17.12.1979

„Man muß als Künstler ein Risiko tragen“, Gidon Kremer

SPIEGEL: Herr Kremer, Moskau blockiert. Ihr Landsmann Dmitrij Kitajenko mußte seine Engagements in Wien, der Chef der Leningrader Kirow-Oper, Jurij Temirchanow, seine Verpflichtungen in Paris absagen. Ihr Freund Andrej Gawrilow wurde gezwungen, sein Klavierkonzert mit Karajan in Berlin am vorletzten Wochenende platzen zu lassen. Wissen Sie, warum?
KREMER: Die staatliche Künstleragentur Goskonzert in Moskau behauptet, Gawrilow habe anderweitige Verpflichtungen. Ich weiß, daß er einen festen Vertrag besitzt, spielen wollte, gesund war und keine anderen Verpflichtungen hatte. Letzteres ist eine absolut formelle und absurde Begründung -- genauso könnte man sagen, er habe einen Teekessel auf dem Herd stehen, um den er sich kümmern müsse. In Moskau findet man immer Ausreden.
SPIEGEL: Wann werden Sie wieder in Moskau spielen?
KREME)?: Wenn es nach mir geht, mi Januar und Februar 1980, wie seit langem geplant.
SPIEGEL: Sie sind sowjetischer Staatsbürger, Ihr Ausreisevisum ist bald abgelaufen. Fürchten Sie nicht ähnliche Probleme oder gar Verbote?
KREMER: Ich kann nur fürchten, daß mir das Übliche widerfährt, und der Fall Gawrilow ist das Übliche. Wie ich weiß, gab es in letzter Zeit bei vielen in der UdSSR einen "Kremer-Komplex". Die einen sprachen begeistert davon, die anderen neidisch. Die Behörden sagten, sie könnten schließlich nicht das ganze Land "kremerisieren".
SPIEGEL: Was hat denn Neid und Begeisterung in der UdSSR ausgelöst?
KREME)?: Vor zwei Jahren habe ich in Moskau vereinbart, daß ich keinen West-Urlaub erhalten sollte, wie es hier in der Presse stand, sondern einen Sonderstatus, der es mir erlaubte, meine Erfahrungen mit allen meinen Freunden und Kollegen in der Sowjet-Union zu teilen.
SPIEGEL: Welche Erfahrungen?
KREME)?: Ich konnte mich frei in der Welt bewegen, und es war wirklich eine sehr wichtige Zeit für mich, die Welt mit offenen Augen zu sehen.
SPIEGEL: Wie konnten Sie gerade für sich diesen Sonderstatus aushandeln?
* Mit SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach.
KREME)?: Ich bin ja nicht die einzige Ausnahme. Auch weltberühmte und anerkannte Künstler wie der Pianist Swjatoslaw Richter und der Dirigent Gennadij Roschdestwenski genießen einen Sonderstatus, wenn vielleicht auch anderer Art. Der Kern des Problems heißt doch: Was wird eigentlich als "Ausnahme" oder, wie bei mir, als "Experiment" bezeichnet? Doch nur die ganz normalen Umstände eines Künstlerlebens: reisen zu dürfen, und zwar mit Frau oder Familie, selbst Programme und Tourneen zu konzipieren, selbst Verträge zu unterzeichnen. Es ist doch absurd, solche Selbstverständlichkeiten auch noch als Entgegenkommen bewerten zu müssen.
SPIEGEL: Halten Ihnen die Behörden nicht auch vor, aufgrund des Sonderstatus hätten Sie ohnehin gleichsam "alles"?
KREME)?: Genau. Aber dieses "Alles" meint eine vom künstlerischen Rang abhängige Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnung, ein Auto, Telephon, gewisse Auslandsreisen, ein sicheres Monatseinkommen in Rubeln, manchmal einen Titel und mit diesem auch eine Datscha -- einiges davon hatte ich auch. "Alles" schließt aber auch tagtägliche Auseinandersetzungen ein, und die werden später, bei der Empörung, dann meist vergessen. Der Begriff "Er hatte doch alles" wird oft zur Verleumdung eines Abtrünnigen benutzt.
