem Slogan "Es geschieht nichts Neues unter der Sonne" hat Enzensberger aus dem "Misanthrop" des Molière einen "Menschenfeind" von 1979 gemacht: die Verse salopp verkürzt und mit neuen eleganten Reimen versehen, die-Stimmung aufgemöbelt, eine Michelin-gerechte Bearbeitung, sozusagen Versailles dividiert durch Gucci.
Wie alle funken Geister liebt Enzensberger die flotten Analogien. Vor gut einem Jahr veröffentlichte er die "Titanic" -- ein Versepos, das den Untergang des Luxusdampfers in First-Class-Versen als Menetekel des technischen Zeitalters besang.
Die Ölkrise hatte den Benzinpreis steigen lassen, die Stimmung hieß Untergang; Hans Magnus Enzensberger, der als "Kursbuch"-Mitherausgeber wissen mußte, wo?s langgeht, war der apokalyptische Dressurreiter.
Auch den Moliere jetzt hat er in die Boutique der neuesten Stimmung eingebracht: "Ich entdeckte", so schrieb Enzensberger in Venedig, "daß die Party, die am Abend des 4. Juni 1666 auf der Bühne des Theaters vom Palais-Royal begann, immer noch andauert."
Der Eisberg, der eben noch die Titanie gerammt hatte, wird also jetzt zu Eiswürfeln zerlegt, die Enzensberger in die Whisky-Gläser einer ewig-währenden Fete wirft.
Die Schickeria feiert unverdrossen weiter, 1979 wie 1666, obwohl inzwischen aus dem Sonnenkönig Helmut Schmidt, aus Madame Montespan Gabriele Henkel und aus Moliere Hans Magnus Enzensberger, gespielt von Ulrich Wildgruber, geworden ist.
Enzensberger hat die Parallelen elegant gezogen. Daß auf heutigen Partys um der Karriere und der Beziehungen willen genauso geschmeichelt und geheuchelt, gelogen und mit Sottisen gehandelt wird wie in den höfischen Salons der Molière-Zeit, ist dabei so naheliegend, daß der um theoretischen Feinschliff bemühte Bearbeiter dazu gar nicht die Theorie von der unveränderbaren Upper Middle Class hätte aufbieten müssen.
Molieres Kampf mit der Zensur, die im "Misanthrop" ein vorsichtiges Echo findet, ist für einen "Kursbuch"-Autor, der Erfahrungen mit Paragraph 88 a und dem "Mescalero"-Artikel hat, ebenfalls leicht zu adaptieren.
Der Clou des Ganzen jedoch ist Enzensbergers Entdeckung, daß Molière die Rolle des Misanthropen in seiner Lieblingsfarbe, in Grün spielte.
Und schon hat das Stück eine schicke heutige Pointe: Wie sich der Menschenfeind der Sonnenkönigzeit angeekelt von der höfischen Welt abkehrte und die Einsamkeit suchte, so muß sich der Menschenfreund heute, das Sonnenenergie-Zeichen auf der Ente,
*Mit Pola Kinski, Dietrich Mattausch, Johannes Pump, Rosel Zech, Jörg Holm und Ulrich Wildgruber.
angeekelt von der heutigen Glamour- und Glitzerwelt abwenden:
Atomenergie. Bonn, Aufstieg in die Chef-Etagen? Nein danke! Der Menschenfeind bei Enzensberger ist ein Grüner, der am Schluß ins alternative Leben flieht.
Wer sich so auf Moden und Trends einläßt, der müßte sich glänzend auf ein Theater der Moden und Trends verstehen, also auf ein Theater des Boulevards.
Für ein solches Theater, von dem ja nicht einzusehen ist, warum es immer nur Konfekt als Betthupferl verteilt, plädiert Peter Zadek; heutiges Vergnügen mit heutigen Problemen für ein heutiges Publikum, warum also soll ein Menschenfeind nicht so sprechen:
wie ich das hasse! Dieses Party-Pack -/es ist so glanzvoll wie Metallic-Lack."
Oder: "Nein, nein. Kein Mensch, der etwas auf sich hält, /legt Wert auf diese öde Plastik-Welt."
Und so beginnt die Aufführung in der Freien Volksbühne in Berlin im hochmondänen Bühnenbild Daniel Spoerris (das die Enzensberger-Methode der Aufmöbelung ironisch wiederholt, indem es beispielsweise eine moderne Hausbar in einen klassischen Sekretär packt) wie auf Hochglanz poliertes Boulevard-Theater -- noch dazu wie ein Boulevardtheater, dessen Glamour sich höhnisch mit dem Boulevardtheaterglamour heutiger Geselligkeit auseinandersetzt.
