10.12.1979

GESTORBENFriedrich Ebert, Frantisek Kriegel, Sonia Delaunay, Nicolas Born

Friedrich Ebert, 85. Wenige Wochen bevor sich der Sohn des ersten deutschen Reichspräsidenten von Sowjets und SED zum Oberbürgermeister des Berliner Ostsektors ausrufen ließ, befielen den Sozialdemokraten Zweifel. Karl Ebert erwartete in Heidelberg die Flucht des Bruders in den Westen. Doch der entschied sich, nach einer Moskau-Reise, zum Bleiben. Zu stark war der Einfluß der Ostgenossen. Die Sowjets schätzten Friedrich Ebert den Jüngeren als sozialdemokratische Symbolfigur und willigen Ja-Sager eines Zwangszusammenschlusses der SPD mit den Kommunisten. Der Mann mit dem guten Namen sollte am Aufbau der Sozialistischen Einheitspartei sichtbar mitwirken. Einfluß auf Programm und Ideologie der neuen Partei allerdings gaben die sowjetischen Arrangeure dem farblosen Ebert-Sohn nicht. Ohne Widerspruch fügte er sich in die Rolle des braven SED-Dienstmannes. 1967 wurde er als Oberbürgermeister (Photo: bei einer Entrümpelungsaktion in Ost-Berlin) abgelöst, dem Politbüro der SED gehörte er bis zum Schluß an. Vergangenen Dienstag starb Friedrich Ebert in Ost-Berlin.
Frantisek Kriegel, 71. Sowjet-Premier Kossygin beschimpfte ihn als "galizischen Juden", die Kommunistische Partei Spaniens ehrte ihn als einen Mann, "der sein Leben lang für einen humanen Sozialismus gekämpft hat". Der Arzt und Reformkommunist Kriegel wurde im Prager Frühling von 1968 Mitglied des Präsidiums der KPC und Vorsitzender der "Nationalen Front", einer Dachorganisation aller von der KP zugelassenen Verbände. Als einziger führender tschechoslowakischer Politiker weigerte sich Kriegel, jenes Moskauer Diktat zu unterschreiben, mit dem die Okkupation der CSSR sanktioniert wurde. Daraufhin verlor Kriegel alle hohen Parteiämter. Im Mai 1969 wurde er aus ZK und Partei ausgeschlossen. Schließlich mußte der Mediziner 1970 auch seinen Posten als Chefarzt eines Prager Krankenhauses aufgeben. Weil er das Bürgerrechtsmanifest "Charta 77" mitverfaßte, ließ die Partei den "Staatsfeind Nummer eins von der Geheimpolizei überwachen und anonym bedrohen. Vergangenen Montag starb Kriegel in Prag an Herzversagen. Das Regime verfolgte ihn über den Tod hinaus: Die Behörden erlaubten der Familie keine Beisetzungsfeier. Sie ließen Kriegel am vorigen Donnerstag in einem Prager Krematorium einäschern.
Sonia Delaunay, 94. In den ost-westlichen Kunstbeziehungen? denen die Moderne wesentliche Antriebe verdankt, spielte die Großbürgerstochter Sonia Terk aus Odessa eine prominente Rolle. 1905 war die Malerin und Designerin in Paris eingetroffen, 1910 heiratete sie (in zweiter Ehe) den "orphistischen" Maler Robert Delaunay. Seinen Stil der rhythmisch-abstrakten Kompositionen schien sie oft getreu zu adaptieren. Sie übertrug ihn aber zielstrebig -- ähnlich wie russische Kolleginnen die Motive der frühen Sowjet-Malerei -- von der Leinwand auf die Umwelt. Mit unkonventionellen Entwürfen für Kleider ("Mode ist für mich getragene Kunst"), Teppiche, Geschirr und selbst Auto-Lackierungen wurde Sonia Delaunay eine Berühmtheit der Art-Déco-Periode. Nach dem Tod ihres Mannes (1941) malte sie in dessen Sinne weiter, profilierte sich dabei jedoch, mit eigenem kräftigem Farbsinn, womöglich einer Reminiszenz an slawische Folklore, zunehmend als unverwechselbare Künstlerin. Sonia Delaunay starb letzten Mittwoch in Paris.
Nicolas Born, 41. Er war kein flinker Parade-Literat, vielmehr ein bedächtiger, sein Wort prüfender Einzelgänger. Trotz eines frühen Debüt-Romans und mehrerer Gedichtbände setzte sich der gelernte Chemigraph aus dem Ruhrgebiet erst 1976 als Autor durch -- mit dem Roman "Die erdabgewandte Seite der Geschichte", der skeptisch und genau von den gebrochenen Hoffnungen der Demonstranten von 1968 erzählt. Als in diesem September sein Roman "Die Fälschung" erschien und enthusiastisch rezensiert wurde, wußte Born längst, daß es sein letztes Buch bleiben würde. Er starb am vergangenen Freitag in Berlin an Krebs.

DER SPIEGEL 50/1979
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