SPIEGEL: Wer darf ins Ausland reisen?
KREMER: Nur einige der Besten und alle die, die von Funktionären unterstützt werden. Aber auch deren sogenannte Freiheit ist auf 90 Tage begrenzt. Ein Anfänger kann von diesen 90 Tagen nur träumen. Der offiziellen Politik scheint es wohl überzeugender, immer mal wieder irgendein Volksensemble oder das Bolschoi-Ballett auf Tournee zu schicken als einen riskanteren einzelnen. Einem der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten der UdSSR, Alfred Schnittke verweigert Moskau die Annahme eines Lehrauftrags in Wien, weil er sich in besagtem Fach -- zeitgenössische Musik -- nicht genügend auskennen würde. Natalja Gutman, bestimmt eine der besten Cellistinnen, durfte acht Jahre lang nur in der UdSSR konzertieren.
SPIEGEL: Waren Sie selbst auch schon von solchen Verboten betroffen?
KREME)?: Vor sechs Jahren, nach längerem Ausreiseverbot in den Westen, sollte ich in Österreich spielen. Dort schien man sehr unruhig, weil mein Kommen noch nicht bestätigt worden war. Ich stand im Büro von Goskonzert, und eine Dame sagte in meiner Gegenwart den besorgten Österreichern am Telephon: "Ja, wissen Sie, er hatte gestern einen Autounfall, und wir wissen noch nicht, ob er kommen kann." Ich stand kerngesund daneben. Dieser Zynismus ist üblich.
SPIEGEL: Und wie wollen Sie sich gegen solchen Zynismus wehren, wenn Sie Anfang 1980 wieder in Moskau sind?
KREME)?: Wenn man einmal in Moskau ist, dann kann man sich sehr schwer wehren. Wer sich zuviel wehrt -- vor allem, wenn er nicht prominent ist -, der erregt gleich Verdacht. Für sich selbst kann man sich schon deshalb kaum einsetzen, weil man selten den Menschen trifft, der die Entscheidung auf seine Kappe nimmt. Es ist eine anonyme Bürokratie. Und stößt man mal auf einen hilfreichen Menschen, dann ist der entweder machtlos oder spielt gut Theater. Ich kenne beide Typen.
SPIEGEL: Kann man Druck ausüben?
KREME)?: Das können allenfalls angesehene Künstler. Um aber bei Behörden anerkannt zu werden, muß man oft sehr konformistisch handeln. Die aber kein Glück oder keine Kraft zum Kämpfen haben, die geben auf und ringen sich oft zu so schweren Entscheidungen durch wie das Land zu verlassen.
SPIEGEL: Kann man noch künstlerisch arbeiten, wenn man sich anpaßt?
KREME)?: Ich kenne sowjetische Künstler, die sich selbst bereits so erzogen haben, daß sie es niemals wagen würden, nach einem Auftritt im Westen dort auch nur einen einzigen Tag länger zu bleiben, um vielleicht ein Museum zu besichtigen. Sie haben Angst, auf die schwarze Liste zu kommen, und nehmen das nächste Flugzeug, wie Moskau es erwartet.
SPIEGEL: War Ihr Sonderstatus eigentlich schriftlich dokumentiert?
KREME)?: Nicht direkt. Es gab eine mündliche Vereinbarung, und ich erhielt für 1978 und 1979 jeweils ein mehrmaliges, ein Jahr gültiges Ausreisevisum. Meine Frau Jelena dagegen, auch Sowjet-Bürgern, bekam leider nur von Fall zu Fall ein einmaliges Visum. Mein letztgültiges Ausreisevisum gilt praktisch bis zum bevorstehenden Jahresende. Aber am 31. Dezember wird nicht mein Paß ungültig. Ich muß nur ein neues Visum beantragen.
SPIEGEL: Auf welche Details hatten Sie sich damals in Moskau geeinigt?