Es tritt Uwe Friedrichsen als Oronte auf, der neudeutsche Erfolgsmensch par excellence, dümmlich-brutal, eine Mischung aus plumper Anbiederung und überheblichen Männchenposen.
In diesem Erfolgstyp, der über Leichen geht, dies aber durch Schöngeisterei vor sich und andern verbergen möchte, kulminiert gleich im ersten Akt die Aufführung. Die Entlarvung eines Typs und einer Lebenshaltung, die sie hier leistet, holt sie so gut wie nie wieder ein.
Höchstens noch in der zur Partyziege verwandelten Frömmlerin Arsinoe, deren Bosheit bei Ilse Ritter nur noch wie verschmierte Schminke über Hilflosigkeit und kläglicher Einsamkeit sitzt.
Sonst jedoch wird Enzensbergers um keinen modischen Reim, um keine gängige Redensart verlegener Text von Zadeks Inszenierung immer widerstandsloser zelebriert: plappernde Modepuppen treten auf, denen man gnadenlos jegliche Verlegenheit um Worte ausgetrieben hat.
So haben die Figuren immer weniger von sich zu sagen, je mehr sie kokett des Autors Eloquenz belegen. In Enzensbergers witzig-glatten Reimen bleiben alle menschlichen Ungereimtheiten auf der Strecke; Molières Menschen sind von dem, was ihnen in den Mund gelegt wird, nur noch so betroffen wie Kabarettisten, die ihrer Umwelt mit parodistischer Überlegenheit zu Leibe rücken.
Äußerlich hat Enzensberger zwar die Handlung der Komödie mit getreuer Routine durch die Jahrhunderte geschoben, so daß es bei der Brief-Dramaturgie nicht einmal so sehr stört, wenn nun das Telephon schon erfunden ist.
Dem Innern der Komödie sind jedoch auf dem Wege ins zwanzigste Jahrhundert Betroffenheit und Trauer abhanden gekommen.
So fällt zum Beispiel auf, daß Alceste, der Menschenfeind, sich in seinem witzelnd-oberflächlichen Parlando in nichts von der Society unterscheidet, gegen deren Lügen und Intrigen er doch vorgeblich auch noch bei Enzensberger anrennt.
Ulrich Wildgruber, der sich mit all seinen scheinbar ungeschliffenen Mitteln einer solchen Routine widersetzt, geriet da doch an eine nicht zu lösende Aufgabe.
So tapsig-fahrig er auch durch das schicke Tanzeln der anderen Gäste tier Dauerparty stolperte, zu der Enzensberger unsere Gesellschaft gerinnen läßt, so sehr Wildgruber auch mit sperrigen, -- nervösen Gebärden gegen die Glätte seiner Rolle kämpfte -- es blieb deutlich, daß die Bearbeitung die Rolle dieses liebenden Literaten weder in der Literatur noch in der Liebe angesiedelt hat.
Er nimmt eher zerstreut zur Kenntnis, daß die Polizei bei ihm eine Hausdurchsuchung veranstaltet hat. Und er bleibt auch seltsam unberührt, wenn er zwischendurch eben mal verhaftet oder zumindest zum nächtlichen Verhör gebeten wird.
Daß die Inszenierung von Zadek ihm zumutet, seiner Geliebten beim Kopulieren oder wenigstens beim Intensiv-Petting zuzusehen, macht die Rolle auch nicht gerade glaubwürdiger. Denn es wirkt ein wenig dummerhaft, wenn ein Mann eine Frau fragt, wie sie sich denn entschieden habe, wenn er sie gerade in flagranti mit einem andern ertappt hat.
Doch Enzensbergers Komödienversion "erledigt" die Liebe des Menschenfeindes zu Célimène ohnehin schnell und gleichsam en passant, weil der doch im Nachdenken verzweifelnde Held in der Neufassung all seine Energien auf witzelnde Analogien verschwendet wie alle anderen.
Da half es denn auch wenig, daß Zadek die Célimène mit Rosel Zech gewissermaßen gegen den Strich besetzte: statt eleganter Salondame ein aufgepopptes Hausmütterchen.
Denn auch sie hat bei Enzensberger nur die routinierte Funktion, das Parlando am Laufen zu halten. Und keine Chance, wie bei Molière, der souveräne Gegenpol zu der gewiß auch komisch wirkenden Unbedingtheit des Misanthropen zu sein.
Bei Molière geht es in der Komödie um die tragische Unvereinbarkeit zweier Lebenshaltungen: Er lebt trotz der Menschen, sie lebt wegen der Menschen. Bei Enzensberger geht es eigentlich nur um die Exekution eines durchgehenden Party-Geplauders.

DER SPIEGEL 50/1979
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