KREME)?: Ich habe mich vor zwei Jahren für eine bestimmte Zahl von Konzerten in der Sowjet-Union und im Ausland sowie zu einer Reihe von Schallplatten-Produktionen verpflichtet, und ich erfüllte alle vertraglichen Vereinbarungen. 1978 waren rund 70 Prozent meiner Arbeit Verpflichtungen gegenüber Goskonzert, in diesem Jahr war das Verhältnis ausgeglichener. Da konnte ich rund die HäUte meiner Arbeit nach Ort, Zeit und Programm selbst bestimmen. Diese Freizügigkeit habe ich sehr genossen, und ich bin dankbar dafür.
SPIEGEL: Wann waren Sie zuletzt in Moskau?
KREMER: Mehrmals im Laufe dieser zwei Jahre, wobei ich beim letzten Mal, im September dieses Jahres, auch ein Gedenkkonzert für meinen verstorbenen Lehrer Dawid Oistrach gespielt und bei dieser Gelegenheit erstmals in Moskau meine neue Stradivari-Geige vorgestellt habe, die ich dank meiner zweijährigen Tätigkeit anschaffen konnte.
SPIEGEL: Haben Sie in Moskau Nachahmer gefunden, ist Ihr Sonderstatus zum Präzedenzfall geworden?
KREMER: Ich würde diese Art von Freiheit allen meinen Freunden und Kollegen gönnen. Davon könnte auch die Sowjet-Union nur profitieren.
SPIEGEL: Moskau sieht das wohl anders.
KREMER: Ja, aus mehreren Gründen. Reisen gilt als Privileg der Touristik und des Geldverdienens. Wenn ein Mensch an Informationsdurst und Geldgier erkrankt, ist er schon gefährlich. Die Behörden wollen einfach nicht einsehen, daß ein freier Geist letztlich viel mehr zum Prestige des Landes beiträgt. Zudem wird ständig verlangt, ein Künstler müsse im eigenen Land tätig sein.
SPIEGEL: Aber dagegen wird sich doch kaum jemand wehren?
KREMER: Natürlich nicht. Ich selbst habe immerhin in über 150 Städten konzertiert, in vielen mehrfach. Die UdSSR ist so groß, daß man sein ganzes Leben darin reisen und immer wieder neue Städte entdecken könnte. Nur wirft man in der Moskauer Bürokratie immer wieder drei völlig verschiedene Aspekte durcheinander: die internationale künstlerische Laufbahn, die Einstellung zum eigenen Land, zum Heimatland, und die von den Behörden errichteten Hindernisse.
SPIEGEL: Wie argumentieren die Behörden?
KREMER: Sie sagen: Du bist unser Künstler und mußt einsehen, daß wir entscheiden, wo wir dein Können brauchen. Sonst gehörst du eben nicht zu uns. Daß man sich selbst zu den Eigenen rechnet, zählt nicht. Wie viele Künstler haben in den letzten Jahren die UdSSR verlassen: die Dirigenten Nelson, Kondraschin, Barschai, die Pianistinnen Leonskaja und Dawidowitsch, die Ersten Preisträger aus Tschaikowski-Wettbewerben wie Ashkenazy, Geringas, Pergamentschikow, die Tänzer Baryschnikow und Godunow. Die Liste ist endlos. Gerade ging wieder durch die Presse, daß zwei bedeutende Künstler aus Estland -- der Dirigent Jarvi und der Komponist Pärt -- die UdSSR verlassen wollen. Pärt, der zur Zeit ein Auftragswerk für die Salzburger Festspiele schreibt, wurde sofort aus dem Komponistenverband ausgeschlossen, obwohl man ihn vor einem Jahr noch mit dem Staatspreis ausgezeichnet hatte.
SPIEGEL: Das System rächt sich sofort.
KREMER: Man kann sich über die Blindheit der Behörden nur wundern. Anstatt sich zu freuen, so viele Begabungen zu besitzen, freut man sich eher an den Verlusten, die dann als Beispiel für "geistigen Verfall" hingestellt und zur Erziehung anderer benutzt werden.
SPIEGEL: Fördern die sowjetischen Behörden die Unsicherheit bei den Künstlern?
KREMER: Natürlich. Wie lange noch wird Druck auf jeden Künstler ausgeübt, der vor einer Tournee oder einem Wettbewerb steht, daß er bis zum Vorabend seiner Abfahrt nicht weiß, ob er reisen darf oder nicht. Sogar Kinder sind davon betroffen. Unlängst durften sämtliche Mitglieder jenes Jugendorchesters aus Wilna, das im Karajan-Wettbewerb den ersten Preis erspielt hat, im letzten Augenblick nicht fahren, obwohl sie sich monatelang vorbereitet hatten. Ob sich der zuständige Funktionär wohl Gedanken macht über den Schock für die Seelen dieser jungen Menschen!
SPIEGEL: Und niemand muckt da auf?
KREMER: Niemand hat den Mut, sich einzusetzen, weil beinahe jeder Angst hat, auch er könne dann behindert werden. Und alles das bei einem wirklich sehr gründlich aufgebauten Musikerziehungs-System, dem -- trotz einiger Schwächen -- vielleicht besten der Welt. Und das bei einem Konzertleben, das von seiten des Publikums und der Entwicklungsmöglichkeiten beneidenswerte Chancen eröffnet, wenn ich es mit vielen snobistischen Unternehmungen im Westen vergleiche.
SPIEGEL: Aber der Drang nach Westen hat doch schon Tradition.
KREMER: Eine traurige Tradition, ja. Was wir jetzt mit Bedauern beobachten, ist die Fortsetzung jener Liste vom ersten Viertel dieses Jahrhunderts, als Rachmaninow, Schaljapin, Horowitz, Heifetz, Milstein und Strawinski ihre Heimat verließen. Natürlich ist Rußland so groß, daß immer wieder neue Begabungen nachwachsen werden. Aber ein Verlust bleibt ein Verlust -- für diejenigen, die ihrem Land schweren Herzens den Rücken kehren, und auch für den Staat, der sein geistiges Potential vermindert, statt seinen Reichtum stolz zu hüten und zu vermehren.
SPIEGEL: Sind Sie selbst Mitglied der Kommunistischen Partei? KREMER: Nein.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Parteizugehörigkeit bei den Chancen für sowjetische Musiker?
KREMER: Viele sind mit der Vorstellung aufgewachsen, unmöglich impolitisch sein zu können. Die Behörden gehen offenbar davon aus, daß die Kunst gleichsam mit der Parteimitgliedschaft wachse. Als Parteimitglied bekommt man auch Unterstützung und, nach dem Tode, einen besseren Platz auf dem Friedhof. Aber Gott sei Dank hat die Kunst ihre eigenen Gesetze. Und deshalb sind so große Musiker wie Richter und Roschdestwenski, die nicht zur Partei gehören, am Ende genauso anerkannt worden wie die Parteimitglieder Gilels oder Kogan. Anders ist der Fall Kondraschin ...
SPIEGEL: ... jenes hochangesehenen langjährigen Chef dirigenten des Symphonieorchesters der Moskauer Staatlichen Philharmonie ...
KREMER: ... der 1978 im Westen blieb. Kondraschin war weit mehr als 30 Jahre Mitglied der KPdSU. Als er im Westen blieb, behaupteten die Behörden schon am nächsten Tag, er habe 30 Jahre lang nur Theater gespielt und uns alle belogen und betrogen. Niemand fragte, ob nicht vielleicht auch eine schwere Enttäuschung diesen Entschluß bewirkt habe. Heute geht man mit Kondraschins Verbannung so weit, daß man seinen Namen von Amts wegen aus einem Prospekt des Pianisten Mogilewski löscht, der mit Kondraschin Rachmaninows drittes Klavierkonzert in einer hervorragenden Platte aufgenommen hatte. Goskonzert verteilt diesen Prospekt mit weißen Löchern.
SPIEGEL: Was sind die Grundbedingungen, unter denen Goskonzert überhaupt eine Reise in den Westen gestattet?
KREMER: Man muß seinen Terminkalender weitgehend auf Moskauer Wünsche abstimmen und auch möglichst viel russische Musik spielen. Das kann natürlich für den Westen auch sehr interessant sein. Nur werden leider dabei die jüngsten Werke der sowjetischen zeitgenössischen Musik meist totgeschwiegen.
SPIEGEL: Und die materiellen Bedingungen?
KREMER: Goskonzert hat das absolute Monopol, ihr unterstehen alle Künstler, alle Verträge werden von ihr ausgehandelt. Der Künstler bekommt nicht, wie sonst üblich, für seine Konzerte einen bestimmten Prozentsatz als (lage, sondern eine Art festes Gehalt, das mit dem ihm in der Sowjet-Union ausgezahlten übereinstimmt. Es gibt verschiedene Kategorien: Ein Richter oder Gilels ...
SPIEGEL: . . . oder Kremer ...
KREMER: ... sind mehr wert als Anfänger. Aber sie bekommen kaum mehr auf die Hand gezahlt. Im Gegenteil: Wer sehr anerkannt und damit teuer ist, dem überläßt Goskonzert prozentual am wenigsten.
SPIEGEL: Man wird gleichsam für Ruhm und Leistung bestraft.
KREMER: Goskonzert behält immer mindestens 50 Prozent der (lage ein, manchmal auch 90.
SPIEGEL: Das müßten Sie erläutern. KREMER: Einem bekannten sowjetischen Künstler, dessen (lage in der Bundesrepublik 1000 Mark beträgt, überläßt Goskonzert allenfalls 500 Mark. Den Rest kassiert Moskau. Beläuft sich die (lage aber auf 10000 Mark, werden ihm ebenfalls nur 500 Mark ausgezahlt, der riesige Rest gebt wiederum an Goskonzert.
SPIEGEL: Und bei Schallplatten, die Sie im westlichen Ausland machen?
KREMER: Zunächst einmal geht laut vertraglicher Bindung von jeder westlichen Produktion eine Tonband-Kopie an die staatliche Monopol-Vertretung Meschdunarodnaja Kniga in Moskau, die dieses dann im ganzen Ostblock auswertet. Konkret: Für die Aufnahme des Brahms-Konzerts mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan bekam ich lediglich einen Bruchteil dessen, was der westliche Produzent nach Moskau für mich abführen muß, nämlich -- wie jeder andere sowjetische Musiker für jede andere Aufnahme -- nur das sogenannte Minutengeld. Pro Minute des Werkes -- bei Brahms 40 oder 42 oder 37 -- wird ein Honorar in Rubel gezahlt.
SPIEGEL: Da sollten Sie sich immer recht langsame Dirigenten suchen.
KREMER: Bei meinem damaligen Minutenpreis von rund 10 Rubeln erhielt ich etwa 400 Rubel, also rund 1000 Mark. Und nie wieder werde ich für diese Aufnahme auch nur einen einzigen Pfennig sehen.
SPIEGEL: Wie verfährt man bei Rundfunk- und Fernseh-Honoraren?
KREMER: Für Übertragungen oder Mitschnitte von westlichen Radio- und Fernsehstationen bekommen sowjetische Künstler absolut nichts, weil das nach sowjetischem Recht nicht honoriert wird. Natürlich zahlen die westlichen Sender die übliche (lage, aber die fließt bis auf die letzte Kopeke an (loskonzert.
SPIEGEL: Da spielen sowjetische Musiker Moskau ja kräftig Devisen em. Aber wird dieses Geld dann in der Sowjet-Union nicht wieder gut angelegt für das dortige Musikleben?
KREMER: Von einem Teil dieser Devisen werden sicher Stars aus dem Westen bezahlt, vielleicht fließt auch einiges davon in die Musikerziehung, was die Behörden ja ständig behaupten. Nur ist auch das höchstens die halbe Wahrheit und, wie so vieles, völlig undurchsichtig.
SPIEGEL: Sprechen Sie eigentlich mit Kollegen über solche Probleme?
KREMER: Solche Gespräche führe ich nur mit guten Freunden. Sicher * Name des Dirigenten Kondraschin ist getilgt.
diskutiert man gelegentlich, aber ich halte nichts von Oberflächlichkeit. Deshalb versuche ich, heikle Dinge im Gespräch mit Unbekannten zu vermeiden.
SPIEGEL: Stimmt es eigentlich, daß der heute im Westen lebende Cellist Rostropowitsch schon vor zwei Jahren hartnäckig versucht hat, Ihnen von einer Rückkehr nach Moskau abzuraten und Sie später beschuldigte, für die Sowjet-Union Propaganda zu machen und unfair gegenüber all Ihren Kollegen zu handeln?
KREMER: Völlig unabhängig von meinem Urteil über Rostropowitschs künstlerische Leistungen, die über jeden Zweifel erhaben sind, haben wir ein sehr distanziertes Verhältnis. Uns trennt nicht zuletzt das Generationsproblem. Schließlich war ich noch Student, als er schon Professor am Moskauer Konservatorium, Volkskünstler der UdSSR und Lenin-Preisträger war. Ich kann die künstlerische Arbeit von ihm nur bewundern, aber es gibt menschliche Einstellungen und Erfahrungen des eigenen Schicksals, die ganz anders sind. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
SPIEGEL: Was ist nach Ihrer Beobachtung das größte Problem im östlichen wie westlichen Musikbetrieb?
KREMER: Es gibt die üblichen Spannungen zwischen Arbeitgeber und Künstler. Diesen bin ich auch auf dem westlichen -- sagen wir -- "Kunstmarkt" öfters begegnet. Nur wirken sie sich in der UdSSR besonders extrem aus.
SPIEGEL: Inwiefern?
KREMER: Weil die nach meiner Meinung überhaupt kaum bezahlbaren Leistungen eines Künstlers durch enormen Druck des staatlichen Arbeitgebers gekennzeichnet sind. Zwar akzeptiert der sowjetische Künstler diese Bedingungen angeblich freiwillig -- aber nicht um besondere Privilegien zu genießen, wie es im Westen oft vermutet wird, sondern um überhaupt eine Chance zu erhalten, sich künstlerisch aufzubauen und dann auch auf Tournee ins Ausland zu gehen.
SPIEGEL: Aber es gibt doch auch im Westen Druck auf den Künstler.
KREMER: Natürlich. Aber ich bin überzeugt, daß man als Persönlichkeit wie Richter, Roschdestwenski, Schnittke, Gulda oder Glenn Gould jeder Gefahr entgehen kann, in dem man ein ehrlicher Künstler bleibt. Die Frage ist nur, wieviel Widerstandskraft man besitzt, um nicht verwaltet und schließlich gezwungen zu werden, sein Leben mit fremden Lebensanschauungen zu teilen. Sicher gibt es auch im Westen genügend Mittel und Wege, Künstler zu erpressen. Nur ist es denen häufiger überlassen, ob sie den Starkult und Rummel des Kommerzbetriebs mitmachen oder nicht.
SPIEGEL: Was stört Sie am meisten im westlichen Musikgewerbe?
KREMER: Daß man vor allem am Verkäuflichen interessiert ist. Das Schielen auf Umsatzrekorde und Höchstgewinne hat mit dem Geist der Musik absolut nichts zu tun. Bei diesem Tanz ums goldene Kalb werden menschliche Probleme allenfalls aus der Ferne beobachtet und beurteilt. Die Veranstalter setzen dem Publikum immer wieder dasselbe vor und machen so die klassischen Werke zur Pop-Musik. Nichts gegen gute Pop-Musik...
SPIEGEL: ... Sie hören beispielsweise Pink Floyd doch sehr gerne ...
KREMER: ... natürlich. Mit verpoppter Klassik meine ich: Die Veranstalter dicken Mozart, Beethoven und Brahms wie ein Orangen-Konzentrat ein und verdünnen es wieder nach Lust und Laune. Wie jüngst die Münchener Konzertagentur Hörtnagel Prokofjews selten gespielte vierte Symphonie einfach vom Programm absetzte, weil das Stück "ja ohnehin kaum jemanden" interessiere, ist typisch für diese Denkweise.
SPIEGEL: Ihre Programme, Herr Kremer, sind alles andere als geigerisch-virtuose Schlemmereien. Sie durchsetzen Ihre Vortragsfolgen immer wieder mit Ausgefallenem, Vergessenem, vor allem aber mit Zeitgenössischem von Schnittke bis Stockhausen. Sind Sie musikalisch ein Dissident?
KREMER: Wissen Sie, diesen Begriff mag ich überhaupt nicht. Natürlich gibt es Leute, die sich weit mehr für das Schaffen der Gegenwart einsetzen. Aber auch ich will die Gegenwart in meinen Programmen nicht unterschlagen, sondern als Publikum herauszufordern versuchen. Man soll sich im Konzertsaal nicht nur gemütlich in den Sessel schmiegen. Und man muß als Künstler ein Risiko tragen.
SPIEGEL: Die Veranstalter sind da bestimmt anderer Meinung. Wer nimmt Ihnen Ihre zeitgenössischen Herausforderungen denn mehr übel -- die West- oder die Ost-Agenten?
KREMER: Viele, hier wie dort, wissen inzwischen, daß ich auf ganz bestimmten Repertoire-Wünschen bestehe. In Moskau gibt es die Funktionäre, die bestimmen wollen, welche Musik gespielt wird und welche nicht, obwohl sie meist nicht die Musik, sondern höchstens den Namen des Komponisten kennen. Und der ist möglicherweise unerwünscht, weil er gerade irgendwo etwas angeblich Falsches geäußert hat.
SPIEGEL: Und im Westen?
KREMER: Da gibt es die Manager und Marketing-Leute, die sich angeblich nur um das Publikum sorgen, in Wahrheit aber allein auf die Kasse gucken.
SPIEGEL: Bei den Salzburger Festspielen 1977 haben Sie das Violinkonzert von Beethoven mit einer Kadenz des Zeitgenossen Schnittke vorgetragen und damit unter den Veranstaltern Verwirrung gestiftet. War das typisch für den Kommerzbetrieb West?
KREMER: In gewisser Hinsicht ja. Man kann das Problem der Kadenz, also jenes vom Komponisten seinem Interpreten eingeräumten Freiraums, sicher auf verschiedene Art lösen, gewiß aber nicht dadurch, daß der Veranstalter am Schreibtisch bestimmt, welche Kadenz gespielt wird.
SPIEGEL: Hat man das denn damals in Salzburg wirklich versucht?
KREMER: Aber natürlich. Der Veranstalter schickte damals ein Telegramm nach Moskau, die Kadenz von Schnittke sei scheußlich, und man möge dafür sorgen, daß ich gefälligst eine andere wähle. Dabei kannte der Veranstalter Schnittkes Kadenz, die nach dem Konzert großen Erfolg hatte, überhaupt nicht.
SPIEGEL: Nun kennen Sie den Musikbetrieb in beiden Welthälften aus eigener Anschauung. Mit welchen Vorstellungen wollen Sie in wenigen Wochen in Moskau auftreten? Noch einmal den Sonderstatus der letzten zwei Jahre?
KREMER: Diese verflossenen zwei Jahre, die Moskau sicher als Gnadenakt ansieht, sollten ein gutes Beispiel sein und Schule machen für andere Künstler in der Sowjet-Union. Wie gesagt -- ich beurteile diese Zeit rückblickend sehr positiv, und das werde ich in Moskau auch uneingeschränkt zum Ausdruck bringen. Aber was mich betrifft, so stellt auch mein Privatleben Forderungen an mich, und ich stelle Forderungen an mein Privatleben? Nur sollen meine persönlichen Verhältnisse meine Beziehungen zur Sowjet-Union, zu ihrem Publikum und meinen Freunden nicht stören.
SPIEGEL: Ihre Eltern leben heute in der Bundesrepublik und sind deutsche Staatsbürger. Schlagen Sie auch jetzt hier Wurzeln?
KREME)?: Natürlich hat die Rückwanderung meiner Eltern auch Einfluß auf mich. Man kann es sogar eine grundsätzliche Änderung meiner ganzen Lebenssituation nennen. Ich habe beispielsweise allen Grund, mich zu Deutsch als meiner Muttersprache zu bekennen. Es war die erste Sprache, die ich gelernt habe. Unsere Freunde und die bundesdeutschen Behörden haben sehr viel Unterstützung geleistet und sehr viel Verständnis gezeigt. Dank dieser Unterstützung können meine Eltern, die Jahrzehnte in Riga als Künstler gearbeitet haben, das Gefühl zurückgewinnen, wieder zu Hause zu sein.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich auch schon in der Bundesrepublik zu Hause?
KREMER: Mit mir und meiner Frau Jelena ist das alles natürlich viel komplizierter. Erstens sind wir in der Sowjet-Union geboren, haben dort praktisch erworben, was uns die Kunst gebracht hat, und haben uns dort auch getroffen. Zweitens gibt es für Künstler bekanntlich selten ein Zuhause. So reisen wir schon seit zwei, ich seit zehn Jahren durch die Welt der Hotels und die Hotels der Welt. Eigentlich sind wir mehr müde als glücklich.
SPIEGEL: Sie träumen also von einem häuslichen Leben?
KREME)?: Zur Zeit ist es sicherlich noch ein Traum. Schließlich hatten Jelena und ich nicht einmal in Moskau eine eigene Wohnung. Doch sollte sich der Traum verwirklichen, dann bestimmt auch zum Teil bei meinen Eltern in Deutschland. Mein Vater ist schon 82 Jahre alt, beide sind nicht mehr arbeitsfähig. So ist es doch verständlich, daß ich als einziger Sohn für die Familie sorgen will.
SPIEGEL: Also denken Sie daran, gleichsam im Frieden mit Moskau in der Bundesrepublik Ihren festen Wohnsitz zu nehmen und gleichwohl als sowjetischer Künstler auch jederzeit in Ihrer alten Heimat zu konzertieren?
KREME)?: Genau das ist meine Vorstellung.
SPIEGEL: Das klingt utopisch.
KREMER: Nein, nicht utopisch, iber idealistisch. Und die Ideale sind in Rußland Gott sei Dank noch nicht vergessen.
SPIEGEL: Herr Kremer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Gidon Kremer
ist heute -- nach dem Tode seines Lehrers Dawid Oistrach -- als der bedeutendste sowjetische Geiger der Gegenwart in Ost und West gleichermaßen anerkannt. Karajan nannte ihn "den besten Geiger, den wir haben". Kremer, 32, stammt aus einer hochmusikalischen Familie in Riga/Lettland. Seine Mutter war Geigerin aus Karlsruhe, der Vater baltischer Violinpädagoge und Gidons erster Lehrer. 1967, als Gewinner des Brüsseler Wettbewerbs "Reine Elisabeth", debütierte er im Westen, 1970 wurde er Erster Preisträger im Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb. Vor allem Oistrach und die ehemalige Kulturministerin Jekaterina Furzewa ermöglichten und förderten seine internationale Karriere. Beim Start zu seiner ersten Tournee durch die Bundesrepublik in München rühmte ihn Joachim Kaiser 1975 als "interessantesten Geiger der Welt". Das blieb er bis heute. Seine Konzerte gehen dem üblichen Virtuosen-Glamour provokant aus dem Weg und widmen sich auffallend engagiert zeitgenössischen Werken des Westens und der Sowjet-Union. Auf Grund einer Sondergenehmigung der Moskauer Behörden durfte Kremer seit Anfang 1978 für zwei Jahre verhältnismäßig freizügig reisen und auftreten. In dieser Zeit gab er über 200 Konzerte in 25 Ländern und spielte zehn Langspielplatten ein. Den größten Teil seiner Gage opferte er für eine über 450 000 Mark teure "Stradivari"-Geige. Das amerikanische Fachblatt "Stereo Review" quittierte Kremers ungewöhnliche geigerische Fähigkeiten jüngst mit einem ebenso ungewöhnlichen Vorschlag: "Jemand sollte eine Oper über ihn schreiben, in der er nur Geige spielen und sich bewegen dürfte. Man sollte ihr einen mythischen Titel verleihen: einfach Paganini oder. Kreisler -- oder Kremer."
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 51/1979
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